Marc Bolan & T. Rex – „The Essential Collection“ 2


Künstler Marc Bolan & T. Rex

Nicht alles auf "The Essential Collection" ist wirklich essentiell.

Nicht alles auf „The Essential Collection“ ist wirklich essentiell.

Album The Essential Collection
Label Universal
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung

Wenn Chris Martin ganz sicher gehen will, in einigen Jahrzehnten nicht als Witzfigur zu gelten, sondern als Legende, dann habe ich einen guten Tipp für ihn: Er sollte sich einen pinkfarbenen Mini Cooper und eine wagemutige Fahrerin besorgen, auf eine regnerische Nacht warten und sich dann um einen Baum wickeln. Rockstartod.

Makaber? Sicherlich. Aber Marc Bolan ist der beste Beweis dafür, wie gut diese Methode funktioniert. Der Mann, der von Kindesbeinen an ein Star sein wollte, der sich dann als Männermodel, Folk-Spinner, Glam-Rock-Pionier und selbsternannter Erfinder des Punk einen Namen machte, wurde zu Lebzeiten von quasi allen belächelt – und das, obwohl T. Rex in ihrer Blütezeit in punkto Erfolg praktisch die gesamte Konkurrenz in den Schatten stellten.

Englands Zeitungen waren damals reichlich irritiert angesichts dieser „elfenhaften Boticelli-Inkarnationen in Satin, Samt und Kinderspangenschuhen“ (Musikexpress) und spotteten liebend gerne über die „nationale Elfe“. Die Kritiker der Fachpresse waren noch unbarmherziger. „Diese Donovan nachgewisperte Traumpoesie reiht sich wie eine Halluzination aus flüchtig gelesenen Tolkien-Novellen und halb verstandenen Lovecraft-Stories auf Gitarrenriffs von Chuck Berry und Ricky Nelson. Bolan klagte über seinen mystischen Kosmos wie ein arabischer Minarettsänger mit flattriger Stimme und heulendem Vibrato“, lautet etwa das Fazit von Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos und Bernward Halbescheffel im Neuen Rock Lexikon über den Sound, der Marc Bolan Anfang der 1970er Jahre zu einem Teenie-Idol machte.

Die Nachwelt urteilt ganz anders. Der Musikexpress wählte Marc Bolan 1997 unter die 100 Helden des Rock: „In der Zeit des ausufernden Progressive Rock erweckte Bolan die Grundidee des Popsongs wieder zum Leben: kurze Stücke mit eingängigen, auf drei Akkorden basierenden Melodien.“ Im Rolling Stone pries Wolfgang Doebeling „galaktische Lyrik“. Und der NME lobte Bolan anlässlich des Erscheinens von The Essential Collection im Jahr 2007: „On his day, he was easily the equal of Bowie.“

Natürlich ist für diesen Sinneswandel nicht nur Bolans Unfalltod am 16. September 1977 verantwortlich. Er hat sicher geholfen, aus dem 1,60 Meter kleinen Mann eine Legende zu machen. Doch auch die Musik von Marc Bolan & T. Rex hat sich diese späte Absolution verdient, wie The Essential Collection (erschienen zum 30. Todestag) beweist.

Die Compilation mit 24 Songs aus den Jahren 1968 (kurz nachdem sich Tyrannosaurus Rex als Duo gegründet hatten) und 1976 (als Marc Bolan seinen kreativen und kommerziellen Zenit längst überschritten hatte) zählt sicher zum besten, was dem Mann posthum widerfahren ist, denn kaum jemand hat eine solche Nachlassplünderung über sich ergehen lassen müssen wie Marc Bolan. Hier gibt es nur Originalaufnahmen, die alle Hits beinhalten und zudem den erstaunlichen Wandel im Sound nachzeichnen (Biograph Mark Paytress sieht in Bolan „a young man for whom life was a permanent revolution of the self, every costume change reflecting a new mindset“).

