Hingehört: Haight Ashbury – „Here In The Golden Rays“


Haight Ashbury sind auf "Here In The Golden Rays" die Bangles ohne Haarspray.

Haight Ashbury sind auf „Here In The Golden Rays“ die Bangles ohne Haarspray.

Künstler Haight Ashbury
Album Here In The Golden Rays
Label Lime
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Das Problem an den 1980ern war wahrscheinlich, dass man damals noch an so etwas wie Perspektive glaubte. An Wachstum, Fortschritt, Zukunft. Deshalb war man ganz aus dem Häuschen, wenn man einen Walkman tragen, Schultern aufpolstern oder ukrainische Kernkraftwerke zur Explosion bringen konnte. Und deshalb konnten die Bangles nie wie eine Sixties-Band klingen, obwohl sie im Herzen wohl genau das sein wollten.

Heute sind wir da zum Glück weiter. Finanzkrise, Klimawandel und Fukushima (ganz zu schweigen von der Ankündigung Roger Whittakers, seine Karriere zu beenden) haben für Endzeitstimmung allerorten gesorgt. Niemand braucht mehr so zu tun, als sei er innovativ oder auch bloß zeitgemäß. Längst ist es en vogue, sich in Nostalgie zu flüchten.

Deshalb kann es im Jahr 2011 eine Band wie Haight Ashbury geben. Das Trio aus Glasgow ist so, wie die Bangles immer sein wollten: Also zunächst einmal ohne Haarspray, und dann mit ganz viel Talent, Ehrgeiz, Individualität und Sehnsucht nach dem Hippie-Mekka, nach dem sich Haight Ashbury benannt haben.

Jen (Drums und Gesang) und die Geschwister Scott (Saiteninstrumente) und Kirsty (Bass und Gesang), die seit knapp vier Jahren zusammen musizieren, legen in ihr Debüt Here In The Golden Rays so viel Tiefe, Schönheit und Fantasie, dass man nur staunen kann. Die Platte klingt, wie die BBC bereits bemerkt hat, „like some forgotten acid-kissed classic from the darker side of the flower power era, both beauteous and beastly“.

Das Erstaunlichste an Here In The Golden Rays ist dabei, dass es Haight Ashbury schaffen, eine enorme Vielfalt und einen fein austarierten Spannungsbogen zu präsentieren – und doch ein Album abzuliefern, das ganz in sich abgeschlossen ist und von der ersten bis zur letzten Sekunde in seinem eigenen Klangkosmos bleibt. Zwölf Songs haben Haight Ashbury auf Here In The Golden Rays gepackt, und doch klingen diese gut 55 Minuten wie ein einziges, verwunschenes Lied.

Schon der knapp siebenminütige Auftakt Freeman Town findet von vergleichsweise ruppigen E-Gitarren über Elfen-Gesang zu Folk-Picking und einer Velvet-Underground-mit-Tamburin-Passage den Weg hin zu einem Joni-Mitchell-Finale. Mothers Ruin zeigt danach, was bei einer Orgie von Black Sabbath mit den Mamas & Papas hätte passieren können. Sympathetic Strings lässt eine Sitar wie das selbstverständliche Instrument der Welt klingen.

Favourite Song klingt wie das Lied, von dem Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg träumt. Am Ende von Alphalpha, das die Wucht von Duke Spirit mit der Verspieltheit von Kate Bush verbindet, fühlt man sich, als sei man aus dem Auge des Sturms herausgeschleudert worden, in ein sehr fernes, sehr schräges Land. Und sollten The Kills (alle beide) jemals beschließen, in Blümchenkleidern aufzutreten, dann würden sie wohl Stücke wie die rätselhafte £ Song Suite (Indigo) spielen.

Das Ergebnis ist so altmodisch (und mordern) wie die Idee, in einem Lied sein Glück zu suchen. Haight Ashbury jedenfalls scheinen dazu fest entschlossen. Dass Zeit dabei kein Faktor ist, machen sie zum Abschluss der ersten Hälfte von Here In The Golden Rays klar. Da gibt es ein Lied, mit dessen Namen sich wohl auch die Bangles, und auch die Mamas & Papas hätten anfreunden können: Don’t Let Your Music Die.

Überraschung: Das Video zu Alphalpha ist schwarz-weiß. Und zeigt Hippies:

Haight Ashbury bei MySpace.

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