Oliver Koletzki – „Großstadtmärchen 2“


Künstler Oliver Koletzki

"Großstadtmärchen 2" ist eine gelungene Fortsetzung - und vor allem mutig.

„Großstadtmärchen 2“ ist eine gelungene Fortsetzung – und vor allem mutig.

Album Großstadtmärchen 2
Label Stil vor Talent
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Ein bisschen lustig ist das schon. Ausgerechnet Daft Punk sind die großen Vorbilder von Oliver Koletzki. Mehr noch: Die Franzosen waren es, die ihn überhaupt erst zur elektronischen Musik gebracht haben. Daft Punk personifizieren dabei mit ihren Helmen auf der Bühne und den Plattencovern ohne Fotos des Duos perfekt die Idee des gesichtslosen Künstlers, die so prototypisch für elektronische Musik zu sein scheint. Der DJ oder Produzent ist bloß Dienstleister – was zählt, ist der Track.

Amüsant ist das, weil Oliver Koletzki nun Großstadtmärchen 2 vorgelegt hat, sein viertes Album. Es ist eine gute, intelligente, tanzbare, humorvolle Platte geworden, in der „ganz viel Herzblut“ steckt, wie Markus Kavka in seinem liebevollen Presse-Info für dieses Album sehr treffend schreibt. Aber es ist keine außergewöhnliche Platte. Es gibt ein paar sehr durchschnittliche Nummern wie das House-Aufwärmprogramm Kurze Einleitung, das nette, aber nicht zwingende You See Red oder das von Juli Holz gesungene Reisezeit, das fast zwangsläufig an die Wortkombination „Turntablerocker“ und „unmotiviert“ denken lässt.

Wenn man streng ist, muss man sagen: Solche Songs braucht kein Mensch. Großstadtmärchen 2 hat aber eben auch ganz besondere Momente zu bieten, und die leben genau wie das Album als Ganzes ausgerechnet davon, dass Oliver Koletzki kein anonymer Musiker ist, sondern ein Typ.

Die besten Tracks profitieren enorm davon, dass sie Oliver-Koletzki-Tracks sind, dass man sein Gesamtwerk, seine Biographie, sein Image dabei mithört. Vielleicht liegt das daran, dass er schon 29 war, als er 2005 mit Der Mückenschwarm seinen Durchbruch hatte. Vielleicht auch daran, dass er mit The Koletzkis beweist, dass er auch das ganz klassische Band- und Rockgefüge schätzt. «In meiner Jugend habe ich immer in Bands gespielt. In einer Rockband, einer The-Doors-Coverband und dann bin ich auf diversen Umwegen zum Auflegen und zur elektronischen Musik gekommen», hat er im Interview mit news.de verraten. Oder es liegt an dem wichtigsten Element seiner musikalischen Handschrift: Mut.

Er wagt es tatsächlich, in ebenso ängstlichen wie verführerischen The Devil In Me einen der Gründungsmythen des Rock’N’Roll (die alte Geschichte, dass man dem Teufel seine Seele verkaufen könnte im Tausch gegen magische Fähigkeiten) in einen hoch attraktiven Dance-Track zu packen, gesungen von Jan Blomqvist. Er verpasst einem Hit wie Karambolage, der beinahe platzt vor lauter Leichtigkeit und Eleganz, die vergleichsweise rotzigen Vocals von Axel Bosse und eine traurige Liebesgeschichte, in die er auch noch unsexy Worte wie „Dosenbier“, „Asthma“ und „Nothammer“ packt. Auf Join That Spin lässt er sogar kurzerhand Björn Störig singen, eigentlich Schlagzeuger bei The Koletzkis, was erstaunlich gut funktioniert und im Ergebnis ein bisschen wie eine deprimierte Version von Zoot Woman klingt.

Er verbindet im ebenso spannenden wie rührenden The Power Of Rausch dann auch noch Minimal-House und Literatur: Nagel (Ex-Frontmann von Muff Potter und mittlerweile Schriftsteller) liest darin eine Passage aus seinem Roman Was kostet die Welt. Dieses Rezept funktioniert so gut, dass man bei der Konzentration auf den Text beinahe das Tanzen vergessen könnte. Und er baut den Höhepunkt des Albums zu gleichen Teilen aus Warren Gs Regulate und Paul Simons 50 Ways To Leave Your Lover zusammen: 50 Ways To Love Your Liver zieht die Nummer mit dem Wortspiel dann auch konsequent durch und zählt im Text 50 Alkoholsorten auf.

Es gibt noch mehr Höhepunkte: Still, gesungen von seiner Frau Fran gehört dazu und wirft die Frage auf, warum Kylie Minogue nicht längst an die Tür von Oliver Koletzki geklopft hat, mit der Bitte um ein paar Pop-Hits. Auch die vier Instrumentals auf Großstadtmärchen 2 sind durchweg hörenswert. Darunter ist das innerhalb nur eines Tages entstandene Boy Got Soul, angeblich Oliver Koletzkis Lieblingslied auf dem Album. Und 1994, das gleichzeitig in hohem Maße zeitgemäße Clubmusik und Chronik der elektronischen Musik im Sinne eines Love-Parade-Theme-Megamixes ist. 1994 war übrigens das Jahr, in dem Daft Punk ihren Durchbruch feierten, und in dem Oliver Koletzki auf seiner ersten Techno-Party war. Man darf froh sein, dass es so kam.

Na dann Prost: Das Video zu 50 Ways To Love Your Liver:

Oliver Koletzki bei MySpace.

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