Hingehört: Robbie Williams – „Take The Crown“


Neuer Ehrgeiz, neue Partner: Das soll Robbie den Weg auf den Pop-Thron ebnen.

Neuer Ehrgeiz, neue Partner: Das soll Robbie den Weg auf den Pop-Thron ebnen.

Künstler Robbie Williams
Album Take The Crown
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

In all den Verschwörungstheorien rund um den Tod von Michael Jackson tauchte der Name „Robbie Williams“ nirgends auf. Das ist spätestens jetzt erstaunlich. Denn der mittlerweile 38-Jährige ist so heiß darauf, den vakanten Thron des King Of Pop zu besetzen, dass er dafür vielleicht sogar über Leichen gehen würde. Take The Crown heißt sein neues Album. „Und ich hoffe, dass ein paar Leute richtig angepisst sind, wenn sie den Titel hören“, schickt Robbie frech hinterher.

Die Voraussetzungen für den geplanten Siegeszug stimmen. Robbie Williams kann nach wie vor zehren vom Status als „letzter männlicher Superstar“, wie ihn Spiegel Online mit Blick auf die aktuelle Alleinherrschaft der „Gagas und Rihannas und all der wahnsinnig schönen und tollen Singer/Songwriterinnen, Elektro-Musen und Band-Frontfrauen“ gerade genannt hat.

Der 17-fache Brit-Award-Gewinner ist fit wie nie, schließlich pflegt Robbie Williams neuerdings den gesunden Lebenswandel eines Nichtrauchers, Alkoholabstinenten, Sportfreaks, Ehemanns und frischgebackenen Papas. Der Druck durch den Mega-Vertrag mit der alten Plattenfirma Emi, für die er 70 Millionen Tonträger verkauft hat, ist nach dem Wechsel zu Universal weg.

Und dann ist da ja noch der kreative Rückenwind durch die immens erfolgreiche Rückkehr zu Take That. Die Tour mit den alten Bandkollegen „war in jeder Hinsicht ein massiver Erfolg: bei den Kritikern, finanziell und kommerziell, der Spirit stimmte, alles war der Hammer“, schwärmt Robbie Williams. „Es war genau das, was ich gebraucht hatte für einen Neustart und um den Spaß an der Sache wiederzuentdecken. Nachdem ich die ganze Reunion-Phase mit Take That erlebt hatte, wollte ich mich auch als Solokünstler unbedingt mit einem massiven Album zurückmelden.“

Bei diesem Ziel setzt Robbie Williams vor allem auf die Unterstützung von zwei jungen Australiern, die er über seinen Schwager kennen lernte. Gemeinsam mit Tim Metcalfe und Flynn Francis („Die beiden haben wirklich eine Überdosis Pop im Blut. Ein echter Glücksgriff war das!“) erlebte Robbie Williams so etwas wie einen kreativen Rausch. „Ich glaube, wir hatten nach nur 10 Tagen 14 Songs im Kasten. Der Wahnsinn war das. Das war mir davor erst ein einziges Mal passiert, und zwar beim ersten Album mit Guy Chambers.“

Weitere Mitstreiter sind unter anderem Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age), Blake Mills (Band Of Horses) und Owen Pallett, der unter anderem schon für Arcade Fire oder die Pet Shop Boys Streicherarrangements beigesteuert hat. Und natürlich Produzent Jacknife Lee (U2, REM, Snow Patrol), in dessen Studio in Los Angeles Take The Crown aufgenommen wurde.

„Die ganze Ästhetik war schon da, und die Absicht, wie das alles klingen sollte, war schon deutlich zu erkennen; das erleichtert mir die Arbeit natürlich, schließlich muss ich das Ganze dann nur noch fertigschleifen und ans Licht holen“, erklärt der Produzent seine Aufgabe. „Die Songs waren ganz klar mit dem Ziel gestrickt, groß und massiv zu klingen. Das alles hatte wahnsinnig viel Energie.“

Auch Robbie betont die Power, mit der er den Weg zurück in den Pop-Olymp angehen will. „Das Album trägt den Titel Take The Crown, weil ich kämpfen will“, betont Robbie Williams. „Ich will es mit jedem aufnehmen, der sich mir in den Weg stellt und mir den Platz auf dem Thron der Popwelt streitig machen will. Mit diesem Album will ich die Krone zurückerobern, die ich einst hatte – oder vielleicht habe ich sie auch immer noch. Und ich will den Leuten damit zeigen, dass ich diesen Job liebe und dafür auch bereit bin zu kämpfen.“ Nach den eher wirren Vorgängern Rudebox und Video Killed The Radio Star hat er etwas gutzumachen, meint Robbie – und viele Fans sehen das ähnlich. Also: Auf in die Schlacht!