20th Century Boy klingt noch heute wie ein Schlachtruf, eine Urgewalt. Famos, wie am Ende Gesang, Schlagzeug und Saxofon förmlich ausflippen – und ausgerechnet diese zu Beginn noch höchst aggressive Gitarre mit demselben Riff plötzlich wie der ruhende Pol des Songs wirkt.

Get It On setzt auf den Open-Tuning-Trick, den auch Keith Richards gerne für seine legendärsten Riffs benutzt hat, und bietet zudem ein bisschen Blues und eine gute Portion Soul – nicht nur wegen der Bläser, sondern wegen der gottverdammten Sexiness dieses Lieds.

Bei Telegram Sam ist Marc Bolan so nahe an David Bowie wie man nur sein kann. Danach verkörpert Ride A White Swan aus dem Jahr 1970 den Wandel „vom keltischen Folkmystizismus zum hymnischen Glam-Pop“ (Musikexpress). Hot Love ist sexuell aufgeladen und zugleich etwas ermattet. So klingt es wohl, wenn nicht die Freier den Blues singen, sondern die Huren, die Puffmütter und ungeborenen Kinder.

Children Of The Revolution ist purer Hedonismus, Metal Guru dermaßen over the top, dass man fast ein Musical vermutet. Im ebenfalls höchst stilvoll überfrachteten Teenage Dream wird Bolan vollends zur Fantasy-Figur und belegt, wieso Mark Paytress, Autor von Bolan: The Rise And Fall Of A 20th Century Superstar, in ihm eine Art Chamäleon sieht, “one huge, action-packed canvas where invention and imagination reigned supreme regardless of the facts”. Cosmic Dancer ist völlig spinnert und selbstvergessen, Laser Love und Solid Gold, Easy Action sind die Essenz von Rock, trunken, geil und gewaltig.

Bolan, der als Kind ein großer Fan von Rock’N’Roll war (was hier mit einem netten Cover des Summertime Blues angedeutet wird), hatte mit der Kombination aus markigen Riffs und Texten irgendwo zwischen Joyce und Schwachsinn eine Hit-Formel gefunden, die sich lange Zeit als todsicher erwies. Sein Sound fiel auf fruchtbaren Boden in einer Popwelt, die nach dem Ende der Beatles noch nicht wieder zu sich selbst gefunden hatte. Zumindest in England erwies sich diese Kombination als enorm zugkräftig – und sogar als stark genug, um all die Widersprüche auszublenden, die in diesem Sound und Marc Bolan als seiner Verkörperung stecken.

Die größten Kracher gelten heute als Hardrock, doch nirgends hier gibt es das für dieses Genre so entscheidende Tempo. Auch auf die damals so wichtige Authentizität pfeift Bolan, zwar nicht so provokant wie Alice Cooper und nicht so kreativ wie Bowie, aber doch vollkommen rücksichtslos. Schließlich geriert er sich immer wieder, am deutlichsten in The Groover oder London Boys, als unwiderstehlicher Verführer, als Casanova und Leader Of The Pack – obwohl sein Look und sein Sound alles andere als hetero sind. Auch nicht ganz unbedeutend: Diese Songs, die heute zu guten Teilen als Klassiker gelten, waren voll und ganz in ihrer Zeit gefangen.

Das führt auch dazu, dass bei weitem nicht alles auf The Essential Collection wirklich essentiell ist. I Love To Boogie oder New York City sind Wegwerfsongs nach Schema F. Debora macht deutlich, dass Stoner-Folk mit rückwärts abgespieltem Gesang und Amok laufenden Bongos auch keine gute Idee ist. Aber darüber sieht man wohl spätestens hinweg, seit der Mini gegen den Baum krachte.

Hatte ich schon „spinnert“ gesagt? Dieses Video von Children Of The Revolution beweist es – mit Ringo Starr und Elton John als Gastmusiker:

Marc Bolan bei MySpace.


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