Hingehört: Madness – „A Guided Tour Of Madness“ 2


"A Guided Tour Of Madness" ist die bisher beste Werkschau des Septetts aus London.

„A Guided Tour Of Madness“ ist die bisher beste Werkschau des Septetts aus London.

Künstler Madness
Boxset A Guided Tour Of Madness
Label Salvo
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****1/2

Das Konzert der Konzerte. Die historische Show, von der später jeder behauptet, er sei dabei gewesen. Quasi jede legendäre britische Band der Ära nach Punk hatte so einen Moment, der eine ganze Karriere definierte. Oasis hatten Knebworth (1996), Queen hatten das Wembleystadion (1986) die Stone Roses hatten Spike Island (1990), Blur hatten (wenn auch erst 2009 nach der Reunion) den Hyde Park. Madness hatten Madstock. Es war 1992, es kamen 75.000 Menschen, und es wurde ein weiterer Beleg für die These, dass es womöglich sogar solche Konzerte braucht, um aus einer großen Band eine legendäre Band zu machen. Nun liegt der Konzertmitschnitt erstmals auf DVD vor, als Teil des famosen Boxsets A Guided Tour Of Madness.

Madstock war ein ebenso merkwürdiger wie unerwarteter Triumph. Madness, die im August 1979 ihre erste Single veröffentlicht hatten, waren die absolut prägende musikalische Kraft der Achtziger in England. Insgesamt 214 Wochen (das sind, jawohl, mehr als vier Jahre) standen ihre Singles in diesem Jahrzehnt in den Charts. Die ersten 20 (!) Madness-Singles erreichten alle die britischen Top20. Doch ab etwa 1984, als Keyboarder Mike Barson die Band verließ, ging es bergab mit der Popularität. 1986 löste sich die Band auf – im selben Jahr wie Wham, Kajagoogoo und Boney M. Nichts deutete darauf hin, dass ausgerechnet Madness es schaffen sollten, wenige Jahre später plötzlich wieder eine Riesennummer zu sein.

Doch mit Madstock wurden sie es. Das Event löste ein Erdbeben aus – nicht nur im metaphorischen Sinn. Das Konzert sorgte für offiziell dokumentierte seismische Probleme im Norden Londons. Bei Häusern in der Nähe gingen Fenster kaputt, Balkone wurden beschädigt. Experten fanden die Ursache im rhythmischen Tanzen der Madness-Fans in Finsbury Park. Wie kam es bloß dazu, dass eine Band, die sich im Streit und kreativen Niedergang getrennt hatte, plötzlich wieder derart hohe Wellen schlug, dass Madness das Madstock-Event wegen der großen Nachfrage fortan regelmäßig veranstalteten?

Die profane Erklärung: kleine silberne Scheiben. Anfang der 1990er Jahre war es üblich, schon auf Vinyl erschienene Alben noch einmal auf CD herauszubringen. Einige der Madness-Platten erreichten so, ohne Zutun der Band, erstaunlich hohe Chartpositionen und erinnerten alte und neue Madness-Fans an die Klasse der Band.

Die bessere Erklärung: Nostalgie, Sehnsucht, Liebe. Im Booklet zum 1993 erschienenen Boxset The Business sagt Sänger Scuggs: “Somehow we all needed Madness. It was our thing, our place.” Er meint damit die Anfangstage des Septetts. Doch der Satz trifft auch auf die Fans der Band zu. Madstock 1992 ist der Beweis.

Die DVD beginnt weit vor dem Konzert. Da albert die Band herum, mit Kippen und Dosenbier, mit hässlichen Sonnenbrillen und noch hässlicheren Shorts (kaum zu fassen, wenn man sich vor Augen führt, dass damals schon Nirvana oder Primal Scream die Szene prägten). Im Publikum trägt man seine weißen Socken mit Stolz, ebenso seine Bomberjacken und Hosenträger. Eltern mit ihren Kindern sind gekommen, ein paar junge Mädchen haben es in die erste Reihe geschafft. Und ringsherum stehen Männer. Viele Männer. Es sind die Männer, die das Erdbeben auslösen. Es sind die Männer, die sich noch auf Jahre hinaus damit brüsten werden, bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. Es sind die Männer, die Paul Morley in den Liner Notes zu A Guided Tour Of Madness treffend als Kern-Zielgruppe der Band definiert: „Madness (…) supply gallant, unpretentious entertainment for the kind of feisty alpha male that wouldn’t usually be caught dead dancing in public.”

