Hingehört: Mark Knopfler – „Privateering“ 1


Als Seemann auf dem großen Teich fühlt sich Mark Knopfler auf "Privateering".

Als Seemann auf dem großen Teich fühlt sich Mark Knopfler auf „Privateering“.

Künstler Mark Knopfler
Album Privateering
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Seltsam. Nach einem „Privateer“, also „Freibeuter“, ist das achte Soloalbum von Mark Knopfler benannt. Und was ist auf dem Cover zu sehen? Der Ex-Dire-Straits-Boss im Captain-Jack-Sparrow-Look? Ein blutiger Kampf an Deck, ausgefochten nicht mit Säbeln, sondern mit Fender Stratocastern? Ein stolzes Segelschiff, das mit einer vollen Breitseite auf angebliche andere Gitarrengötter zielt, die am Ufer stehen? Pustekuchen! Das Cover von Privateering zeigt Altreifen, einen Köter und einen Kleinlaster, vorne aufgebockt.

Mark Knopfler hat für diese ungewöhnliche Wahl aber eine ziemlich einleuchtende Begründung. „Wenn du mich fragst, ist ein Mann in seinem Tourbus genauso als Freibeuter einzustufen wie einer, der auf einer Fregatte oder auf einem Kanonenboot haust. Er ist unterwegs, bahnt sich seinen eigenen Weg, und das alles immer nur der eigenen Nase nach. Das ist es, was ich damit meine. Und das ist doch letztlich auch, worauf wir alle aus sind“, sagt der 63-Jährige.

Das Cover von Privateering hält aber noch einen weiteren Widerspruch bereit. Auf der Rückseite des Doppelalbums ist das Heck des Tourbusses zu sehen. Und darauf prangt, genau neben dem Rücklicht, ein „GB“-Sticker. Das erstaunt vor allem deshalb, weil Privateering durch und durch amerikanisch klingt. Ein Lied besingt die Radio City Music Hall in New York (was dann klingt, als würde Bruce Springsteen auf den Spuren von Elvis Costello und Burt Bacharach wandeln), ein anderes heißt Seattle (und wird herrlich melancholisch), gleich mehrere Songs klingen, als seien sie mitten auf der Veranda irgendwo in Alabama entstanden, beispielsweise After The Beanstalk, das letzte dieser 20 Lieder.

Aufgenommen wurden alle Songs von Privateering aber in Knopflers eigenen British Grove Studios im Südwesten von London. Doch auch dafür hat er eine gute Erklärung. „Mein Musikverständnis war schon immer von einem transatlantischen Ansatz geprägt. Man könnte auch sagen: Der Himmel, der liegt für mich irgendwo zwischen dem Mississippi-Delta und der Tyne-Region. Was ich also schon mit dem ersten Album der Dire Straits, mit Stücken wie Sultans Of Swing im Sinn hatte, war, meine eigene, persönliche Landkarte über die US-amerikanische Musik zu legen, die mich geprägt hatte, ja gewissermaßen für mich selbst die englischen, irischen und schottischen Orientierungspunkte auf der Straße von Chuck Berry festzulegen“, sagt Mark Knopfler. „Heute, glaube ich, versuche ich beides: diese Einflüsse einerseits zu synthetisieren und sie anderseits zu trennen. Meine Band besteht aus dermaßen begnadeten Musikern, sie sind dermaßen versiert und vielseitig, dass ich jederzeit in jede x-beliebige musikalische Richtung aufbrechen kann – und sie können mir folgen: Einen Moment lang klingt es wie auf einer Farm im hügeligen Norden von England, und schon im nächsten Moment springen wir mitten rein in die New Yorker Downtown oder bewegen uns runter ins Delta und setzen auf astreinen Blues-Sound.“

In der Tat zeigt Privateering, dass dieser Freibeuter auf dem großen Teich zwischen England und Amerika ebenso zuhause ist wie in den Hafenkneipen von Liverpool oder Baltimore. Haul Away wird ein echtes Seemannslied und besingt mit Flöten im Ohr und Irland im Herzen einen Abschied, der fast schon verschmerzt ist, aber deshalb noch lange nicht vergessen. Kingdom Of Gold spielt mit ganz ähnlichem Sound kaum kaschiert auf die Finanzkrise an, betrachtet das Aufbegehren von Occupy & Co. dabei aber als den vergeblichen Versuch einer Meuterei. Der Titelsong ist eine Ballade im ursprünglichen Sinne, und auch da gibt Mark Knopfler, zunächst nur von der akustischen Gitarre begleitet, den Matrosen.

„Für mich ist es das Größte, mit einer Gruppe von Leuten aufzubrechen und um den Globus zu ziehen. Ich mag es einfach, dass ich die Richtung vorgeben und zusammen mit der Band und der Crew durch eine sich ständig verändernde Umgebung fahren kann, um an immer neuen Orten aufzutreten. Vollkommen auf dich selbst gestellt ziehst du also durch die Lande und bahnst dir deinen Weg um die Welt“, schwärmt Knopfler.

