Hingehört: Prag – „Premiere“


Unvergleichbar: So wie Prag klingt sonst niemand.

Unvergleichbar: So wie Prag klingt sonst niemand.

Künstler Prag
Album Premiere
Label Tynska Records
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ***1/2

„Clever“ ist ein Wort, das ziemlich häufig auftaucht, wenn man sich mit Nora Tschirner beschäftigt. Genauer gesagt: 896.000 Mal in der Google-Suche, 9750 Mal bei Bing, 4200 Mal bei Altavista. Kein Wunder: Von der rotzfrechen MTV-Moderatorin hat es die Berlinerin mit Auftritten in Soloalbum, FC Venus oder Keinohrhasen zur anerkannten Schauspielerin geschafft. Sie ist Everybody’s Darling. „Die Frau, die jeder haben will“, hat GQ sie genannt, als das Magazin Nora Tschirner 2010 zur Frau des Jahres kürte. Für die FAZ ist sie die „Vorzeigefigur der Post-Wiedervereinigungs-Jugend“, die Süddeutsche Zeitung zeigt sich ebenso begeistert: „Einfach schön und schön einfach“ sei diese junge Frau. Demnächst wird Nora Tschirner – ein Ritterschlag im deutschen Fernsehen – sogar Tatort-Kommissarin.

Jetzt reüssiert die 31-Jährige auch als Musikerin. Prag heißt die Band, in der sie gemeinsam mit Erik Lautenschläger und Tom Krimi spielt. Das Debütalbum Premiere erscheint heute.

Es könnte der erste dumme Schritt in der Karriere der cleveren Nora Tschirner sein. Natürlich gibt es massenweise Schauspieler, die sich als Musiker versucht haben. Brigitte Bardot hat gesungen, Jodie Foster hat es versucht, zuletzt auch Scarlett Johansson. Doch wirklich cool, geschweige denn gut, war keine von ihnen in der Rolle hinter dem Mikrofon. Von schlimmeren Beispielen wie Katja Riemann, Lindsay Lohan oder Nicole Kidman reden wir da noch gar nicht. In jedem Fall ist sicher: Als Musikerin begibt sich Nora Tschirner in eine ganz neue Welt – und auf gefährliches Terrain.

So viel vorab: Sie macht auch dort eine gute Figur. Und das liegt zu einem guten Teil daran, wie clever sie den Start ihrer Musikkarriere angeht (das Wort „Musikkarriere“ ist unbedingt angebracht, denn Prag ist nicht als einmaliges Experiment gedacht, sondern langfristig angelegt, Nora Tschirner hat dafür sogar eigens eine Plattenfirma gegründet.). Der schlauste Trick besteht darin, sich sämtlichen Vergleichen zu entziehen. Niemand wird über Premiere schreiben können, Nora Tschirner sei die neue Judith Holofernes, eine gescheiterte Version von Ina Müller oder ein müder Abklatsch von Lena Meyer-Landrut. Denn Prag machen Musik, die es sonst nirgends in Deutschland so gibt.

Premiere bietet große Gefühle und noch größere Sounds. Schlager, Chanson und Filmmusik klingen hier an, aber auch altmodische Songwritergrößen wie Burt Bacharach oder Van Dyke Parks. Wenn Blumfeld die Idee von „Es muss nicht immer Rock sein“ wirklich bis zum Ende durchgezogen hätten, wäre womöglich so etwas Ähnliches dabei herausgekommen wie Premiere. Auch die Platte der Last Shadow Puppets ist ein Anhaltspunkt, wenn man sich den Sound von Prag vorstellen will.

Genau wie dieses Projekt waren Prag eigentlich auch erst als Nebenbei-Band gedacht. „Ich ging mit meinen Songideen zu Tom. Wir kennen uns schon lange, es passt bei uns einfach: Während ich hauptsächlich intuitiv an Musik herangehe, kann Tom das viel strukturierter. Er findet heraus, in welche Richtung ein Song gehen soll, spinnt den Faden kompositorisch weiter, und bringt Instrumentierung und Arrangement dann auf den Punkt“, erklärt Erik Lautenschläger die Arbeitsweise. „Lange Zeit war das für uns ein absolutes Muße-Projekt, neben unseren ‚offiziellen Bands’. Wir haben nur daran gearbeitet, wenn wir auch richtig Lust hatten.“

Als dann Nora Tschirner dazustieß, die er schon ewig (genauer gesagt: aus dem Schulchor) kennt, bekam die Idee plötzliche eine neue Größenordnung. „Erik und ich kommen ja aus dem Indie-Bereich und denken eher in kleineren Dimensionen. Als dann Nora dazukam, war nicht nur die Chemie zwischen uns klasse, sondern sie brachte auch einen gewissen ‚Think Big’-Gedanken mit ins Studio. Von ihrem anderen Beruf kennt sie diesen Anspruch ja durchaus und es ist hauptsächlich ihr Verdienst, dass unsere Musik diese Energie jetzt nutzt“, umschreibt Tom Krimi diese Entwicklung.

