Hingehört: Robbie Williams – „Sing When You’re Winning“ 2


"Sing When You're Winning" zeigt Robbie Williams auf der Höhe seine Könnens.

„Sing When You’re Winning“ zeigt Robbie Williams auf der Höhe seine Könnens.

Künstler Robbie Williams
Album Sing When You’re Winning
Label Emi
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung ****1/2

Was macht ein großartiges Rock-Album aus? Das ist gar nicht einfach. Es braucht den perfekten Zeitpunkt, eine fein ziselierte Spannungskurve, den richtigen Look, eine weit über den Moment hinaus reichende Bedeutung.

Was macht ein großartiges Pop-Album aus? Da ist die Antwort viel unkomplizierter: Hits. So viele wie möglich. Sing When You’re Winning, das dritte Soloalbum von Robbie Williams, hat reichlich davon. Es ist nahe dran an der perfekten Pop-Platte, es galt schon bei Erscheinen im August 2000 als Meisterwerk. Und es ist auch heute noch das beste Album überhaupt von Robbie Williams. Alex Bilmes vom Esquire nennt es in seinen Liner Notes zu dieser Neu-Auflage sehr treffend “Robbies’ strongest, most consistent and cohesive set so far (…), a distillation of all that makes him great and a powerful statement of positivity”.

Das ist durchaus erstaunlich. Denn Sing When You’re Winning verzichtet weitgehend auf eine der wichtigsten Zutaten in der Karriere von Robbie Williams: Von Anfang an hatte er in seinen Texten seinen Ruhm lächerlich gemacht, mit sein Image gespielt, sein Dasein als Popstar thematisiert. Im Sommer 2000 hätte Robbie Williams erst recht allen Grund dazu. Im Jahr zuvor hatte er vor 80.000 Menschen im Slane Castle gespielt. Seine letzten sechs Singles hatten alle mindestens Platz 4 in den UK-Charts erreicht, zwei davon waren Nummer-1-Hits. Er stand mit Superstar Tom Jones auf der Bühne und ging, zumindest in den feuchten Träumen der Boulevardpresse, mit einem Spice Girl ins Bett. „Outside America – a country and a market destined never to quite appreciate his quirky English combination of hilarious and heartfelt, sentimental and sardonic, silly and sublime – Robbie was now perhaps the biggest pop star in the world“, schlussfolgert Alex Bilmes ganz richtig.

Doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger I’ve Been Expecting You und dem Nachfolger Escapology klingt Sing When You’re Winning nicht wie eine Platte, auf der ein Megastar darüber singt, was es bedeutet, ein Megastar zu sein. Das Album hat ein anderes Thema: Robbie singt über das Wesen der Liebe. Zumindest an der Oberfläche.

Der erste Titel ist Programm: Let Love Be Your Energy. Robbie zwingt sich fast zu Optimismus und Dankbarkeit, es gibt einen Chor, Trompeten und Flöten – das ist dann durchaus so sehr over the top, dass ein kleiner Zweifel gesät wird, ob der Sänger hier wirklich das meint, was er singt. Auch die vergleichsweise heftigen Beats (an den Drums sitzt bei Sing When You’re Winning übrigens Chris Sharrock, der mittlerweile bei Beady Eye trommelt) deuten darauf hin, dass da irgendwo unter dem Zuckerguss auch Aggressivität und Frust lauern.

Es gibt noch andere Momente, in denen dieses Spannungsverhältnis zutage tritt. Supreme mit seinem I Will Survive-Sample ist ein perfekter Song, und im Text vereint Robbie Williams seine privaten und öffentlichen Konflikte. Der Refrain gerät sagenhaft einnehmend, doch mit den bitterbösen Wortspielen in der Strophe verwandelt sich Robbie vom Sympath in einen fiesen Kotzbrocken.

Im unwiderstehlichen Singing For The Lonely schmiedet Robbie dann gar einen Bund mit dem Publikum: “Singing fort he lonely / you’re not the only one who feels this / I’m so scared of what I’m doing / all the time”, gesteht er – und macht damit klar: Ich stehe zwar auf der Bühne, aber mir geht es genauso wie all jenen, die sich von meinen Liedern über ihren Liebeskummer hinwegtrösten lassen.

