Hingehört: Hurts – „Happiness“ 15


Sieht aus wie 80er, klingt auch so: "Happiness" von Hurts.

Sieht aus wie 80er, klingt auch so: „Happiness“ von Hurts.

Künstler Hurts
Album Happiness
Label Four Music
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****

Eigentlich braucht man nur 48 Sekunden, um Hurts zu kennen. Dann ist die erste Stophe des ersten Lieds Silver Lining vorbei – und Sänger Theo Hutchcraft hat bereits alle Register seines Könnens gezogen. Der 23-Jährige berichtet, stöhnt, croont, provoziert, schmeichelt – alles mit wenigen Nuancen seiner Stimme.

Auch die Musik hat in dieser kurzen Zeit schon Zeichen gesetzt: Happiness, das morgen erscheinende Debütalbum von Hurts, beginnt mit Maschinenbeats, einem Compterbass und einem Sound wie von einem verzerrten Xylophon. Ganz klinisch – und doch voller Atmosphäre. So wie Tears For Fears, Frankie Goes To Hollywood oder Depeche Mode. Mit der Disco-Verliebtheit der Pet Shop Boys (Sunday). Mit der kühlen Eleganz von Human League (Better Than Love). So wie die Achtziger nun einmal waren.

Das Jahrzehnt, in dem die CD, der Videorekorder und die Pastelltöne ihren Siegeszug antraten, ist der wichtigste Bezugspunkt für die Musik von Hurts. Denn das Duo aus Manchester sieht mit schicken Anzügen, reichlich Gel in den Haaren und noch mehr Lust an der eigenen Inszenierung nicht nur aus wie die selbstverliebtesten der Popstars aus den Eighties. Hurts klingen auch so.

Trotzdem gibt es zwei wichtige Unterschiede. Den Look tragen Hutchcraft und  Keyboarder Adam Anderson nicht aus Arroganz, sondern quasi aus Selbstverteidigung. «Die einzige Möglichkeit, an diesem furchtbaren Ort nicht seine Würde und seinen Stolz zu verlieren, ist etwas Elegantes anzuziehen und so gut wie möglich auszusehen», erzählt Hutchcraft im Interview mit der Nachrichtenagentur ddp über die verzweifelten Jahre als Arbeitsloser in Manchester.

Auch die Musik ist bei genauerem Hinhören allenfalls eine gebrochene Version der Achtziger. Das Jahrzehnt von Madonna, Michael Jackson und Prince war so etwas wie der Barock des Pop – es durfte extrem verspielt und immer ein bisschen mehr sein. Mehr Instrumente, mehr Tonspuren, mehr Kostüme, mehr Einflüsse, mehr Zitate, mehr Selbstvermarktung. Hurts wissen um diese Möglichkeiten, machen aber nur sehr dosiert von ihnen Gebrauch.

Happiness bietet deshalb keinen Pomp, sondern sehr reduzierte Musik. Bestes Beispiel ist Water, das letzte Lied des Albums. Die Ballade kommt ungeheuer opulent, raumgreifend und großspurig daher. In Wirklichkeit sind aber neben den göttlichen Streichern nur ein Klavier und die barmende Stimme von Hutchcraft zu hören.

Auch der Hit Wonderful Life (noch eine Eighties-Referenz, wenn man an das One-Hit-Wonder Black denkt) ist Beweis dafür: Nach zwei Dritteln ist das irgendwo im Hintergrund ein Instrument zu hören, das nicht schlimmer Achtziger sein könnte, wenn es Schulterpolster und einen Drei-Tage-Bart hätte: ein Saxophon. Doch wo es in jedem Eighties-Hit ein Solo gehabt hätte, erklingen hier nur ein paar einzelne, halb verwehte Töne.

Es ist diese Stilsicherheit von Anderson, die das Album so gelungen macht. Und die Stimme von Hutchcraft, die immer poliert klingt, und doch voller Gefühl steckt – und voller Optimismus. Steht die Kombination aus Achtzigern + Manchester dank des Erbes von Joy Division und den Smiths sonst eher für Depression, werden hier das packende  Blood, Tears & Gold oder Stay mit seinem Gospelchor zu Hymnen an das Leben.

«Das ganze Album dreht sich um die Suche nach Glück und Zufriedenheit», erklärt Hutchcraft. «Diese Suche ist oft schmerzvoll, aber es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. Das wollen wir mit unseren Songs ausdrücken, denn so haben wir es selbst erlebt.» In jedem Fall sollte man also auch nach Sekunde 48 noch dranbleiben. Denn die Sache mit der Happiness darf man bei Hurts ganz wörtlich nehmen.

Auch im Video zu Wonderful Life passen Eighties-Attitüde und Minimalismus perfekt zusammen:

Hurts bei MySpace.

Diesen Text gibt es auch bei news.de.


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