Hingehört: Lindi Ortega – „Little Red Boots“ 1


Clevere Texte, gesungen mit einer betörenden Stimme: Das ist das Debüt von Lindi Ortega.

Clevere Texte, gesungen mit einer betörenden Stimme: Das ist das Debüt von Lindi Ortega.

Künstler Lindi Ortega
Album Little Red Boots
Label Last Gang Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Country. Das ist vielleicht nicht gerade die erste Assoziation, wenn man den Werdegang von Lindi Ortega betrachtet. Die Kanadierin bestritt das Vorprogramm bei der jüngsten US-Tour von Keane, auch als Backgroundsängerin von Killers-Frontmann Brandon Flowers war sie im Einsatz, zudem hat sie einen Track mit Electronic-Meister Diplo aufgenommen.

Country ist aber genau das, was Lindi Ortega auf ihrem Debütalbum Little Red Boots (Update: die Veröffentlichung in Deutschland wurde gerade von Ende September auf den 11. November verschoben) macht. Aus ganz vielen Gründen.

Zum einen sind da ihre Texte. Wie bei ihrem großen Vorbild Johnny Cash stecken sie voller feiner Metaphern, trockenem Humor und großer Lebensweisheiten. „What’s a girl supposed to do / when the bitter truth turns into a sweeter lie“, will Lindi Ortega beispielsweise schon im ersten Song Little Lie wissen. Die Musik dazu hat etwas von der Urtümlichkeit der White Stripes, auch das Bedrohliche der Queens Of The Stone Age kann man hier heraus hören.

Trotzdem ist das Country, und das liegt vor allem an der Stimme von Lindi Ortega. Die ist voller Schönheit und Unbedingtheit, der mit Abstand größte Trumpf auf diesem Album. Lindi Ortega lässt immer wieder ein faszinierendes Vibrato erklingen, mal heiser, mal flehend. Jewel könnte man als Bezugspunkt nennen – auch die beherrscht dieses betörende Kieksen, und auch bei ihr ahnt man, dass sie manchmal nur einen ganz kleinen Schritt vom Jodeln entfernt ist.

In Blue Bird macht Lindi Ortega zu Banjo (Country!) und einem Polkabeat klar, wie viel Freude sie selbst an dieser Stimme und mit ihrer Musik hat. In Angels besingt sie die Sehnsucht nach dem Tod, und klingt selbst dann noch angenehm und einschmeichelnd. Das reduzierte (und wunderhübsche) Dying Of Another Broken Heart steht ihr ausgezeichnet. Der Titelsong ist in der Strophe geheimnisvoll, im Refrain dann ausladend und glamourös. Mit Jimmy Dean (und der frechen Textzeile „I’m the baddest boy that your eyes have ever seen“) wandelt Lindi Ortega auf den Spuren von John Mellencamp oder Bruce Springsteen – ein feiner Refrain, eine Mundharmonika und ein paar Gallonen Freiheit sind ihre Wegbegleiter. Das Grenzgebiet zwischen Country und Rockabilly erobert sie dann mit I’m No Elvis Presley – und natürlich muss man bei dieser Sause an Wanda Jackson denken.

Country ist aber noch aus einem anderen Grund das passende Genre für Little Red Boots. Denn diese Musik hat nichts Urbanes. When All The Stars Align feiert die Landschaft, die frische Luft und den Sternenhimmel. Jede Menge Radiopotenzial bringt Black Fly mit, das mit seiner Highway-Romantik an Sheryl Crow denken lässt. Auch mit All My Friends und seinen treibenden Drums könnte Lindi Ortega, die irische und mexikanische Wurzeln hat, im Handumdrehen zum Traum jedes Truckers werden.

Neben ganz vielen guten Songs hat Little Red Boots dann noch zwei sehr gute zu bieten. Der Walzer Fall Down Or Fly ist nach zwei Dritteln des Albums die klassische Ballade, von der man schon die ganze Zeit geahnt hatte, dass sie in Lindi Ortega schlummert. Und der Rausschmeißer So Sad ist das traurigste und schönste Lied seit dem letzten großen Liebeskummer der Band Of Horses. Mindestens.

Das ist dann wohl Modern Country: Das Video zu Angels wurde komplett mit einem iPhone 4 gedreht:

Lindi Ortega gibt es im Oktober zweimal live in Deutschland. Die Tourdaten:

15.10.2011 – Roter Salon (Berlin)

16.10.2011 – Astra Stube (Hamburg)

18.10.2011 – Bariton (Köln)

Lindi Ortega bei MySpace.


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