Hingehört: Kommando Elefant – „Scheitern als Show“


Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Künstler Kommando Elefant
Album Scheitern als Show
Label LasVegas Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

In genau einer Woche spielen die Sportfreunde Stiller in Hamburg. Die 300 Tickets für das Konzert im Molotow in St. Pauli sind längst ausverkauft. Wem das noch nicht reicht für die These, dass die Münchner auch im 776 Kilometer von ihrer Heimat entfernten Norden ankommen: Im Dezember 2010 waren die Sportfreunde in der Hamburger O2 World zu Gast, Kapazität 16.000 Plätze.

Kein Wunder also, dass sie auch locker 400 Kilometer nach Südosten abstrahlen können. Bis nach Wien. Dort sind Kommando Elefant zuhause, und die machen auf ihrem dritten Album Scheitern als Show in etwa das, was die Sportfreunde in Deutschland so groß gemacht hat: klassischen Poprock, bestens geeignet fürs Radio, kraftvoll, mitreißend und eingängig.

„Wir sind auf der guten Seite“, singen sie in einer Zeile von Ein schöner Tag – das war einst der Slogan der Münchner – und die Musik dazu wirkt wie eine Neuauflage von Wellenreiten. Am deutlichsten ist die Parallele aber im hübsch hymnischen Ozean: Der Text spielt zwar auf Ton Steine Scherben an, die Musik klingt aber wie eine Mischung aus Im Dunkeln von Madsen und In unmittelbarer Ferne von den Sportis.

Das ist zumindest der erste Eindruck. Auf den zweiten Blick stellt man dann aber doch zwei wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Bands fest. Erstens: Kommando Elefant verstehen sich nicht bloß als Band, sondern als Gesamtkunstwerk. Die vierköpfige Besetzung wird mit Stefan und Michael Tiefengraber auch durch zwei Mitglieder ergänzt, die für das visuelle Musikerlebnis zuständig sind, zudem steht Bandleader Alf Peherstorfer inmitten eines umtriebigen Netzwerks inklusive eigener Plattenfirma. Zweitens: Wo die Sportfreunde Stiller meist das große Einverstandensein zum Prinzip, vielleicht sogar zu ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht haben, da werden Kommando Elefant ungemütlich. Sie sind dagegen.

„Und die Welt brennt / das ist Entertainment“, heißt die erste Zeile auf Scheitern als Show. Mit Castingsformaten wird da abgerechnet, mit Wegwerf-Politik und der allgemeinen Leere. Ein Pfeifen und eine Liquido-Orgel gaukeln gute Laune vor, und wenn am Ende ein ganzer Chor die Worte D.A.S.I.S.T.O.K. buchstabiert, dann ist der herrlich over the top und die perfekte Form für diesen, nunja, Protestsong.

Wer das schon überambitioniert findet, sollte gewarnt sein: Von da an entwickelt sich Scheitern als Show zu einem Konzeptalbum. Die Anziehungskraft des Scheiterns, verbunden mit unserem allgegenwärtigen Voyeurismus, wird in elf Songs seziert. Den Reiz dieser Kombination erklärt sich Alf Peherstorfer damit, dass „man sich abgrenzen kann, damit mein kleines Leben größer und schöner erscheint als das der anderen“.

Vor diesem Hintergrund werden Figuren wie die Sternenmarie eingeführt, deren Drogenrausch mit Orgel und Selig-Psychedelik vertont wird. Jennifer stürzt sich lieber mit Garagenrock in den Abgrund. In Michaelas Tanzbar schwingt man das Bein hingegen zu Quasi-Country, der an das jüngste Kettcar-Album erinnert.

Ansonsten gibt es auf Scheitern als Show, das in der zweiten Hälfte hörbar abbaut und sich gelegentlich auch ein bisschen arg schlau vorkommt, auch ganz normale Liebeslieder. Dein Fallendes Herz wird ein gebührend opulenter Rausschmeißer. Fluchtpunkt Kairo, inspiriert von einem Håkan-Nesser-Roman, lebt den Traum vom Abtauchen in die Anonymität, derart heiter und zackig, als hätten Superpunk neuerdings einen Sänger, der Nichtraucher ist. Das allerletzte Liebeslied ist fast akustisch und dürfte alle glücklich machen, die Virginia Jetzt nachtrauern. Und mit Wir sprengen Krokodile gibt es einen irren Track, der Deichkind mit einer sehr zynischen Variante von Franz Ferdinand vermählt, und die Popstar-Karriere als Selbstzweck geißelt.

Das Angenehme dabei: Kommando Elefant werden niemals belehrend, sondern schließen sich selbst gerne in ihrer Kritik ein. Das sehr amüsante Ich bin ein Arschloch ist das beste Beispiel dafür. Die Musik klingt, als würde sich Funny van Dannen an einem NDW-Track versuchen, der Text entlarvt die Strategie, sich freiwillig selbst als Arschloch zu titulieren – um dann erst recht einen Freifahrtschein für Schlechtigkeiten zu haben. Ein bisschen sind Kommando Elefant nicht zuletzt auch selbst an dieser Platte gescheitert: Als sie das ganze Material für Scheitern als Show im Kasten hatten, musste aussortiert werden – und ausgerechnet der Titelsong schaffte es dann nicht mehr ins endgültige Tracklisting.

Die schlechtesten Plattencover aller Zeiten vereinen Kommando Elefant im Video von Wir sprengen Krokodile:

Kommando Elefant bei MySpace.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.