Hingehört: Mechanical Bride – „Living With Ants“


Eskapismus trifft in "Living With Ants" auf die dunkle Seite der Fantasie.

Eskapismus trifft in "Living With Ants" auf die dunkle Seite der Fantasie.

Künstler Mechanical Bride
Album Living With Ants
Label Transgressive Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Wenn man nur ein Wort hätte, um die Musik von Mechanical Bride zu charakterisieren, dann müsste man dieses Wort wählen: dezent. Das beschreibt nicht nur am besten den traumhaften, leicht schüchternen Sound von Lauren Doss, die hinter Mechanical Bride steckt und mit Living With Ants ihr erstes richtiges Album vorlegt. Es hat auch den Vorteil, dass es eine Verwandtschaft zum englischen „decent“ hat. Und das meint: anständig, brauchbar, passabel.

Auch diese Bewertung trifft auf Living With Ants nämlich definitiv zu. Wie schon auf ihrer 2008 veröffentlichten Zusammenstellung von EP-Tracks (die unter anderem eine Coverversion von Rihannas Umbrella enthielt, die dann in England zu einem heimlichen Hit im Radio wurde) gibt es bei Mechanical Bride auch hier ganz viel Traurigschönes. Manchmal ein bisschen zu harmlos, manchmal übertrieben spinnert, aber stets hübsch.

“A soapy melange of tittering strings and sighing xylophones that’s every inch as magical as Bat For Lashes”, hat der NME die Songs von Mechanical Bride umschrieben. Auch Laura Marling oder PJ Harvey werden gerne als Bezugspunkte genannt. Wenn es ein wenig opulenter wird, sind auch Eleni Mandell oder Vienna Teng nicht sehr weit weg. Allgegenwärtig ist eine Atmosphäre, die der perfekte Soundtrack für einen Sonntagmorgen sein könnte, mit etwas Nebel, aber der Verheißung eines sonnigen Nachmittags.

Zum Auftakt in Magpie sind die Bläser gedämpft, das Schlagzeug wird mit Besen gespielt und auch die Klaviertasten streichelt Lauren Doss bloß. Wie gesagt: Hier geht es dezent zu. Young Gold (You Stole My Heart) setzt auf eine akustische Gitarre, Flöten und ein Akkordeon, sodass man kurz meint, The Beautiful South hätten Asyl in Mittelerde gefunden. Die Single Colour Of Fire wird dank des zweistimmigen Gesangs wunderhübsch, im folgenden Peach Wolves ist Mechanical Bride wie versunken in ihren eigenen Zauber. Ganz zum Schluss ist der Gesang perfekt ineinander verschachtelt, sodass Boom! (Shine A Light) fast zu einem Kanon wird.

Gelegentlich (Lakes) wird das etwas fad, doch in der zweiten Hälfte von Living With Ants zeigt Mechanical Bride, dass sie nicht nur Morgentau und Schmetterlinge kennt, sondern auch Moorlandschaften und Schattenwesen. “I wanted to find the beauty and colour from dark places that exist inside and outside of ourselves. The title Living With Ants means learning to co-exist alongside niggling issues and worries that we maybe create for ourselves”, erklärt die 25-jährige Lauren Doss ihr Konzept. Das bedeutet: Die Möglichkeit, sich einfach in eine andere Welt zu träumen, ist hier ebenso Thema wie die Bedrohung durch Dämonen, von denen kein Mensch weiß, ob sie bloß eingebildet sind.

Dank dieses Zweifels kommt in By Night erstmals so etwas wie Spannung auf, auch wenn sie sich nicht recht fassen lässt. Als würde man nachts mit dem Auto fahren – mit quietschenden Reifen, aber ohne Licht. Das komplexe To The Fight spielt mit Elementen aus der Klassik, Demons könnte mit seinem Call-and-response-Gesang einem uralten Jazz-Musical (oder dem Dschungelbuch) entsprungen sein. Auch das verspielte Walk Into The Forest wirkt wie ein Ausflug ins Theater.

Was Living With Ants an Pop-Appeal vermissen lässt, wiegt es insgesamt mit Kreativität wieder auf. Und mit ganz vielen Bildern, die die Lieder von Mechanical Bride im Kopf entstehen lassen, und die keineswegs dezent sind – sondern kraftvoll.

Wald, Nebel, Tiere – im Video zu Colour Of Fire ist Mechanical Bride ganz zuhause in ihrer Traumwelt:

Mechanical Bride bei MySpace.

 

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