Hingehört: Kaiser Chiefs – „Yours Truly, Angry Mob“ 5


„Yours Truly, Angry Mob“ zeigt: Die Kasier Chiefs wollen ein Abo für den Platz an der Sonne.

Künstler Kaiser Chiefs
Album Yours Truly, Angry Mob
Label B-Unique
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Mit dem Erfolg ist das so eine Sache. Manch einem fällt er einfach in den Schoß, so wie den Rakes. Die brachten vor zwei Jahren ihr Debüt heraus, sahen aus, als wollten sie damit nur ein paar Drinks abstauben, und wurden plötzlich riesengroß. Das lag daran, dass sie – ohne es zu ahnen – den Produzenten der Stunde engagiert hatten (Paul Epworth) und dazu ein paar sagenhafte Songs ablieferten. Strasbourg, 22 Grand Job und Work Work Work (Pub Club Sleep) wurden allesamt zu Hits, und plötzlich fanden sich die Jungs um Sänger Alan Donahue nicht mehr an der Theke im Pub nebenan wider, sondern in den Schlagzeilen, in den Charts und – zur Krönung – als Dressmen für Top-Designer Hedi Slimane auf dem Laufsteg. Ab und zu müssen sie sich wohl selbst darüber gewundert haben.

Dieses „Zwick mich, damit ich sehe, dass es kein-Traum ist“-Gefühl kennen auch die Kaiser Chiefs. Denn sie versuchten jahrelang vergeblich, mit ihrer Musik Erfolg zu haben. Vor zwei Jahren brachten sie dann ihr Debüt als Kaiser Chiefs heraus, sahen aus, als wären sie schon ein bisschen zu alt für den Durchbruch, und wurden plötzlich riesengroß. Das lag daran, dass sie in ihren Konzerten ein erstaunliches Spektakel boten und Songs ablieferten, die sich perfekt für diese Show eigneten. I Predict A Riot, Oh My God und Modern Way wurden allesamt zu Hits, und plötzlich fanden sich die Jungs um Sänger Ricky Wilson nicht mehr hinter der Theke im Pub nebenan wieder, sondern auf den großen Festival-Bühnen der Welt, bei Award-Shows und – zur Krönung – als Opener des Live8-Konzerts in Philadelphia.

Nun legen beide Bands ihr zweites Album vor. Und gehen dabei ganz unterschiedlich mit dem Erfolg um. Die Kaiser Chiefs haben sich siebenstellige Albumverkäufe und Shows vor riesigem Publikum so lange vergeblich gewünscht, dass sie nun auf Yours Truly, Angry Mob alles daran setzen, den Platz an der Sonne nicht gleich wieder verlassen zu müssen. Es ist ein sagenhaftes Album voller Hits, fast schamlos eingängig. Man müsste der Band Anbiederung vorwerfen, wenn die Lieder nicht unwiderstehlich gut wären.

Die famose Single Ruby, das fantastische Heat Dies Down oder das irre Thank You Very Much zeigen, dass sie vor gut zehn Jahren wohl die größten lebenden Blur-Fans waren. Deren Produzent Stephen Street saß auch hier hinter den Reglern, und für Love’s Not A Competition (But I’m Winning) hat er sogar ein paar der Tricks herausgeholt, die er schon bei den Smiths benutzte, noch früher.

Ricky Wilson und Chef-Songschreiber Nick Hodgson sind alt genug, um Blur nicht nur aus dem Märchenbuch zu kennen. In Highroyds und dem putzigen Learnt My Lesson Well gehen sie sogar offensiv – und amüsant – mit ihrer vergleichsweise großen Lebenserfahrung um. Wenn sie im Rausschmeißer Retirement aber damit drohen, sich in den Ruhestand zu verabschieden, kann man sicher sein, dass dies bloß ein Scherz ist.

Bei den Rakes hat der Erfolg – nimmt man ihre zweite Platte zum Maßstab – wohl eher Unbehagen ausgelöst. Ten New Messages will nicht auf Teufel komm raus die nächste Stufe erklimmen. Es ist ein Album, das Orientierung sucht. „Dichter des Ersten Weltkriegs und die Sugababes“ nennt Sänger Alan Donahue als Inspiration – und bei aller Koketterie zeigt das, dass sich die Band nicht allzu sehr am eigenen Sound und der eigenen Szene festklammern wollte.

So ist die zweite Platte noch ein bisschen cooler geworden als das Debüt Capture/Release. Wenn die Rakes früher den Hörer für sich gewinnen wollten, dann wichen sie ihm nicht von der Seite, machten ihm Geschenke, gaben ihm Drinks aus. Heute werfen sie ihm allenfalls noch einen kurzen Blick zu. Aber was für ein Blick das ist! Hat man sich erst einmal an den erstaunlich schüchternen Sound gewöhnt, dann gibt es hier wahre Wunder zu entdecken.

Little Superstitions ist brodelndes Understatement. Das packende We Danced Together verbindet die Leidenschaft von The Clash mit der Strenge von Human League. Für das exzellente Trouble scheinen die Virtuosität und Spielfreude von Graham Coxon Pate gestanden zu haben. Eine bezaubernde Einlage von Laura Marling versüßt Suspicious Eyes.

Einen Song namens When Tom Cruise Cries muss man einfach lieben, und der Rausschmeißer Leave The City And Come Home ist herzzerreißend toll. Unterm Strich haben die Rakes die etwas sperrigere, aber auch spannendere Platte gemacht als die Kaiser Chiefs. Doch für beide gilt: ein voller Erfolg.

Der Song ist ja gaga genug. Aber Ruby wird noch ein bisschen irrer, wenn man ihn mit einem Orchester von Ukulelen spielt:

Die Kaiser Chiefs bei MySpace.


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