Hingehört: Hooray For Earth – „True Loves“


Künstler Hooray For Earth

Hooray For Earth geben den Pop auf "True Loves" dem Verfall preis.

Hooray For Earth geben den Pop auf „True Loves“ dem Verfall preis.

Album True Loves
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Es ist eine zerrissene Welt. Einerseits gibt es, historisch betrachtet, gute Nachrichten. Der Kalte Krieg ist längst vorbei, das Ozonloch schließt sich derzeit wenigstens ein bisschen und die FDP ist auch bald verschwunden. Andererseits fallen Vögel scheinbar grundlos gleich in Scharen vom Himmel. In Peru landen binnen eines Jahres 3000 zerplatzte Delfine tot am Strand. Und die meisten deutschen Teenager wünschen sich Dieter Bohlen als Vater. Keine Frage: Es ist eine Welt, der man nicht trauen kann.

Noel Heroux kennt dieses Gefühl. Mit seinem Projekt Hooray For Earth hat er ein Album vorgelegt, das ebenso schizophren ist wie die Zeiten, in denen wir leben, voller Hoffnung und voller düsterer Vorzeichen. Der aus Boston stammende Sänger, Songwriter und Produzent weiß, dass True Loves ein Debüt voller Widersprüche geworden ist. „The record is really aggressive sounding, but soft in attitude“, beschreibt Heroux sein Werk sehr treffend, und er liefert auch gleich die Begründung dafür: „I get more emotionally affected by extremes. I’ve really grabbed onto the positive, uplifting feelings in music that get me super psyched – but that can also come from sounds that are daunting and a little scary.“

Track 2 ist der erste eindeutige Beweis dafür und zeigt wunderbar, wie das Rezept von Hooray For Earth funktioniert: Last Minute hat einen klassischen Shuffle-Beat, ein schickes Orgelriff, die Wärme und melodische Unschuld eines Beach-Boys-Songs und die Milchbubi-Sanftheit von Spandau Ballet. Aber der Bass ist böse verzerrt, die Streicher scheinen eine enorm schwere Kindheit gehabt zu haben und das Schlagzeug muss sich schwer zurückhalten, um sich seine heimliche Metal-Vorliebe nicht anmerken zu lassen, die dann für ein paar Sekunden aber doch zum Vorschein kommt.

So geht es weiter auf True Loves, das innerhalb von fünf Wochen in New York aufgenommen wurde. Ganz oft gibt es die sehr hohe Stimme von Noel Heroux und reichlich komplexe Beats, fast immer wird ein Kern aus wunderschönem Pop dem Verfall und der Dekonstruktion preisgegeben.

Realize It’s Not The Sun klingt, als habe jemand Justin Timberlake in die Nerdfabrik geschickt. Sails erinnert an die frühen (also noch etwas sperrigen) OMD. Der Titelsong True Loves, zugleich die erste Single, könnte ein Human-League-Track im Remix von Marilyn Manson sein. Das spacige Same wirkt, als seien die Pet Shop Boys in einer besonders einsamen Umlaufbahn verloren gegangen, und müssten sich am Ende auch noch mit einem Meteoritenhagel herumschlagen.

Hotel schickt The Drums an einen sehr, sehr schattigen Strand. No Love dreht Justin Bieber durch den Fleischwolf, der Rausschmeißer Black Trees klingt, als habe sich Miley Cyrus auf eine fünfeinhalbminüte Erkundungstour durch den Hades aufgemacht. Der Höhepunkt ist Bring Us Closer Together, das tatsächlich lupenreinem Hair-Metal im Stile von We Built This City On Rock’N’Roll nacheifert und dabei ebenso ironisch wie pompös und wirkungsvoll ist.

Dabei ist True Loves nicht nur ein spannendes Album, sondern auch ein sehr gelungenes. Das liegt daran, dass bei Hooray For Earth trotz all der Widersprüche immer die Balance stimmt zwischen Atmosphäre und Melodie, zwischen Wiederholung und Variation, zwischen Effekthascherei und gutem Songwriting. Letztlich auch: zwischen Optimismus und Verschwörungstheorie.

Misstrauen und Widersprüchlichkeit regieren bei Hooray For Earth auch im Video zu Sails:

Hooray For Earth bei MySpace.

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