Es ist wohl dieser Umstand, der ihm nach einer mehr als 35-jährigen Karriere noch immer den Spaß am Musikerdasein erhält – sogar so sehr, dass es diesmal unbedingt ein Doppelalbum (erstmals in seiner Sololaufbahn) sein musste. Dafür habe er sich entschieden, „weil die Masse an neuem Material einfach danach verlangte. Ich wollte weder irgendeine Unterteilung vornehmen, also Blues-Songs von Folk- oder Country-Stücken trennen, und mir war auch nicht danach, ein paar meiner Favoriten in der Schublade verschwinden zu lassen. Das Album sollte als Ganzes vor allem widerspiegeln, was für fantastische Sessions wir hatten: Wenn man mit derart grandiosen Musikern spielt, ist das wie wenn eine Gruppe von talentierten Schauspielern zusammenkommt und gemeinsam ein Script liest – sie können es zum Leben bringen, wie man es vorher gar nicht für möglich gehalten hätte. Das hier ist genau die Band, auf die ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet habe.“

Das Doppelalbum ist ein überzeugender Beleg für diesen kreativen Höhenflug von Knopfler als Songwriter und für das bestechende Zusammenspiel seiner Band. Alles auf Privateering wirkt, als lebe es nach seiner ganz eigenen Zeitrechnung, und das gesamte Album ist verwurzelt in einer Bodenständigkeit, wie sie niemand anders so rüberbringen könnte. Der abgeklärte Schafhirte, in dessen Rolle Mark Knopfler in Yon Two Crows schlüpft, ist die beste Verkörperung dieser Mentalität, wenn er trotzig diagnostiziert: „Ah, the dying young / well I’m not done / you watch me and I’ll watch thee / I can still work for two men and drink for three.”

Trotz dieses unverrückbaren Fundaments bietet Privateering auch eine erfreuliche Vielfalt. Der Opener Redbud Tree lässt an Crosby, Stills & Nash denken, das protzige Gator Blood spielt mit Rockabilly-Elementen. Bluebird wird ebenso schwül wie bedrohlich, Blood And Water ist sagenhaft tiefenentspannt. Dream Of The Drowned Submariner weiß um die Vergänglichkeit von allem und ist trotzdem untröstlich – und gönnt sich zudem ein unverkennbares Mark-Knopfler-Gitarrensolo.

Wer auf diesen zwei CDs nach der Wiederauferstehung der Dire Straits sucht, wird allerdings nur selten Ansatzpunkte dafür finden. I Used To Could ist ein getarnter Boogie wie einst The Bug. Ein bisschen an Calling Elvis erinnern der Beat und die Bottleneck-Gitarre von Corned Beef City. Die Atmosphäre von Brothers In Arms beschwört Go, Love wieder herauf, eine wunderschöne Momentaufnahme des Zwists zwischen Sehnsucht und Selbstlosigkeit, Rastlosigkeit und Pflichtgefühl.

Den Dire-Straits-Sound gibt es also nur ganz selten, aber jederzeit verströmt Privateering das Dire-Straits-Feeling: Lässigkeit, Könnerschaft und ein ironisch-distanzierter Blick auf das Dasein zeichnen auch hier das Schaffen von Mark Knopfler aus, der (sicher auch für dieses Markenzeichen) in diesem Jahr bei den Ivor Novello Awards einen Lifetime Achievement Award erhalten hat.

Passend dazu ist der Blues (samt seiner klassischen Themen: Autos, Schnaps und leichte Mädchen) das Genre, das auf Privateering am prominentesten vertreten ist. Er kann sanft und zärtlich klingen wie der Miss You Blues oder die einfachen Freuden des Lebens feiern wie Today Is Okay. Und auch wenn „Leidenschaft“ ein Wort ist, das man wohl niemals zuerst mit Mark Knopfler in Verbindung bringen wird, kann er auch lüstern sein wie Hot Or What, das auf Mundharmonika und Poker-Metaphern setzt und beweist, dass „sexy“ manchmal auch von „souverän“ kommt.

„Je älter ich werde, desto größer wird dieser Drang, neue Songs zu schreiben. Wer weiß, ob das nun daran liegt, dass ich befürchte, mir könnte die Zeit davonlaufen; ich weiß es nicht“, sagt der 63-Jährige. Und was Mark Knopfler dann noch anfügt, darf man angesichts der Klasse von Privateering als Versprechen auffassen: „Das alles erfüllt mich jedenfalls mehr denn je – das Schreiben der Songs, die Studioarbeit, die Auftritte, ich genieße jeden einzelnen Aspekt davon. Und ich hab so viele Songideen herumfliegen, dass man fast schon aufpassen muss, wo man hintritt.“

Mark Knopfler spricht über die Entstehung von Privateering:

Homepage von Mark Knopfler.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ein Gedanke zu “Hingehört: Mark Knopfler – „Privateering“