Hingehört: Radio Havanna – „Alerta“


Anti Anti - das ist die Botschaft von "Alerta".

Anti Anti – das ist die Botschaft von „Alerta“.

Künstler Radio Havanna
Album Alerta
Label Uncle M
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung *1/2

Oha. Das gibt es also auch noch. Punkbands. So richtig. Politisch. Links. Mit mächtig Wut auf das System und mit dem Aufruf zur Revolte im Gepäck. „Es kommt der Tag / wir werden das zerschlagen / was wir heute noch ertragen / dann tanzen wir / auf den Trümmern eurer Ordnung“, singen Radio Havanna im ersten Song ihres vierten Albums, Flüstern, Rufen, Schreien.

Dieser Auftakt (mit der zentralen Frage „Wieso ist es euch egal?“ und am Ende einem Part von Anti-Flag-Sänger Justin Sane) ist programmatisch: Das 2002 gegründete Quartett, das aus Suhl stammt und mittlerweile in Berlin lebt, hat die Schnauze voll. Radio Havanna singen gegen eine ganze Menge an. Und man kann sie verstehen: Es gibt genug Scheiße da draußen. Genug Probleme, auf die man aufmerksam machen und genug Leute, die man wachrütteln möchte.

Radio Havanna, die unter anderem schon als Vorband für Good Charlotte oder Sum41 auf der Bühne standen, verfolgen diesen Ansatz mit einem sehr kompetenten Punkrock irgendwo zwischen The Offspring und Bad Religion. Der Mitgrölfaktor stimmt, der Pogo-Faktor stimmt, es gibt genug „Ohoho“-Chöre und die nötige Abwechslung. Unbestreitbar ist hier viel guter Wille am Werk, und Alerta hat durchaus eingängige und mitreißende Momente. Das Problem sind die Texte.

Denn in keinem Moment wissen Radio Havanna, wohin mit ihrer Wut. Es gibt hier klar gezogene Fronten nach dem Wir-gegen-sie-Prinzip, es gibt lustig sperrige Wörter wie aus Flugblättern, die Pubertierende verfasst haben („Gewaltregime“, „Hetzschlagzeilen“, „Scheinrealität“), und es gibt eine erschreckende Abwesenheit von Nuancen, Humor und Intelligenz.

Das Themenspektrum reicht von Alkoholmissbrauch (Rettungsboot) über die Manipulation durch Politik und Medien (Wir stehen im Regen) und die unfassbare Passivität von Otto Normalo (Goldfischglas) bis zu enttäuschter Liebe oder einer verblichenen Freundschaft (Kein Anschluss unter dieser Nummer). Manches klingt, als würden Die Schröders ein Hohelied auf die richtige Work-Life-Balance singen (Die Zeit rennt), anderes wie Die Toten Hosen bei der Eröffnungsfeier zum Weltuntergang (Die letzte Nacht).

Die Reime sind mies, und wenn Radio Havanna poetisch werden wollen, geht das durchweg mächtig in die Hose. „Komm mit in die Ewigkeit / da sind wir unvergänglich“, heißt es beispielsweise in Unvergänglich, als könne man in der Ewigkeit in irgendeiner Form vergänglich sein. „Wie viel Scheiße muss noch kommen / damit ein Funke diese Flamme hier entfacht?“, fragt Sänger Christian „Fichte“ Fichtner in Superlativ von Scheiße, offensichtlich ignorierend, dass man eine Flamme nicht entfachen kann, weil sie bereits brennt.

Noch schlimmer ist aber, dass hier zwar ganz viel Aggressivität und Entschlossenheit da ist, aber kein Ausweg. Radio Havanna sagen klar und deutlich, was sie alles ankotzt, manchmal sagen sie sogar, woran das liegt, und immer ist das Ziel, mit dem Übel aufzuräumen („Lasst uns den Wahnsinn zerstören“ ist eine typische Textzeile). Aber in keinem Moment sagen sie, was sie stattdessen wollen, wie eine Alternative aussehen müsste oder gar wie man konstruktiv eine bessere Welt errichten könnte.

„Du kannst mir alles nehmen / zerstören kannst du mich nicht / in meinem Innern bleib ich ich“, wird im Knüppelpunk von Gewaltregime die eigene Unbeugsamkeit beteuert. Schön und gut. Und jetzt? Was folgt daraus? Wie geht es weiter? Darauf gibt es keine Antwort. Typisch ist auch Monster, in dem die eigenen, inneren Dämonen besungen werden. Auch hier gibt es keine Auseinandersetzung oder gar eine Suche nach der Lösung des Problems. Stattdessen heißt die Reaktion: wegrennen. „Auf der Flucht vor mir“, endet der Refrain.

Alerta ist somit ein sehr treffender Albumtitel: Hier wird erst mal Krawall geschlagen, doch danach sind Radio Havanna mit ihrem Latein am Ende. Die Band klingt immer wieder wie ein trotziger Teenager, der beleidigt gegen alles ist, der die Schuld immer bei den anderen sucht – und keine Ahnung hat, wie er irgendetwas gegen diese Situation tun oder gar etwas an seinem Leben ändern kann. Diese Botschaft ist dummerweise genauso hohl und oberflächlich wie die Welt, gegen die Radio Havanna eigentlich ansingen wollen.

Grimmige Blicke und Agitation: Das Video zu Flüstern, Rufen, Schreien:

Homepage von Radio Havanna.

 

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