Diese Männer flippen aus an diesem Abend. Sie lassen ihren weichen Kern nach außen und haben Tränen in den Augen bei It Must Be Love (dessen Textzeile „I never thought I’d miss you / half as much as I do“ ein weiterer Beleg für Morleys These ist). Sie erleben bei Baggy Trousers voller Dankbarkeit ihre Jugend noch einmal neu. Sie feiern sich selbst. Madness stehen dazu auf der Bühne wie die Blues Brothers mit vier Promille, in Anzügen, die zwei Nummern zu groß sind – und sind überwältigt von so viel Enthusiasmus.

Die Madstock-DVD liefert noch einen Erklärungsansatz für den zweiten Frühling von Madness: Auch bei ihnen greift das Beatles-Prinzip. Die Band besteht aus ganz verschiedenen Typen und unterschiedlichen Charakteren. Diese „never ending sitcom“ (Morley) bietet ganz viele Identifikationsmöglichkeiten – für jeden ist etwas dabei.

Im Gegensatz zu den Beatles können Madness aber sogar gleich sieben Mitglieder aufbieten und es gibt bei ihnen, höchst ungewöhnlich, keine richtige Führungsfigur. Keyboarder Mike Barson schrieb zwar die meisten Songs, doch auch die anderen Mitglieder komponierten ebenfalls mit. Neben Suggs fungierten auch Saxofonist Lee Thompson und Ulknudel Carl Smyth als Sänger. In einem Interview auf der Singles-Sammlung The Business wird ausgerechnet er auch als derjenige ausgemacht, den man am ehesten als Leader betrachten könnte – dabei stieß Carl als letzter zur Band, und zwar, indem er sich bei einem Madness-Konzert einfach auf die Bühne stellte und dann nicht mehr verschwand.

Es ist diese Wahrnehmung von Madness als Gang, als gleichberechtigtes Kollektiv, die einen beträchtlichen Teil ihres Charmes ausmacht, und auch dieser Faktor zieht vor allem bei Männern. Paul Morley nennt Madness in den Liner Notes nicht ganz unzutreffend “the working man’s Pink Floyd”. Denn zum Image von Kameradschaft und Mannschaftsgeist kam bei Madness die Tatsache, dass sie sich selbst nicht Ernst nahmen. Die Attitüde lautet: „Wir sind nichts Besonderes, wir haben bloß Glück gehabt.“

In der Tat waren Madness in ihren Anfangstagen, als sie noch The Invaders und dann für kurze Zeit Morris And The Minors hießen, eher Musikfans als Musiker. Doch A Guided Tour Of Madness zeigt auch, wie extrem unterschätzt sie nach wie vor sind – auch wegen genau dieser denkbar unprätentiösen Attitüde. Noch immer denken die meisten bei Madness zunächst an Grimassen, lustige Videos und Klamauk im Stile beispielsweise der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, die in Deutschland bezeichnenderweise parallel zum Niedergang von Madness ihren Aufschwung erlebte. Aber Madness waren weit mehr als Witzbolde. Sie waren clever, anarchisch, subversiv.

Das trifft zunächst auf die Musik zu. „I always thought that we were doing something quite original. We were different to everyone else”, sagt Gitarrist Chrissy, und man kann ihm nur zustimmen. Ska und Pop verbanden auch The Clash oder die Specials. Aber Madness schafften es, sich mit der Herangehensweise des Punk uralter Music-Hall-Sounds zu bedienen. Sie griffen Vaudeville-Elemente auf. Sie hatten drei Sänger, spielten in Konzerten aber gerne auch Instrumentals (wie Schwanensee als Reggae). Unangenehme Interviewerfahrungen verarbeiteten sie als Song (das bitterböse Don’t Quote Me On That). Sie brachten eine Deutschen-Parodie im Monty-Python-Stil heraus (Visit To Dracstein Castle) und mit Driving In My Car einen Song in die Charts, der zum größten Teil aus hupen und klappern besteht. „We were competing with Trevor Horn in the early ’80s to push the pop single as far as it could go”, erklärt Produzent Clive Langer in den Liner Notes – und die 70 Songs der Guided Tour Of Madness beeindrucken immer wieder mit der Erkenntnis, wie weit Madness auf diesem Weg gekommen sind.

