Hingehört: Hercules & Love Affair – „Blue Songs“ 3


Nur noch mal zur Info: Das zweite Album von Hercules & Love Affair heißt "Blue Songs".

Nur noch mal zur Info: Das zweite Album von Hercules & Love Affair heißt „Blue Songs“.

Künstler Hercules & Love Affair
Album Blue Songs
Label Moshi Moshi
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

„Grundprinzip der Discomusik war das permanente Animieren zu rhythmischer Körperbewegung. (…) Schicker Hedonismus war in Kleidung wie Gestus en vogue. Der Producer hatte bei der Herstellung von Discomusik den wichtigsten Part, Sänger und Spieler schienen austauschbar.“

So lautet ein Auszug aus der Definition von „Disco“ in Das neue Rocklexikon von Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos und Bernward Halbscheffel. Machen wir also mal die Probe aufs Exempel. Mit Hercules & Love Affair.

Permanente Bewegung? Auf jeden Fall. Wer Hercules & Love Affair schon einmal live gesehen hat, etwa unlängst im Vorprogramm der Europatour von Gossip, der weiß genau, dass bei ihnen die Bühne einem Ameisenhaufen gleicht – wenn Ameisen auch springen und zudem Afros und goldene Anzüge ihr Eigen nennen würden.

Besondere Betonung des Outfits? Zweifelsohne. Hercules & Love Affair haben schon bei der Mailänder Fashion Week für Donatella Versace gespielt. Painted Eyes, der Opener des neuen Albums Blue Songs, wurde eigentlich für eine Chanel-Modenschau in New York geschrieben.

Und die Austauschbarkeit der Sänger? Lässt sich auch nicht leugnen. Antony Hegarty, der auf dem Debütalbum noch dem Hit Blind seine Stimme lieh, ist diesmal nicht mehr dabei. Dafür arbeiten Hercules & Love Affair mit Kele Okereke von Bloc Party als Gaststar zusammen – und haben auch zwei neue Stimmen in ihren eigenen Reihen.

Die Kriterien sind also alle erfüllt. Und doch will sich Andy Butler, der Kopf von Hercules & Love Affair, nicht so recht auf die Kategorisierung als „Disco“ einlassen. „Es gibt auf jeden Fall Elemente in unserem Sound, die sich auf Disco beziehen und von Discomusik inspiriert sind. Aber wir sind keine Discoband im Sinne von ,get on the funk train'“, erklärt er mir im Interview.

Disco sei für die Musik von Hercules & Love Affair ein viel zu eng gefasster Begriff. „Auch viele Discokünstler hatten so komplexe Einflüsse und einen so vielseitigen Sound, dass man das kaum mit einem Schlagwort charakterisieren kann.“

Butler, der eigentlich aus der klassischen Musik kommt, hat eine bessere Alternative parat, um den eigenen Sound zu umschreiben: „Wir machen Tanzmusik, die zugleich künstlerischer Pop sein will. Wir legen Wert auf Substanz, vor allem in den Texten, die bei uns möglichst emotional sein sollen. Es ist emotionale Dance-Pop-Musik.“

Hört man das am Freitag erscheinende Blue Songs, kann daran kein Zweifel bestehen. Das zweite Album von Hercules & Love Affair ist ebenso clever wie tanzbar, rührend wie abwechslungsreich. Das schon erwähnte Painted Eyes, laut Butler eine ganz gute Zusammenfassung des ganzen Albums, hat einen klassischen Discobeat, dazu Streicher, Bongos und ein Blue Monday-Keyboard. „Elegant“ heißt das erste Wort des Textes – sehr treffend.

Die Single My House klingt mit Scat-Elementen und einem wirren, glitschigen Bass fast so, wie Dancemusic vor 20 Jahren klang, als noch Technotronic oder C&C Music Factory die Charts beherrschten. Answers Come In Dreams ist danach Funk, der an sich selbst zweifelt – und trotzdem Spaß hat. Falling hat das Zeug zum Hit, I Can’t Wait kombiniert die besten Momente von Neneh Cherry mit amüsanten Computerspielsounds.

Kele Okereke klingt auf Step Up betörend, wenn auch etwas sanfter als auf seinem Soloalbum The Boxer. „Kele sounds like a great 80s British singer, that kind of classic painful boy voice. And he’s not afraid to let it crack and show a lot of emotion, which I love”, lobt Butler.

Daneben ist Butler selbst zu hören, und drei weitere Stimmen. Kim Ann Foxman war schon beim Debüt vor gut zwei Jahren dabei. Sie sorgt für das definitive Highlight von Blue Songs, ganz am Schluss. Ihre Version von It’s Alright (bekannt als Hit für die Pet Shop Boys, aber im Original 1986 von Sterling Void veröffentlicht) setzt fast nur auf Klavier und Gesang – und wird traumhaft.

Neu dabei im Team von Hercules & Love Affair: Aerea Negrot aus Venezuela, die bei Visitor glänzt. Der Song lässt erahnen, warum Andy Butler schon einen Remix für Lady Gaga machen durfte: Er beamt Giorgio Moroder ins 21. Jahrhundert. „No time to stand / it’s time to jump“, lautet der extrem coole Refrain.

Der Amerikaner Shaun Wright hat seinen großen Auftritt bei Boy Blue. Mit akustischer Gitarre und ohne Beat wird hier ein gewagter Kontrapunkt gesetzt wie es Zoot Woman einst mit Losing Sight getan haben. Das Ergebnis ist vortrefflich, irgendwo zwischen Hurts und Spandau Ballett.

Gerade dieser Song und auch das danach folgende Blue Song, das mit seinem Mix aus Ambient-Atmosphäre und Klarinetten-Experimenten ein wenig an die Gorillaz gemahnt, lassen aufhorchen. „Ich verstehe die Bedenken gegenüber dem Begriff des Authentischen“, sagte Andy einmal in einem Interview mit Intro, „aber meine Musik ist dennoch zutiefst persönlich, obwohl sie fast völlig aus Zitaten zusammengesetzt ist. All diese Zitate sind ja Teil meiner Biografie, beziehen sich auf Musik, die ich liebe. Und ich behandle diese Zitate mit sehr viel Herzblut, nie ironisch oder distanziert.“

Hercules & Love Affair nutzen den Baukasten der Elektronik, ergänzen ihn aber um eine enorme Emotionalität, ein großes musikhistorisches Wissen und eine für Tanzmusik ganz und gar ungewöhnliche Dosis Intelligenz. “If I didn’t have this release, I probably would have been a very dark and sad character”, gesteht Butler im Angesicht von Blue Songs sogar. Hier geht es also nicht nur um Flirt, Glitzer und Schweiß. Hercules & Love Affair sind viel mehr als Disco.

My House klingt nicht nur ein bisschen wie Technotronic. Auch das grandiose Video lässt das MTV der ganz frühen 1990er wieder auferstehen:

Hercules & Love Affair bei MySpace.

 


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