Hingehört: Reinhard Mey – „Gib mir Musik“


"Gib mir Musik" - das fordert Reinhard Mey vor allem für sich selbst.

„Gib mir Musik“ – das fordert Reinhard Mey vor allem für sich selbst.

Künstler Reinhard Mey
Album Gib mir Musik
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

62 Konzerte in 62 Tagen spielte Reinhard Mey im vergangenen Jahr. Immer nur mit seiner Gitarre, immer im Stehen, immer ausverkauft. Das ist ein strammes Programm für einen 69-Jährigen. Aber hört man sich Gib mir Musik an, die zwei CDs umfassende Dokumentation dieser Konzertreise, dann wird sofort klar: Von Stress kann hier keine Rede sein. Reinhard Mey genießt das, was er tut. Mehr noch: Er kann gar nicht anders. „Gib mir Musik“ – das ist keine Forderung, die sein Publikum an ihn stellt. Es ist ein Bedürfnis, das er selbst immer wieder herausschreit.

Im Booklet von Gib mir Musik erzählt er, dass sein Vater und sein Großvater schon gerne Musiker werden wollten, aber nie die Gelegenheit dazu bekamen. Er kann diesen Traum nun leben, und er ist auch noch 45 Karrierejahren noch glaubhaft dankbar dafür. So etwas kann nur ein Überzeugungstäter hinbekommen, und diese These unterstützt Reinhard Mey in einer seiner Ansagen. Einst habe er einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel Musik ist ein Lebensmittel, erinnert er sich da. Inzwischen sagt er: „Musik ist ein Überlebensmittel“, später nennt er dieses Metier „meinen Stoff, meinen Treibstoff“.

Überhaupt, diese Ansagen: Sie nehmen einen großen Raum ein auf Gib mir Musik und werden schon auf den ersten Blick zu einem wichtigen Bestandteil dieses Livealbums. Auf den zweiten Blick merkt man, dass sie mit den Liedern verschmelzen. Manchmal wirken sie ein bisschen einstudiert, aber immer bauen sie fast traumwandlerisch eine Brücke zum Publikum, die bloß aus Charme besteht und trotzdem unzerstörbar erscheint. „Ihr Lieben“, nennt Reinhard Mey seine Zuhörer ganz am Anfang und ganz am Ende, dazwischen auch „verwandte Seelen“ und „meine jungen Freunde“.

Das ist kein bisschen kitschig, denn in der Tat kann man auf Gib mir Musik eine in dieser Form in Deutschland wohl einmalige Symbiose erleben: Künstler und Fans sind sich einig, dass sie schon damals auf der richtigen Seite standen. Sie sind stolz darauf, dass sie es heute noch immer tun – und dass sie sich die ganze Zeit gegenseitig in ihrem Sichtreubleiben unterstützt haben. Das gibt es wohl auch beim politischen Kabarett, aber hier kommt die emotionale Bindung hinzu, die nur ein Liebeslied aufbauen will, das einmal in schlechten Zeiten Trost gespendet hat.

Natürlich bekommt das schnell eine gehörige Schlagseite in Richtung Nostalgie. Reinhard Mey erzählt gerne von früher. Aber das macht ihn keineswegs zu einem Ewiggestrigen. Vor allem nicht, weil die insgesamt 26 Lieder auf Gib mir Musik beweisen, dass das bei ihm schon immer so war – auch schon in den Zeiten, die er heute als seinen „Sturm und Drang“ bezeichnet. Wenn er in Rotten Radish Skiffle Guys von seinen Anfangszeiten singt, ganz viel Dramatik in Das war ein guter Tag packt oder das stürmisch bejubelte Herbstgewitter über Dächern erklingen lässt, dann merkt man: Der Blick zurück, die Sehnsucht nach Unschuld, nach Vergangenheit und Ursprünglichkeit, all das zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere.

Erträglich wird so viel Hang zum Rückblick auch, weil der Berliner dabei einen strengen Blick in den Spiegel nicht auslässt, und dabei höchst bescheiden und sympathisch ist. Beispielsweise in Danke, liebe gute Fee macht er sich ausschließlich über sich selbst lustig, im hübschen Ich bin reicht seine Selbstironie hin bis zur Zeile „ich bin völlig entbehrlich“.

Dazu kommen ein unerreichter Blick für die Poesie des Alltags (Selig sind die Verrückten, Gute Seele), eine immer wieder rührende Romantik (Wir sind eins, Ich wünschte, es wär noch mal viertel vor sieben und ich wünschte, ich käme nach Haus, Drachenblut) und ein ausgeprägter Sinn für Humor. Männer im Baumarkt oder die Musikpolizei könnte man sich gut auch von Funny van Dannen vorstellen.

Die Musik dazu ist trotz der spärlichen Instrumentierung (als für die letzten beiden Lieder das Akkordeon von Manfred Leuchter mit einstimmt, wünscht man es sich fast wieder weg, weil es von der Essenz dieser Songs abzulenken droht) stets beeindruckend. Und nicht zuletzt ist da ja auch noch die gute alte Politik. In Was keiner wagt (Text: Lothar Zenetti, Musik: Konstantin Wecker) legt Mey den Finger in die Wunde der Zeit, mit der epischen Eisenbahnballade erzählt er 150 Jahre deutsche Geschichte in 11 Minuten. Und er hat auch Sei wachsam im Gepäck. Das Lied aus dem Jahr 1996 bekam durch Castor-Transport und Stuttgart 21 wieder neue Relevanz und wurde bei den Protesten gerne gesungen, erzählt Reinhard Mey mit hörbarem Stolz.

„Bravo“, ruft jemand, als dieses Protestlied zu Ende ist. Dieser Moment ist vielleicht die beste Erklärung für das, was Reinhard Mey heute ausmacht: Er ist der Michael Schanze der 68er-Generation. Er singt einschmeichelnde, scheinbar unschuldige Lieder wie beim Kinderquatsch mit Michael. Und die Wutbürger sitzen auf seinem Schoß – und fühlen sich geborgen.

Reinhard Mey spielt Sei wachsam:

Reinhard Mey bei MySpace.

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