Miles Kane – „Don’t Forget Who You Are“


Künstler Miles Kane

Viel Stil, kein Inhalt - das ist das Problem an "Don't Forget Who You Are".

Viel Stil, kein Inhalt – das ist das Problem an „Don’t Forget Who You Are“.

Album Don’t Forget Who You Are
Label Sony
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Sprechen wir also über Don’t Forget Who You Are, das Lied. Es ist das zweite Stück auf dieser Platte, und es ist das beste. Miles Kane hat es gemeinsam mit Ian Broudie (Lightning Seeds) geschrieben, der auch bei drei weiteren Stücken als Co-Autor auftritt und das Album zudem produziert hat. „So let’s throw out the old doubts / we won’t let our worries dictate who we are”, lauten die letzten Zeilen des Refrains – und genau so klingt dieses Lied auch: funky, schwungvoll, ausgelassen.

Sprechen wir also über Don’t Forget Who You Are, das Album. Es ist leider nicht halb so gut wie der Titelsong. Das liegt keineswegs an mangelndem Können. Miles Kane hat die Stimme, die Melodien und den Look, den man für ein tolles Rockalbum braucht. Er hat definitiv auch die Attitüde und das nötige Selbstvertrauen: „When Johnny and The Silver Beatles had your volume high / I feel better than that”, tönt er nach ungefähr zehn Minuten dieses Albums. Und er sagt über sein zweites Solowerk: „Es ist eine Platte, die viel besser weiß, was sie ist, als die erste. Ich denke, sie manifestiert, wie ich mich selbst sehe, wohin ich mich entwickle, wer ich bin und warum ich das alles mache.“

Man muss ihm leider widersprechen: Das größte Problem an Don’t Forget Who You Are ist (ausgerechnet, bei diesem Titel!), dass die Platte keine Persönlichkeit hat. Wenn Miles Kane vom Fire In My Heart singt, dann erschließt sich einfach nicht, wofür es brennt. Die Lieder wirken, als würde das Leben von Miles Kane nur aus Referenzen auf die Popgeschichte bestehen, nicht aus Gefühlen und Erfahrungen. Fast immer ist er hier auf einen Prototyp aus, der die Qualität der großen Vorbilder erreichen soll, aber dabei findet sich kaum eine Spur Individualität.

Das mag auch damit zusammen hängen, dass alle Stücke auf Don’t Forget Who You Are Gemeinschaftswerke sind und Kane damit wie schon bei den Last Shadow Puppets der Notwendigkeit entgeht, sich ganz alleine und eigenständig zu beweisen. Neben dem bereits erwähnten Ian Broudie („Der hat echt Feuer“, schwärmt Miles Kane) zählen auch Paul Weller, Andy Patridge von XTC („Er ist ein Genie. Er zeigte mir Akkorde, auf die ich nie gekommen wäre, oder neue Methoden, Lieder zu schreiben. Bei jedem Treffen machten wir einen weiteren Song. Durch ihn habe ich Sachen gemacht, die ich vorher noch nie gemacht hatte – viele Septimen. Andy liebt Septimen.“), Kid Harpoon und Guy Chambers, der ehemalige Hitlieferant von Robbie Williams, zu den Leuten, mit denen Miles Kane hier komponiert hat.

Das Ergebnis sind Lieder wie What Condition Am I In?, das beinahe wie eine Parodie klingt, wie die Imitation eines Sixties-Hits, gesungen von Austin Powers. Die Ballade Out Of Control trieft vor Klischees, und den romantischen Schwärmer nimmt man Miles Kane ebenso wenig ab wie den Rabauken, den er in Better Than That irgenwo zwischen der stumpfsinnfreien Aggressivität von The Who und den Kinks geben will.

Es gibt reichlich Zeilen auf dieser Platte, die man schon tausend Mal gehört hat, und die trotzdem noch immer nichts zu bedeuten haben. „What’s left to say / about the games people play / what else can a poor boy do / to live his whole life reckless and blue“, heißt es im akustischen Fire In My Heart. “I wanna forget forever / so let’s come together”, singt der 27-Jährige in Tonight, das ein bisschen Hair-Metal-Atmosphäre aufkommen lässt und weitgehend klingt wie irgendetwas, das Billy Idol 1987 im Suff im Keller vergessen hat. Auch Bombshells steckt voller Allgemeinplätze, You’re Gonna Get It und Give Up merkt man an, wie oft und gerne Miles Kane in letzter Zeit auf der Bühne gestanden und den Rocker gegeben hat, aber die Tracks könnten kaum hohler sein.

Ganz am Ende und ganz am Anfang von Don’t Forget Who You Are gibt es wenigstens noch ein paar Lichtblicke. Taking Over basiert auf einem guten Glamrock-Riff, klingt in der Strophe nach Kasabian und schafft es dann, im Refrain plötzlich die Brücke zu den Hollies zu schlagen. „Während Ian und ich das Album vor den Sessions arrangierten, hörten wir viel The Sweet“, erklärt Miles Kane. „Ballroom Blitz ist unglaublich und die ganze Glam-Zeit hatte einen großen Einfluss auf mich. Als wir dann die Glamrock-hafte Strophe und den Beatles-esken Refrain bei Taking Over beisammen hatten, schauten wir uns an und wussten beide: ‚Das ist unsere Art Blaupause‘, diese Voll-auf-die-Zwölf-Herangehensweise. Und wir blieben dieser Vision treu.“

Der gelungene Rausschmeißer Darkness In Our Hearts zeigt mit der nötigen Dringlichkeit und einem angedeuteten Motown-Feeling, was Miles Kane wohl im Sinn hatte, wenn er sagt: „Für mich war es das Wichtigste, dass an den Songs des neuen Albums kein Gramm Fett zu viel ist. Sie sollten schlank klingen. Die generelle Vorgabe war – bevor ich mich überhaupt für diesen Rock’n’Roll- und Glamrock-Vibe entschied – dass die Platte unglaublich direkt klingen soll.“

Es ist dieser Fokus auf Sound, auf Ästhetik, auf Stilsicherheit, auf Oberfläche, der Don’t Forget Who You Are so blutleer und enttäuschend macht. Denn Miles Kane hat darüber schlicht die Inhalte vergessen. Das Album klingt wie ein Handbuch für klassische Rockmusik. Und leider nicht wie ein Roman, ein Gedicht oder wenigstens eine Kurzgeschichte.

Miles Kane spielt Don’t Forget Who You Are akustisch:

Homepage von Miles Kane.

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