Holy Ghost! – „Holy Ghost!“ 2


Künstler Holy Ghost!

Holy Ghost! sind tanzbar und trotzdem rätselhaft.

Holy Ghost! sind tanzbar und trotzdem rätselhaft.

Album Holy Ghost!
Label DFA
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Es ist so eine Sache mit dem Heiligen Geist. Man kann glauben so viel man will: verstehen wird man ihn nie so recht. Blicken lässt er sich auch nur alle Jubeljahre. Und manch ein Moslem behauptet gar, das Christentum sei wegen der Sache mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist gar keine monotheistische Religion.

Auch Holy Ghost!, bestehend aus den beiden New Yorkern Alex Frankel und Nick Millhiser, haben etwas von dieser Rätselhaftigkeit. Zum einen ist Holy Ghost! schon die zweite Band der beiden Grundschulfreunde, nachdem sie bereits mit ihrem Hip-Hop-Projekt Automato für einiges Aufsehen gesorgt hatten, sich dann aber 2005, ein Jahr nach Erscheinen ihres ersten Albums, wieder aufgelöst haben. Zum anderen zeigen sie nun auf ihrem Debüt als Holy Ghost!, wie vielschichtig sie das verstehen, was für andere Leute bloß Tanzmusik ist. „I didn’t want to limit myself to making an album that could only be played in clubs,“ betont Alex Frankel, der schon als kleines Kind ein Virtuose am Klavier war. Sein Bandkollege Nick, ausgebildeter Schlagzeuger, fügt hinzu: „We were trying to make something that people would want to listen to front to back at home.“

Schon der Opener lässt dieses Konzept erahnen: Do It Again hat ein abstraktes Intro, geht dann in eine vergleichsweise konventionelle Songstruktur über, ist im Refrain so sehr Pop, dass es auch ein Boygroup-Track sein könnte, und wird zum Schluss wieder experimentell. Auch Wait And See ist bloß so eine Hälfte, die eigentlich nur in der Mitte dieser 3:40 Minuten ein richtiger Song ist. Trotzdem zeigt auch dieser Track die enorme Pop-Sensibilität von Holy Ghost! Phoenix klingen hier durch, sogar die Pet Shop Boys.

Die schon vier Jahre alte Debütsingle Hold On ist immer noch packend und verwirrend: Am Anfang steht bloß ein Drumbeat, dann folgt ein Synthie, von dem man genau weiß: In seinem nächsten Leben möchte er gerne einen großen Auftritt im Oeuvre von Grandmaster Flash haben. Im Rausschmeißer Some Children taucht eben dieser Sound dann noch einmal auf und man kann darauf wetten: Daran hätten auch Daft Punk oder Hot Chip ihren Spaß.

Wie New Order von 20 Jahren klingt Hold My Breath, und man darf getrost davon ausgehen, dass das Absicht ist. Schließlich war das Video zu I Will Come Back, der zweiten Single von Holy Ghost!, die auf dem Debütalbum allerdings nicht enthalten ist, ein äußerst originalgetreues Remake von New Orders Confusion-Clip aus dem Jahr 1983.

Auch sonst sind die Referenzen hier gute Fixpunkte für den Sound von Holy Ghost! Sie waren mit Chromeo auf Tour, haben Remixes für MGMT, Cut Copy,  Moby und Phoenix gemacht und sind schon seit den Automato-Tagen gern gesehene Gäste im DFA-Universum rund um LCD Soundsystem. Als Gaststars auf Holy Ghost! sind unter anderem Luke Jenner (The Rapture) und Michael McDonald (ähm, The Doobie Brothers) dabei.

So gibt es viel Tanzbares, das aber immer wieder gebrochen wird und vor allem in jedem Moment eine erstaunliche Wärme verströmt. Say My Name beispielsweise lässt an Zoot Woman denken. Aber wenn man das Lied mit Gitarren statt Keyboards spielen würde, wäre es einer dieser rastlosen Mini-Operetten von Bruce Springsteen sehr nahe.

Das ist enorm faszinierend und funktioniert – durchaus ein Qualitätsmerkmal für Dance-Platten – tatsächlich auch zuhause. Die Kehrseite der Medaille: Holy Ghost! fehlt es an etwas, das man mit gutem Gewissen als „Hits“ bezeichnen könnte. Wenn sie ausnahmsweise ganz straight bleiben, dann kommen Songs wie das mitreißende Jam For Jerry heraus. It’s Not Over könnte auch ein Kracher sein, verstört aber mit wilden Percussions im Break. Slow Motion straft seinen Titel mit einem sehr fidelen Bass Lügen, hat aber nicht den nötigen Punch.

Wenn Holy Ghost!, die ihren Namen übrigens einem Song der Seventies-Soul-Größen Bar-Kays entnommen haben, sich ganz und gar dem Pop hingeben, kommt so etwas heraus wie Static On The Wire, funky und catchy. In solchen Momenten wünscht man sich, Holy Ghost! hätten öfter Lust darauf, einfach mal einen Kracher zu produzieren. Doch im selben Moment weiß man, dass es dann schade um all die Überraschungen wäre, die dieses Album auch zu bieten hat. Und man würde auch die Vielfalt vermissen, die Holy Ghost! hier an den Tag legen. Einigen wir uns also darauf: Das ist schon ganz richtig so. Halbe Hits, Mut zum Ungewöhnlichen und reichlich Abwechslung – die heilige Dreifaltigkeit.

Das Video zu Wait And See dürfte auch Woody Allen oder den Beastie Boys gefallen. Denn die Hauptrolle spielt: New York City.

Holy Ghost! bei MySpace.


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