Hingehört: Memoryhouse – „The Slideshow Effect“


Unglückliche, die ihr Unglück nicht beklagen - das ist der Sound von "The Slideshow Effect".

Unglückliche, die ihr Unglück nicht beklagen – das ist der Sound von „The Slideshow Effect“.

Künstler Memoryhouse
Album The Slideshow Effect
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Ich möchte gerne die wahre Geschichte von Memoryhouse erzählen. Sie geht so:

Memoryhouse sind zwei junge Menschen aus Kanada namens Evan Abeele (Musik) und Denise Nouvion (Gesang). Sie haben durch seltsame Wirrungen des Schicksals von Kindesbeinen an eine unbesiegbare Vorliebe für den Sound der Cranberries entwickelt. Sie haben eine Band gegründet und Songs geschrieben, die wie Lieder von den Cranberries klingen. Sie sind mit diesen Songs durch das Land getourt, sie haben im September 2011 eine EP bei Sub Pop veröffentlicht und nun ihr Debütalbum The Slideshow Effect fertig.

Die Perspektive der Zukurzgekommenen ist zentral für die Musik von Memoryhouse. „We’re not the lucky ones / we’ll never be the lucky ones“, heißt es in All Our Wonder sehr treffend. Hier singen Unglückliche, die sich nicht einmal gegen ihr eigenes Unglück auflehnen möchten. Die Musik ist nie einfach hübsch, sondern hat immer einen kleinen Schönheitsfleck wie Bonfire oder der Rausschmeißer Old Haunts, der am Ende von düster-romantisch in wütend umschlägt. Die Lieder kommen oft nach einer Weile fast zum Stillstand, schwellen dann aber noch einmal mächtig an wie Heirloom oder Kinds Of Light.

Denise Nouvion singt, ebenso wie Dolores O’Riordan bei den Cranberries, sehr gerne „ahaha“, und sie singt mit einer solchen Strahlkraft, dass sich die Instrumente offensichtlich nicht recht rantrauen an diese Stimme – aus Angst, sie könnten versengt werden. Schon in The Kids Were Wrong, dem zweiten Stück auf The Slideshow Effect, würde man sich nicht mehr wundern, wenn sie zu kompaktem Schlagzeug und einer hübschen The-Smiths-Gitarre plötzlich „do you have to let it linger“ singen würde.

Wo die Cranberries-Frontfrau schon einmal penetrant werden kann, bleibt die Sängerin von Memoryhouse aber erfreulicherweise immer zurückhaltend. Und im besten Song der Platte, Walk With Me, weicht sie sogar etwas vom Grundprinzip ab und entwickelt stattdessen eine leicht kokette Schüchternheit im Stile von Saint Etienne.

Memoryhouse werden behaupten, dass diese Geschichte nicht stimmt. Sie wissen, dass die Cranberries nicht cool sind. Sie wissen, dass man sich am besten immer auf Kate Bush berufen muss, oder allenfalls halbwegs respektierte amerikanische Bezugspunkte nennen darf. „These vocalists, Emmylou, Stevie Nicks…They have undeniable warmth to them, but also a sense of identity, or character“, sagt Evan Abeele beispielsweise – nichts als ein Ablenkungsmanöver. Bei anderer Gelegenheit nennt die Band ihren Sound scherzhaft “Taylor Swift with Built To Spill as her backing band” – eine Blendgranate. Die alberne Behauptung, Memoryhouse sei eigentlich als Multimedia-Kunstprojekt gedacht gewesen – ein Märchen. Die prahlerische Bezugname auf Max Richter im Bandnamen – ein vergeblicher Versuch.

Ich bleibe dabei: Die Cranberries sind gerade mit einem passablen Album zurück ins Rampenlicht getreten, tun aber immer noch gerne so, als seien sie gefährliche Rocker. Memoryhouse haben mit The Slideshow Effect das Alterswerk geschaffen, dass es von den Iren womöglich nie geben wird.

Jungen und Mädchen, Regen und Strand: Wie das Video zu The Kids Were Wrong sehen bei Memoryhouse also die Ergebnisse eines Multimedia-Kunstprojekts aus.

Memoryhouse bei MySpace.

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