Auch Nora Tschirner ging eigentlich ohne große Erwartungen an das Projekt heran. „Mir gefiel das Material auf Anhieb. Ich bin aus Spaß mal im Studio vorbei gegangen und habe schon beim ersten Besuch Input gegeben, weil ich die Harmoniefolge des Refrains etwas langweilig fand. Ich musste nichts beweisen, deswegen war ich nicht besonders nervös. Wir haben uns schnell sehr gut verstanden – alles fühlte sich irgendwie sinnvoll, gemütlich und lustig an. Trotzdem wollte ich eigentlich erst mal gar nicht groß draufsingen. Ich war vollkommen zufrieden damit, die erste Vorsitzende des Fanclubs zu sein“, erzählt sie. Als sich dann aber abzeichnete, dass sie das dritte Mitglied von Prag werden würde, konnte sie sogar schon Forderungen stellen: „Eines habe ich zur Bedingung gemacht: Ich spiele die Tarantino-Gitarre!“

Der Bandname geht zum einen darauf zurück, dass sich Prag der Bohème der 1950er und 1960er Jahre verpflichtet fühlen. Zum anderen entstanden in der tschechischen Hauptstadt große Teile der Platte. „Wir haben mit dem Filmorchester in Prag aufgenommen und auf dieser Reise ist einfach sehr viel für uns passiert. Wichtige, grundlegende Dinge. Und plötzlich war uns klar, dass ‚Prag’ der richtige Name ist“, sagt Nora Tschirner und verrät: „Die beiden Jungs haben geheult, als sie die Songs vor Ort zum erstem Mal in dieser riesigen Dimension gehört haben. Sie haben dann sehr schnell weggeguckt und irgendetwas am Laptop geschrieben. Ich bin bis heute überzeugt, es war ‚gkjdhcakfhs’ oder so.“ Erik Lautenschläger schwärmt ebenfalls noch immer von den Aufnahmen: „Es hat uns völlig umgeworfen, wie sich der Kreis plötzlich schloss. Von den ersten Skizzen bis an diesen Punkt zu kommen, war schon sehr berührend. Alles war plötzlich so schnell gegangen und hatte sich dennoch so sinnvoll und stimmig entfaltet.“

Der zweite Trick von Nora Tschirner, um der geringsten Gefahr von Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen: Sie bleibt auf Premiere weitgehend im Hintergrund. Nur auf 3 der 14 Lieder übernimmt ihr Gesang die Führungsrolle, in der ersten Hälfte des Albums ist ihre Stimme kaum präsent und auch die besagte Tarantino-Gitarre (militante Gegner von Blutspritzen auf der Kinoleinwand bestehen auf dem Fachbegriff „Bariton-Gitarre“) kann man beinahe überhören, wenn man nicht genau aufpasst.

Statt der großen Nora-Tschirner-Show gibt es auf Premiere sehr viele schicke, besondere, eigenwillige Lieder. Nach dem instrumentalen Leisestreichler macht Sophie Marceau den Auftakt. Das Stück, zugleich die erste Single von Prag, betrachtet die Band als so etwas wie einen Prototyp für den Sound des Trios: Es „bildet unser Universum wunderbar ab, bleibt hängen und strahlt eine für uns typische, augenzwinkernde Nostalgie aus“. Flatternde Streicher sind zu hören, Schlagzeugwirbel und ein Gesang, den man unbedingt elegant nennen muss. Das Lied erzählt vom Schwärmen für den französischen Filmstar, als der noch in La Boum spielte. Die 1980er-Jahre-Reminiszenz wird noch ein bisschen reizvoller durch die Tatsache, dass in Prag drei Kinder der DDR vereint sind. Die erste Strophe kann man durchaus als Erinnerung an die Jungpionier-Zeit interpretieren (die auch die 1981 geborene Tschirner noch erlebt haben dürfte), danach werden die Träume von Frankreich und Monaco noch ein Stück exotischer, weil diese Länder damals unerreichbar scheinen mussten.

Ähnlich schlau sind die Texte auch in anderen Liedern: Argumente tausendfach besingt zu Orgel und Akkordeon die Tatsache, dass einem die wirklich guten Argumente immer erst einfallen, wenn der Streit schon vorbei (und damit meist: verloren) ist. Vögel widmet sich dem, was ich das „Bekackte-Vögel-Phönomen“ nenne: der Situation, in der man erst frühmorgens aus dem Club kommt, erstaunt zur Kenntnis nehmen muss, dass es schon hell ist und die Natur (inklusive der lärmenden Vögel) gerne den Tag beginnen will, den man selbst gerade zu beenden gedenkt. Einkauf handelt vom Konsumwahn und seiner zumindest kurzfristig tröstenden Wirkung, Einfach thematisiert überzogene Erwartungshaltungen, was sie anrichten können und was wir ihretwegen womöglich alles verpassen im Leben.

Die musikalische Bandbreite ist noch größer: Es gibt zarte Momente mit nervöser Leonard-Cohen-Gitarre wie Zweiter, Aufmunterndes mit flinkem Bass und tollem Refrain wie Drehbuch, aber auch reduzierte Songs und opulente Werke wie den sechseinhalbminütigen Rausschmeißer Ende. Am Ende von Warten (mit der schönen Zeile „Du schaust der Zeit beim Stehen zu“) lässt sich ein Country-Beat ausmachen, Und jeder hält die Luft an feiert den Rausch der Sinne mit dem ganzen Klangarsenal von Kinosoundtracks. Das zackige Zeit setzt, passend zum Titel, auf einen unermüdlich treibenden Rhythmus und Glockenschläge.

Dass mit dem kraftvollen Bis einer geht eines der beiden Lieder, bei denen Nora Tschirner im Zentrum des Geschehens steht, zum besten Song des Albums wird, ist da wohl kein Zufall mehr. Sondern: clever.

Prag im Einsatz in Prag: Das Making Of von Sophie Marceau:

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