Hingehört: Oasis – „Don’t Believe The Truth“ 2


Auf „Don‘ t Believe The Truth“ enden die Lieder endlich wieder, bevor die Ideen enden.

Künstler Oasis
Album Don’t Believe The Truth
Label Big Brother Records
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

Where Did It All Go Wrong? fragten sich Oasis auf ihrem vorletzten Album. Eine gute Frage. Warum und seit wann sind Oasis eigentlich nicht mehr die beste Band der Welt, unantastbar, unerreicht und unvergleichlich?

Man könnte erwidern: Vielleicht, seit sie Lieder schreiben, die Frage stellen statt Antworten zu geben (wenn ihr wisst, was ich meine). Vielleicht, seit das Koks ihnen den Kopf verdreht hat. Vielleicht, seit Bonehead und Guigsy weg sind und Oasis damit nicht mehr wie eine Gang wirken – undurchdringlich und gefährlich.

Alles Quatsch. Sich selbst hinterfragt haben auch Talk Tonight oder Slide Away, Songs zu besten Oasis-Zeiten. Das Koks hat Morning Glory auch nicht geschadet. Und eine verschworene Clique waren sie ohnehin nie. „All that romantic notion about Oasis being a gang was all bullshit. I lived in London on my own for two years, the rest of the band lived in Manchester. It was never a gang. I never hung out with them, they never hung out with me. We never had the same circle of friends. We never drank in the same places. I was always a bit of a loner anyway“, hat Noel das schon vor fünf Jahren klargestellt.

Die Antwort lautet: In dem Moment, als Oasis die beste und größte Band der Welt waren, hatten sie es verloren. Denn was die Gallaghers ausmachte, als sie antraten, war ihr Wille zum Absoluten. Sie wollten sich nicht mit irgendetwas zufrieden geben, sie wollten nicht ein bisschen Ruhm, sie wollten keine relativ bedeutenden Songs schreiben. Sie wollten alles, und sie hielten damit nicht hinterm Berg.

Man muss sich heute schon sehr angestrengt erinnern, um zu verstehen, wie faszinierend und originell diese Attitüde wirkte – in einer Zeit, als weinerliche Grunge-Nachwehen (unvergessen: Liams „Don’t talk to me about Nirvana. And you can fuck your fucking Pearl Jam.“) und anonyme Dancemusic die Szenerie prägten.

Natürlich waren die Songs noch viel besser als die Attitüde, aber als Oasis es geschafft hatten, war die Luft raus. Sie hatten es allen gezeigt, der Hunger war gestillt. Oasis wurden nicht nur ein bisschen faul und größenwahnsinnig, sie wurden vor allem auch selbst zu Fixpunkten und Vorbildern. Ein Heidenspaß war es, wie all die Newcomer, die Liam in seinem Amoklauf vor Veröffentlichung der neuen Oasis-Platte gedisst hatte, sich artig dafür bedankten. Dass Liam Gallagher sich überhaupt mit ihnen beschäftigt, sei eine Ehre. Dass viele dieser Jungspunde inzwischen natürlich spannender sind (und teilweise auch bessere Songs haben) als Oasis, liegt zum nicht geringen Teil auch daran, dass sie von den Gallaghers inspiriert wurden und gelernt haben.

Nun gibt es also ein neues Album, Don’t Believe The Truth. Der Titel ist so gaga wie eh und je, auch das Logo erinnert wieder an bessere, schnörkellosere Zeiten. Das trifft auch auf die Musik zu. Don’t Believe The Truth macht dort weiter, wo Heathen Chemistry angesetzt hatte: Oasis stoppen den freien Fall. Nach dem hohlen Geprotze von Be Here Now und der bunten Leere von Standing On The Shoulder Of Giants ist es ein Album der Konsolidierung. Man kann nach dieser Platte gewiss sein: Oasis werden nicht ihren eigenen Mythos zerstören.

Es gibt einen schönen Moment auf Don’t Believe The Truth, das Ende des von Liam komponierten Guess God Thinks I’m Able. Ein ruhiges Liedchen, leichte Psychedelik in den akustischen Gitarren, der Text die reine Selbstverherrlichung. Dann setzen plötzlich E-Gitarren und mächtige Drums ein – man hat das oft genug gehört und erwartet drei zusätzliche Minuten, dreißig zusätzliche Gitarren, vielleicht einen Na-Na-Na-Refrain zum Ende. Doch nichts ist mit Überfrachten und Aufblähen – der Bombast wird nur kurz angedeutet und verhallt nach einer einzigen Zeile, fast mit einem Augenzwinkern. Oasis sind weise geworden. Die Lieder hören neuerdings wieder auf, bevor die Ideen aufhören.

Es ist fast eine typische Szene für die neue Platte. Auch nach fünf Jahren Pause und diversen Schwierigkeiten bei der Entstehung von Don’t Believe The Truth zweifelt die Band nicht an sich. Sie ist sich ihrer Klasse bewusst. Sie weiß, dass sie es jederzeit könnte, wenn sie wollte. Aber sie muss eben nicht. Nicht ein schlechter Song ist auf dieser Platte, aber neben der urgewaltigen Stompfer-Single Lyla gibt es hier kaum etwas Zupackendes, keine Zähne, keinen Furor.

Hat man die Klänge der Jungspunde im Ohr, die sich gerne auf Oasis berufen (die Killers oder Kasabian), dann klingt hier fast alles erschreckend unspektakulär – in dem Sinne, wie ein Rolls Royce eben neben einem Ferrari auch unspektakulär wirkt.

Der Gedanke, dass Oasis sich in Zukunft vielleicht einfach darauf verlegen werden, regelmäßig Platten aufzunehmen, die zwar nicht alles andere in den Schatten stellen, aber durchaus Respekt verdienen, ist noch immer gewöhnungsbedürftig, aber nicht mehr erschreckend. Denn die neue Bescheidenheit steht ihnen gar nicht schlecht. Mit Songs auf dem Level von Love Like A Bomb (wunderbar direkt, auch von Liam geschrieben), A Bell Will Ring (ein solider Shuffle aus der Feder von Gitarrist Gem Archer) oder Let There Be Love (seit Ringo Starrs Sohn das Schlagzeug spielt, dürfen sie wohl endgültig wie die Beatles klingen) können Oasis in Würde altern.

Gelegentlich werden hier auch neue Wege betreten, ganz vorsichtig. Mucky Fingers belehnt Velvet Underground, bietet eine Mundharmonika auf und verspricht live ein Vergnügen zu werden. Part Of The Queue (von Noel so gut bei Golden Brown geklaut, das wohl nicht einmal die Stranglers das merken) erkundet komplexeres Kinks-Territorium.

Das Alterswerk beginnt hier. Vielleicht sogar der zweite Frühling.

Der Beweis, dass Oasis noch immer überraschen können, und tatsächlich ein Vergnügen, vor allem in Manchester: Mucky Fingers live:

Oasis bei MySpace.


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