Hingehört: „Rave On Buddy Holly“ 4


Als Tribut-Album ist "Rave On Buddy Holly" ebenso erhellend wie unterhaltsam.

Als Tribut-Album ist „Rave On Buddy Holly“ ebenso erhellend wie unterhaltsam.

Künstler Diverse
Album Rave On Buddy Holly
Label Fantasy Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Man tritt Buddy Holly sicher nicht zu nahe, wenn man ihm die goldene Ehrenplakette ans Revers heftet, auf der ganz groß diese drei Worte stehen: Der erste Nerd. Nicht nur wegen der legendären Brille mit Kassengestell und scheinbar daumendicken Gläsern. Sondern auch, weil Buddy Holly drei der elementarsten Nerd-Eigenschaften auf sich vereinte: Er war ein tragischer Romantiker, das Wissen um seine Außenseiterrolle staute in ihm eine gefährliche Energie auf, und als er eine Möglichkeit gefunden hatte, diese Energie in eine Richtung zu lenken, da folgte er dieser Richtung wie ein Besessener.

Die ersten Zeilen seines bekanntesten Hits sind prototypisch dafür: „If you knew / Peggy Sue / then you’d know why I feel blue / without Peggy / my Peggy Sue”. Da spricht, in denkbar einfachen Worten, einer, der von der Liebe enttäuscht wurde, womöglich sogar gleich von der ersten Liebe. Da trauert jemand, der frustriert ist – auch deshalb, weil er weiß, dass er nicht so einfach ein neues Mädchen finden wird. Buddy Holly, 1959 als 22-Jähriger bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, ist der ewige Teenager.

Womöglich fußen genau darauf sein Mythos und sein Einfluss auf die Rockmusik. Beides steht eigentlich in keinem Verhältnis zu Buddy Hollys Erfolg zu Lebzeiten. Drei Alben hat er in seiner gerade einmal 18 Monate währenden Karriere veröffentlicht, einen einzigen Nummer-1-Hit gehabt. Aber die Rolling Stones und die Beatles haben seine Songs gecovert, Die Ärzte und Weezer haben Lieder nach ihm benannt, 2004 wählte ihn der Rolling Stone auf Platz 13 unter den „100 Greatest Artists Of All Time“.

In diesem Jahr wäre Buddy Holly 75 Jahre alt geworden, und das ist Anlass genug für eine weitere Huldigung, die am 1. Juli erscheinen wird: Auf Rave On Buddy Holly spielen 19 Künstler die Lieder des Manns aus Lubbock, Texas nach, von Lou Reed bis Paul McCartney, von Strokes-Sänger Julian Casablancas bis Gnarls-Barkley-Sänger Cee Le Green.

Die Coverversionen geben nicht nur einen guten Überblick über Buddy Hollys Schaffen und die Größe der Schar seiner Bewunderer. Rave On Buddy Holly erklärt tatsächlich auch, was so einzigartig an dieser Musik war, dass John Lennon (ebenso wie Elton John) wegen Buddy Holly nicht nur beschloss, ebenfalls auf der Bühne eine Brille zu tragen, sondern auch feststellte: „Buddy Holly war der Erste, den wir in England kannten, der gleichzeitig singen und spielen konnte – nicht nur klimpern, sondern richtig die Licks spielen.“ Wieso Bob Dylan ihn als „ein Poet – seiner Zeit weit voraus“ bezeichnet, weshalb Bruce Springsteen noch heute seine Platten spielt, bevor er auf die Bühne geht. Und was den Kritiker Bruce Eder dazu brachte, Buddy Holly als „the single most influential creative force in early rock and roll” zu bezeichnen (und dabei Chuck Berry zu vergessen).

Julian Casablancas bringt diese Faszination im Titelsong am besten zum Ausdruck: Auch in seiner Version hat das Stück eine wabernde Energie. Rave On will unbedingt gefallen, und doch steckt eine gewisse Düsternis in diesen nicht einmal zwei Minuten. Auch Modest Mouse, die sich den Chart-Topper That’ll Be The Day vornehmen, gelingt es, dieses leicht schizophrene Element zu bewahren, ihre Version wirkt verloren und doch druckvoll.

Fast alle Künstler, die hier den Hut vor Buddy Holly ziehen, nehmen sich erfreuliche Freiheiten – das funktioniert bestens dank solch robuster Vorlagen und macht Rave On Buddy Holly zu einem wirklich kurzweiligen Tribut-Album. Die Black Keys nähern sich Dearest sehr puristisch und durchaus sexy, Fiona Apple singt Every Day zugleich niedlich und abgeklärt. Geheimnisvoll wird Not Fade Away in den Händen von Florence & The Machine, schmissig Oh Boy von She & Him.

Justin Townes Earle interpretiert Maybe Baby zugleich lässig und leidenschaftlich, Nick Lowe entscheidet sich für ein klassisches Rockabilly-Gewand für Changing All Those Changes, Patti Smith verleiht Words Of Love einen mysteriösen, morbiden Touch. Sogar als Soul-Kracher verkleidet Kid Rock dann Well…All Right, beim Garagenrock der Detroit Cobras (Heartbeat) meint man, Elastica seien nach einer langen Auszeit beim Optiker wieder auferstanden.

Auch ganz abseits der Heldenverehrung bietet Rave On Buddy Holly ein paar echte Höhepunkte. Paul McCartney lässt It’s So Easy in seiner unfassbaren Version gefährlich, sogar dreckig klingen, mit verzerrtem Gesang und ein bisschen Zwischendurch-Gebrabbel in bester James-Brown-Manier. Karen Elson (unterstützt von ihrem Gatten Jack White) verpasst Crying, Waiting, Hoping tolle Harmonies und bringt zudem in Erinnerung, dass diese Akkordfolge auch fast 20 Jahre später (bei Denis von Blondie) noch jede Menge Hitpotenzial hatte. Lou Reed lässt durch Peggy Sue eine windschiefe Orgel geistern. John Doe schließlich singt Peggy Sue Got Married so gut abgehangen wie das sonst nur Keith Richards bei den Rolling Stones hinbekommt.

Dieser Keith Richards führte als Teenager übrigens ein Buch, in dem er alle von ihm gekauften Schallplatten verzeichnete. Der erste Eintrag bei den Singles: Peggy Sue Got Married. Der erste Eintrag bei den Alben: The Buddy Holly Story.

Vor solchen Leuten wurde damals die Jugend gewarnt: Buddy Holly spielt Peggy Sue bei einem Fernsehauftritt 1957:

Buddy Holly bei MySpace.


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