Vor allem aber steckt das Subversive hier in den Texten. Ihr Sound stellte „die Exzentrizität, den Pomp und die Schattenseiten der englischen Mentalität“ bloß, hat der NME damals geschrieben. Damit stehen Madness mitten in allerbester Londoner Pop-Tradition, in der Mitte zwischen den Kinks und Blur. „No one else was writing about being alive in such a place at such a time in such a way, and the fact that Madness became a pop group on the cover of Smash Hits acting the slap stick goat in their videos obscured their genius as alert social observers and sensitive chroniclers of various emotional and environmental peculiarities”, stellt Morley ganz richtig fest.

Es ist diese Mischung aus Witz und Melancholie, aus „Sinn und Unsinn, Nichtsnutzigkeit und Nachdenklichkeit, Puls und Impuls“ (Melody Maker), die beim flüchtigen Blick auf Madness oft übersehen wird. Ihre Lieder behandeln die kleinen Freuden des Alltags, aber auch Ärger mit der Krankenkasse (Mrs. Hurchinson), Kleinkriminalität (Deceives The Eye) oder blinden Nationalismus (Blue Skinned Beast). Wenn sie die Monotonie der Gegenwart beschreiben, haben sie sogar Hits damit (Grey Day, Tomorrow’s (Just Another Day)). Und immer wieder gibt es Erinnerungen an die Kindheit – ein Thema, das sich durch die ganze Karriere von Madness zieht, von den 2Tone-Anfängen bis zur poppigeren Phase ab dem 7-Album 1981.

Diese Nostalgie ist keineswegs nur eine private – sie bezieht das ganze Land mit ein. Die Musik von Madness ist, bei aller Innovationskraft, immer anti-modern. Ihre geistige Heimat ist die Blüte des Commonwealth, ihre Lieder sind ein „Trauergesang auf das England, das Thatchers Tories ausnützen und ausbeuten“. (NME). Die Amtszeit der Ex-Premierministerin hatten Madness im Booklet zu The Business in der Tat als “reign of terror” bezeichnet. Diese Sehnsucht nach längst vergangenen, besseren Zeiten ist vielleicht das stärkste Element in der Erfolgsformel von Madness. Dass sie mit Madstock ein grandioses Comeback hinlegten (und ein Hochfest der Nostalgie zelebrierten), passt da ins Bild.

A Guided Tour of Madness ist die denkbar beste Heranführung ans Werk von Madness und die bisher beste Werkschau des Septetts. Die Vorteile im Vergleich zum 3-CD-Set The Business: Hier gibt es alle Hits (auch Our House, das auf The Business nur als Remix enthalten ist) von My Girl über It Must Be Love (übrigens eine Coverversion von Labi Siffre) bis hin zu House Of Fun, dem einzigen Nummer-1-Erfolg von Madness. Die Hintergründe sind dort, wo sie hingehören, nämlich im vorbildlichen Booklet (und nicht als Audio-Kommentar über die Tracks gesprochen wie bei The Business), das zudem eine Karte für einen Rundgang durch London auf den Spuren von Madness enthält. Natürlich berücksichtigt die Guided Tour Of Madness auf CD 3 auch die Phase nach dem Comeback bis zum jüngsten Album The Liberty Of Norton Folgate. Alles ist glänzend remastered, und als Schmankerl gibt es ja auch noch die DVD von Madstock, dem Highlight in der Karriere dieser Band, die genau so widersprüchlich und rebellisch ist, wie Paul Morley sie nennt: „A biting Brechtian bubblegum pop group.“

Auch bei den neueren Madstock-Auflagen haben männliche Exemplare der Gattung Engländer noch mächtig Spaß, wie das Video von Baggy Trousers beweist:

Madness bei MySpace.


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