Hingehört: Leonard Cohen – „Death Of A Ladies‘ Man“ 2


Leonard Cohen mag „Death Of A Ladies‘ Man“ nicht besonders. Ist trotzdem gut.

Künstler Leonard Cohen
Album Death Of A Ladies‘ Man
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1977
Bewertung ****1/2

Der Rolling Stone hat Death Of A Ladies‘ Man einmal als „Leonard Cohens monströsestes Album“ bezeichnet. Diese Einschätzung beruht wohl in erster Linie auf der Produktion von Phil Spector, die Cohen nach eigenen Angaben „sprachlos und ratlos“ gemacht hat. „Ich hätte Spector lieber in seiner Debussy- als in seiner Wagner-Periode erlebt“, sagte er und nannte das Album zusammenfassend auch gerne mal „eine Katastrophe“.

So schlimm ist es nun wirklich nicht. Natürlich prallen Cohens zerstörte Stimme und verstörende Lyrik mit dem sauberen Sound und den anbiedernden Arrangements frontal aufeinander, bekämpfen sich bis aufs Blut und stoßen sich ab. Doch aus dieser Hassliebe entsteht auch ein ganz eigener Reiz, ein Monolith im Werk des „Lord Byron des Rock ’n Roll“ (New York Times), der doch alle typischen Cohen-Elemente im Überfluss enthält. „Musikalische Exaltation, unwiderstehliche Sprachmacht, geistvolle Lyrizismen, mythisches Dräuen und Wogen, literarische Vexierspiele, Radikalität, Overkill“, hat der Rolling Stone diese einmal aufgezählt.

So beginnt der Opener True Love Leaves No Traces gleich komplett mit Flöten, Blechbläsern und Frauengesang. Und mit Cohens Wissen um die Bedeutung und Vergänglichkeit des Moments: „As a falling leaf may rest / a moment on the air / so your head upon my breast / so may hand upon your hair. Eine noch bessere Metapher ist Iodine, womit natürlich eine Frau gemeint ist, die Cohen genau so unbedingt braucht wie der Organismus das Halogen, die für ihn aber auch wie ein Desinfesktions- und Betäubungsmittel wirkt.

Paper-Thin Hotel geht noch einen Schritt weiter. Es ahnt den Abschied nicht nur, sondern redet sich ein, er sei just im Moment vollzogen, endgültig. Natürlich ist das Selbstbetrug, aber Cohen weiß es: „I learned that love was out of my control.“ Deshalb liefert er sich in Memories sogleich erneut aus und wirft sich ins Glück des Augenblicks. „She says you got a minute left to fall in love / in solemn moments such as this / I’ve put my trust and all my faith to see / her naked body.“ I Left A Woman Waiting zieht schließlich genau wie Fingerprints die Konsequenz, blendet Moral und Bedenken einfach aus, ergibt sich in die Möglichkeiten und lässt sich treiben.

Don’t Go Home With Your Hard-On sucht den anderen Ausweg, nämlich den Zynismus. Bob Dylan und Allen Ginsberg singen im Hintergrung mit, die Aufnahme klingt mit halbem Disco-Beat und lustlosen Bläsern ein wenig nach Jahrmarkt. Der Titelsong am Schluss der Platte personifiziert geradezu den Kampf Cohen vs. Spector. Der Text plastisch, knietief im Sumpf aus Schuld und Lust, voller Bilder, „das Wort zu Fleisch geworden“ (Rolling Stone). Die Musik klinisch, mit Effekten auf der Stimme und Synthie-Flächen, über neun Minuten lang. Doch gerade in diesem Gegensatz gehen sie eine Symbiose ein und werden zusammen unwiderstehlich.

Ob Death Of A Ladies‘ Man durch den von Leonard Cohen im Nachhinein gewünschten anderen Sound besser geworden wäre, erscheint deshalb zweifelhaft. Außerdem weiß er: „Reue ist ein sinnloser Luxus.“

Zu Memories gab es einen offiziellen (und auch ohne die möglicherweise niederländischen Untertitel ziemlich schrägen) Clip:

Leonard Cohen bei MySpace.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Gedanken zu “Hingehört: Leonard Cohen – „Death Of A Ladies‘ Man“