Better Man ist superb und verlegt die Sinnsuche, die bei Robbie Williams so oft das Thema ist, komplett weg von den Themenfeldern Image und Karriere und hinein in den privaten, zwischenmenschlichen Bereich. Auch in Rock DJ beweist Robbies Songwriting-Partner Guy Chambers diese fast kindliche Freude am Prinzip Pop. Der Song klingt plump, ist aber raffiniert. Mit derselben Methode (wenn auch mit ganz anderen Mitteln) arbeitet der Rausschmeißer Road To Mandalay, ebenfalls ein Volltreffer.

Kids, das Duett mit Kylie Minogue, wird ein Killer. Beide spielen mit ihrem Image: Einst waren sie Wegwerfkünstler, jetzt werden sie ernst genommen, die Musik dazu ist ebenso funky wie sexy. Das dann folgende If It’s Hurting You ist der bis dahin verletzlichste, intimste Moment des Albums, absolut himmlisch. Love Calling Earth gerät ähnlich süß und wäre eigentlich schwer zu ertragen, wenn es nicht so gut gesungen wäre.

Das ist ein kaum zu fassendes Qualitäts-Niveau (erst recht, wenn man bedenkt, dass Robbie Williams in dieser Phase auch noch die nicht auf dem Album enthaltene Hammer-Single Eternity herausbrachte) und beweist zudem eine Vielseitigkeit, die man vor dem Hintergrund von Robbies Boygroup-Vergangenheit noch immer bewundern muss. Trotzdem ist Sing When You’re Winning kein makelloses Album. Denn im letzten Drittel schleichen sich einige Schwächen ein.

By All Means Necessary fehlt etwas Zwingendes. Knutsford City Limits ist musikalisch lahm und auch textlich kaum überzeugend. „Ich bin doch auf dem Teppich geblieben. Ich bin immer noch der gute, alte Rob“, soll die Botschaft lauten – aber das ist unglaubwürdig. Forever Texas hat ein furioses Ende, aber ein ähnliches Problem: Robbie Williams versucht sich an Machismo à la Mick Jagger oder Steven Tyler, aber den kauft man ihm nicht recht ab. Wenn er als Clown mit einem Augenzwinkern flirtet wie in Kids, funktioniert das deutlich besser – er ist eben eher Hugh Grant als Russell Crowe.

Trotzdem zeigt Sing When You’re Winning einen famosen Popkünstler auf der Höhe seines Könnens. Das illustrieren auch die Clips von Robbies TV-Auftritten, die auf der Bonus-DVD der Neuauflage von Sing When You’re Winning zu sehen sind. Da legt der damals 26-Jährige ein fast bösartiges, verspieltes Selbstvertrauen an den Tag. Der Blick von Robbie Williams sagt ganz oft: „Ätschbätsch, ich habe es geschafft.“ Gleichzeitig flirtet er unsagbar ironisch mit der Kamera, die dabei natürlich die Öffentlichkeit und sein eigenes Image verkörpert. Auch da ist jedoch nicht alles eitel Sonnenschein in der Karriere von Robbie Williams: „Ich habe so riesigen Erfolg. Aber oft denke ich, dass ich ihn nicht verdient habe“, gesteht er in einem Interview. Diese Unzufriedenheit sollte das Mantra für seine weitere Karriere werden und ihn nach der Trennung von Guy Chambers, über den es hier in der Widmung im Booklet noch heißt, er sei „as much Robbie as I am”, letztlich auch musikalisch verunsichern. Ein so starkes Album wie Sing When You’re Winning hat Robbie Williams jedenfalls nie mehr hinbekommen.

Skandal gefällig? Robbie Williams zieht sich im Video zu Rock DJ erst die Klamotten, dann die Haut, dann das Fleisch aus:

Robbie Williams bei MySpace.

Eine Zusammenfassung der Kritiken zu den Re-Issues von Robbie Williams mit einer Fotostrecke zu seiner Karriere gibt es auch auf news.de.


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