Hingehört: Klaxons – „Surfing The Void“ 1


Klaxons haben lange gebraucht. "Surfing The Void" klingt trotzdem frisch.

Klaxons haben lange gebraucht. „Surfing The Void“ klingt trotzdem frisch.

Künstler Klaxons
Album Surfing The Void
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Verdammt, ist das lange her! Das Jahr war 2007. Die T-Shirts waren bunt. Die Drogen waren synthetisch. Die Tanzflächen flimmerten voller fluoreszierender Stäbchen. Und die Band, die all dies zu verantworten hatte, war Klaxons.

Das Quartett aus London kam aus dem Nichts und wurde quasi sofort zur Speerspitze von New Rave. So jung, so anders, so innovativ war damals niemand sonst. Es wurde auch niemand mit so viel Lob überschüttet wie Klaxons – und als Folge dieser Überdosis aus Party, Ruhm und Einfluss drohte die Band schließlich zu implodieren.

Dass es nun mit dem heute erscheinenden Surfing The Void überhaupt ein zweites Klaxons-Album gibt, ist annähernd ein Wunder. Denn in beachtlich vielen Versuchen sind Klaxons gescheitert beim Versuch, einen Nachfolger für ihr Debüt Myths Of The Near Future hinzukriegen.

Rückblende: Nach dem Mega-Erfolg von Myths Of The Near Future, das Platz 2 in England erreicht und mit dem renommierten Mercury-Award ausgezeichnet wird, können sich Klaxons zunächst lange Zeit gar nicht aufraffen, neues Material zu schreiben. Mit allen Versuchen sind sie selbst unzufrieden, erklären die Bandmitglieder, die außerdem viel zu beschäftigt sind, bei Festivals in aller Welt den eigenen Erfolg zu feiern.

Erst Anfang 2008 spielen sie live erstmals neue Stücke und gehen danach mit James Ford (Simian Mobile Disco, Arctic Monkeys) ins Studio, der bereits ihr Debüt produziert hatte. Doch aus einem Klaxons-Album im Jahr 2008 wird nichts – die von Schwierigkeiten geprägten Sessions dauern zu lange. Auch 2009 verstreicht: Die inzwischen vollendeten Stücke missfallen der Plattenfirma: Die Bosse schicken Klaxons zum Nachsitzen. Die Band wendet sich daraufhin an Produzent Ross Robinson, der eher für Hardrock bekannt ist als für elektronische Experimente. Erst mit ihm geht alles glatt.

Manch ein Fan wird sich während der langen Wartezeit heimlich gefragt haben, ob es nicht besser wäre, wenn es kein zweites, womöglich weniger spektakuläres Klaxons-Album mehr geben würde. Eine einzige Duftmarke setzen und dann verschwinden – das würde manchem schmecken, der an Pop vor allem die Romantik liebt. Wäre Myths Of The Near Future ein Solitär geblieben, wären Klaxons ewig jung, ewig cool, eine moderne Legende. Egal, wie gut der Nachfolger wird – diese Option verspielen sie damit. Zuletzt haben die Libertines diesen Fehler gemacht, und sie ärgern sich wohl noch heute darüber. Wohl auch deshalb hat die Arbeit an Surfing The Void so lange gedauert.

Das Ergebnis kann alle Klaxons-Fans beruhigen: Surfing The Void ist kreativ, spinnert, frisch und der beste Beweis dafür, dass Klaxons nicht bloß ein paar talentfreie Glückspilze mit dem richtigen Sound zur richtigen Zeit waren. Auch wenn Robinson hier für reichlich Aggressivität gesorgt hat, ist es auch kein bitterböses, desillusioniertes, ausgelaugtes Album. Klaxons haben sich ihren Spaß bewahrt. Nach der Party ist vor der Party.

Zum Start muss man allerdings befürchten, die Band sei ein bisschen zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Der Auftakt Echoes setzt auf das bekannte Erfolgsrezept: wuchtiger Bass, juveniler Chorgesang und ein Text voller feuchter Science-Fiction-Träume. The Same Space fährt dann auch noch die ah-ah-Chöre auf, die vor gut drei Jahren Golden Skans zu einem Hit gemacht hatten.

Doch mit dem Titelsong strampeln sie sich frei von allzu viel Rücksicht auf die Erwartungshaltung: Verzerrter Gesang, Noise-Gitarren und eine Rhythmussektion im Berseker-Modus sorgen für einen steigenden Adrenalin-Pegel. Twin Flames und das angriffslustige Flashover sind perfekte Kandidaten, um die Reihe von genialen Klaxons-Singles fortzusetzen. Das grandios unbeschwerte Valley Of The Calm Trees vereint Duran Duran mit Sonic Youth. Venusia klingt, als würden sich MGMT an einem Song von Muse versuchen.

Klaxons haben trotzdem ein Problem: Als sie 2007 auf der Bildfläche erschienen, waren sie dem Rest der Welt meilenweit voraus. Doch die Elektro-Rock-Mixtur wurde so schnell und so massenhaft kopiert, dass viele der Nachahmer inzwischen längst wieder verschwunden sind. Und die, die übrig blieben, haben die drei Jahre genutzt, um den Rückstand zu Klaxons zu verkürzen. Revolutionär ist nichts mehr an Surfing The Void. Vor allem, wenn sie mehr auf den Sound als auf den Song aus sind, wie im schwachen Extra Atronomical oder dem nervigen Rausschmeißer Cypherspeed, könnten die Stücke genauso gut von Foals, Delphic oder The Big Pink stammen. Das Problem ist: Die Entstehungsgeschichte von Surfing The Void ist definitiv spannender als die eigentliche Musik. Klaxons sind dadurch nicht schlechter geworden. Nur ein bisschen weniger relevant.

Ein feuchter Science-Fiction-Traum ist auch das Video zur Single Echoes:

Klaxons bei MySpace.

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.


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