Hingehört: Julia Stone – „By The Horns“ 1


Künstler Julia Stone

In "By The Horns" taut Julia Stone stets erst langsam auf.

In „By The Horns“ taut Julia Stone stets erst langsam auf.

Album By The Horns
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Es gibt einen erstaunlichen Effekt auf By The Horns, dem zweiten Soloalbum von Julia Stone. Die 28-Jährige, die in ihrer australischen Heimat schon gemeinsam mit ihrem Bruder Angus große Erfolge gefeiert hat, tastet sich in jedes der Lieder auf dieser Platte ganz vorsichtig hinein, bis sie schließlich auftaut und voll und ganz aufgeht in ihrer Musik. Genau nach diesem Rezept funktioniert auch By The Horns als Ganzes.

Gleich zu Beginn ist Let’s Forget All The Things That We Say ein gutes Beispiel dafür. Es gibt ein paar ganz schüchterne Klavierakkorde und noch schüchterneren Gesang, und bei so viel Reduziertheit und Niedlichkeit muss man sofort an Lykke Li denken. Dann gesellen sich aber Streicher und viele andere sehr nette Kleinigkeiten hinzu, und das hat auf By The Horns Prinzip: Die Platte mag beim flüchtigen Hören belanglos wirken, offenbart aber erstaunliche Feinheiten, wenn man sich in sie vertieft.

Das liegt zum einen daran, dass Julia Stone gute Songs schreibt. Die Grundstimmung ist dezent düster, nicht unbedingt im Sinne eines stockfinsteren Friedhofs, aber im Sinne einer Nacht, in der alles passieren kann. Julia Stone singt nicht kokett, ist aber auch kein Rührmichnichtan, und so entsteht ein Maß an Spannung, das selten ist im Folkpop-Genre.

It’s All Okay beispielsweise integriert ein unruhiges Klavier und Gitarrenfeedback. Der Gesang ist verschwörerisch, rauchig und herb wie bei Cerys Matthews von Catatonia, und beim zweiten Refrain hat Julia Stone sich soweit in diesem Lied eingerichtet, dass man ihr die Beteuerung „It’s all okay / ’cause love will find a way / to be what love is“ beinahe abnimmt.

Justine setzt auf den Klang von Weite und Größe. Die Zeile „I wanna live with you in California“ klingt eindeutig nicht wie ein Angebot, ein Versprechen oder gar eine Drohung, sondern wie ein Traum, der unerfüllt bleiben wird. I Want To Live Here ist nahe am Jazz, mit einer Stimme, die mindestens so betrübt ist wie die von Lana Del Rey. Wo diese ersehnte Heimat ist, erscheint übrigens nicht ohne Grund rätselhaft: Die Lieder von By The Horns wurden in Kalifornien geschrieben, in Frankreich überarbeitet, in Australien und Indien vollendet und im Herbst 2011 in New York aufgenommen.

Der Titelsong ist der Höhepunkt dieses Albums. Julia Stone erkennt hier genau, wie Machismo funktioniert, sie analysiert die scheinbar unantastbare Macht männlicher Aggression und sie weiß doch, wie schwierig es wird, Widerstand zu leisten. Der Beginn ist waidwund, dann klingt jede Zeile wie ein Medikament oder eine Therapiesitzung. „I believe in love / no darling, you can’t take that away from me“, lautet der betörende Refrain.

Der größte Trumpf von Julia Stone ist aber: Sie macht eigentlich Musik, die wunderbar ohne Schlagzeug auskäme. Alle Lieder außer dem intensiven Schlaflied The Line That Ties Me am Ende des Albums setzen aber trotzdem auf Drums, und zwar gespielt von Brett Devendorf (The National). Er agiert dabei so kreativ und einfühlsam, dass fast jedes dieser Lieder enorm effektiv wird und eine neue Dimension bekommt. Das Schlagzeug ist mal ganz sanft im Hintergrund wie im zauberhaft gesungenen I’m Here, I’m Not Here, mal beinahe träge wie in Break Apart, das an die Larmoyanz von Sheryl Crow denken lässt, mal impressionistisch wie in With The Light, das nach einer Weile beinahe zu einem Dance-Track mutiert.

Mit Bloodbuzz, Ohio hat Julia Stone dann auch gleich noch eine Coverversion von The National im Repertoire, mit Bläsern, Klavier – und auch hier mit einem Gesang, der nach und nach auftaut, Sicherheit gewinnt und magische Anziehungskraft.

Eine Nacht, in der alles passieren kann, erlebt Julia Stone auch im Video zu By The Horns:

Julia Stone bei MySpace.


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