Hingehört: Johnny Cash – „Greatest Hits“ 1


Johnny Cash begeistert als finsterer Außenseiter.

Künstler Johnny Cash
Album Greatest Hits
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung ****

Als sich Johnny Cash und Bob Dylan 1963 zum ersten Mal trafen, waren sie so aus dem Häuschen, dass sie wie kleine Kinder wild auf dem Bett umhersprangen. Man muss sich das einmal vorstellen: Der finstere Man in Black und His Grumpy Bobness als ausgelassene Trampolinturner! Unglaublich.

Die gegenseitige Bewunderung, die dieser Szene schon lange Zeit vorausgegangen war, ist hingegen leicht nachzuvollziehen. Denn Dylan steht mitten in der Tradition des Mannes, dessen Debüt 1957 die erste Sun-LP überhaupt war. Cash hingegen profitierte davon, dass der Jungspund gerne auf die Wurzeln seines Sounds hinwies und vor allem dafür sorgte, dass bei Musik auch auf die Texte geachtet wurde.

Natürlich ist What Is Truth kein The Times They Are A-Changing, doch der Tenor ist derselbe. Dylan hat sich auch das Rollenspiel Cashs meisterlich angeeignet, und beide schlüpfen besonders gerne in den Charakter des Outlaws. Die größte Parallele ist aber das Storytelling, das beide in ihren Songs zur Perfektion gebracht haben. Fast immer erzählt Johnny Cash eine abgeschlossene Geschichte in seinen Liedern, und Bob Dylan übernahm diese Methode.

So wundert es auch nicht, dass Johnny Cash hier Bob Dylan covert, und zwar Wanted Man und It Ain’t Me Babe. Die Band spielt insbesondere bei Letzterem fast ein wenig zu beschwingt, doch es fasziniert diese „rissige, aber auratische, autoritative Stimme, die noch immer klingt wie Granit und nach wie vor im Stande ist, den Nachgeborenen heilige Furcht einzuflößen“ (Rolling Stone).

Der Rest ist zur Hälfte selbst komponiert, zur Hälfte klassisch. Eine Auswahl zu treffen aus einem Werk, das bis heute über 100 Alben, 1500 Songs und 130 Hits in den Billboard-Charts umfasst, ist eine undankbare Aufgabe, wird bei diesen Greatest Hits aber ordentlich gelöst.

Den Auftakt macht I Walk The Line, und die Stimme ist gleich so tief wie die von – sagen wir es ruhig: Gott. Ausnahmsweise darf hier Bono einmal zu Wort kommen: „Johnny Cash singt nicht für die Verdammten, er singt mit den Verdammten.“ In der Tat: In diesem Gesang ist kaum Hoffnung, aber jede Menge Stolz. Big River ist dann etwas näher am Rock’n’Roll und dabei ganz und gar Johnny Cash. „Er meißelte einen Sound, der nur noch Haut und Knochen war, ohne eine einzige überflüssige Note“, hat ihm der Rolling Stone attestiert. Das macht seine Songs so hart und unerbittlich, gemeinsam mit seiner „Stimme, die aus der Tiefe des Ozeans heraufzudröhnen scheint und die Geschichte der ganzen Menschheit zu erzählen scheint“ (Musikexpress) und den existenziellen Themen, die er in seiner Trilogie selbst benannte: Liebe, Mord und Gott.

„Gottverdammte Schicksalsergebenheit, irritierender Optimismus“ zeichnet laut Rolling Stone Johnny Cashs Stücke aus, nicht selten zugleich. Das fast schon eingängige I Got Stripes ist das beste Beispiel dafür, auch Five Feet High And Rising, das schildert, wie die Farm von Cashs Familie 1937 vom Mississippi überschwemmt wurde, kann als Beleg dafür herhalten. Fast immer scheint es, als sei Cashs Stimme der Dramatik seiner Texte gar nicht angemessen, doch gerade daraus beziehen die Songs ihre Spannung und ihren Reiz. Auch Ring Of Fire. Nur in ganz wenigen Songs ist das Begehren so stark und die Liebe so mächtig wie hier. Gerade durch die (nicht nur bildliche) Verbindung mit dem Feuer kann man das durchaus mit „Romeo und Julia“ vergleichen, denn es ist nichts anderes als „die Geschichte dieser ersten, überwältigenden Gefühle von Gefahr, Sehnsucht und Liebe“ (Rolling Stone).

Auch Jackson (neben dem bezaubernden If I Were A Carpenter das zweite Duett mit seiner Frau June Carter) legt davon Zeugnis ab: „We got married in a fever / hotter than a pepper sprout.“ Der nächste Prototyp-Cash-Song folgt schon unmittelbar darauf: Das unerreichte A Boy Named Sue steckt voller Humor und Selbstironie und ist doch todernst. Cash schlüpft (wie auch in Kate) erneut in die Rolle des Getriebenen, der ganz und gar nicht ohne Moral ist, für den es aber Werte gibt, die über dem Gesetz stehen. Er wird vom Opfer zum Täter. Rache ist sein Anliegen, und die daraus folgende Schuld kann nie ganz ausgeblendet werden.

„Ich habe eine sehr ausgeprägte spirituelle Seite, gestehe aber trotzdem jederzeit ein, der größte Sünder von allen zu sein“, sagt Johnny Cash von sich. Der Rolling Stone abstrahiert dieselbe Erkenntnis: „Eine große Barmherzigkeit steckt in diesen doch so knochenharten Songs, die wohl seiner Religiosität geschuldet ist, die aber nicht zuletzt auf Erfahrung beruht.“ Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss, hört man ihn zwischen den Zeilen fast sagen – und es gibt kaum jemanden, aus dessen Mund dieser Satz so schlüssig klingt wie bei Johnny Cash. Im monolithischen Man In Black zementiert er sein Credo und sein Image, bis heute.

Am Schluss singt er zwei Stücke von Bruce Springsteen, noch so einem, der viel von ihm gelernt hat. Und dass die Stücke ein Vierteljahrhundert älter sind als seine ersten Aufnahmen, hört man praktisch nicht. Wie sagte doch Rick Rubin, der Johnny Cash wieder cool gemacht hat: „Er ist zeitlos. Seit den Anfängen des Rock’n’Roll ist er immer diese düstere Figur gewesen, die nirgendwo richtig hinpasste. Der typische Außenseiter. Im HipHop wimmelt es von diesen bösen Jungs. John hat das alles vorweggenommen.“ Johnny Cash selbst will von solcherart Verehrung nichts wissen: „Ich mag diese Dinge nicht, die sie über mich sagen. Die ‚amerikanische Legende‘, der ‚große spirituelle Führer‘, all das pathetische Zeug. Ich wollte nie etwas anderes als meine Gitarre spielen und ein einfaches Lied singen.“

Bob Dylan und Johnny Cash gemeinsam im Studio bei den Aufnahmen von One Too Many Mornings:

Johnny Cash bei MySpace.


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