Be A Boy: Eine Kampfansage steht auch am Beginn von Take The Crown: “They say it was leaving me / the magic was leaving me / I don’t think so”, singt Robbie Williams in diesem Lied irgendwo zwischen Ibiza (die Grundstimmung und der Schluss), Coldplay (das “hohohoho” im Refrain), The Naked & Famous (die aufpolierte Achtziger-Atmosphäre) und einem irritierenden Saxofonsolo. Im Interview mit der Zeit hat er erklärt, wen er damit meint. „’Die’, das sind Journalisten und all jene, die mal meine YouTube-Clips kommentiert haben. Also alle, die mich gern immer wieder abschreiben und darauf lauern, dass ich einen Fehler mache.“ Das Lied ist ein Mutmacher, in jeder Hinsicht.

Gospel: Auch der zweite Song dient der Selbstvergewisserung. Robbie Williams erinnert sich daran, wie er sich als Teenager sein eigenes Erwachsenenleben vorgestellt hat und stellt fest, dass es ihm ziemlich gut geht. „Ich richte mich dabei an mein Publikum, das mir nun schon über 20 Jahre treu geblieben ist, und ich sage: ‘Ich will das hier immer noch! Ich will immer noch dieses wunderschöne Bild erfüllen, das mir mit 14, 15 oder 16 vorgeschwebt hat, von dem ich wollte, dass es wahr wird. Ich muss es sein, und ich will es immer noch sein, und ich will immer noch, dass ihr mit mir diesen Weg geht.’“ Die Strophe hat eine ungewöhnliche Melodieführung und gewagte Taktwechsel, der Refrain ist dafür umso plakativer. Gute Lieder wie dieses haben die Süddeutsche Zeitung wohl zum treffenden Urteil gebracht: „Niemand wird mit diesem achten Album [es ist das neunte] Robbie Williams für sich entdecken. Für alle, die ansatzweise Fans waren, ist es aber das lang ersehnte Galadinner.“

Candy: „Ein richtiger Sommer-Track ist das“, jubiliert Robbie Williams über seine aktuelle Single, die von einem ebenso selbstverliebten wie rücksichtslosen Mädchen handelt, und die er gemeinsam mit Take-That-Kollege Gary Barlow komponiert hat. Ausgelassen, ungestüm und unwiderstehlich kommt das beste Lied dieses Albums daher – für so einen Song würde Justin Bieber wohl eine Menge Vaterschaftsklagen in Kauf nehmen. Die Entstehungsgeschichte war laut Robbie Williams übrigens ebenso einfach wie mysteriös: „Es gibt Songs, an denen man eine halbe Ewigkeit sitzt, und andere, die fliegen einem förmlich von den Lippen: vollkommen fertig und ohne dass man auch nur einen zweiten Gedanken daran verschwenden müsste. Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum gerade dieser Song von meinen Lippen geflogen beziehungsweise von meinen Hirnwindungen hervorgebracht wurde – aber so war’s nun mal.“

Different: Die erste Ballade auf Take The Crown handelt vom Versprechen, ein besserer Mensch geworden zu sein – einer, der seine Fehler erkannt hat und nun eine echte Beziehung führen kann. „This time I’m different, I promise you“, beteuert Robbie Williams; die Liebe und die Liebste sollen dabei seine Retterinnen sein. Das ist textlich ganz reizvoll, zumal sich Robbie Williams beispielsweise schon mit Better Man sehr gekonnt in dieser Pose gezeigt hat. Musikalisch ist das Lied, an dem ebenfalls Gary Barlow mitgeschrieben hat, etwas plump, aber halbwegs wirkungsvoll.

Shit On The Radio: Nach dem verheißungsvollen Beginn, in dem Robbie den Rocker gibt, verliert sich Shit On The Radio („Ich meine das positiv! Im Sinne von: Ich bin der heiße Scheiß, der im Radio läuft“, beteuert Robbie) leider in seiner eigenen Soundverliebtheit und wird letztlich langweilig. Der Refrain ist so albern übersteigert wie die Lieder von The Darkness oder We Built This City von Starship. Lieder wie dieses führten die Kritiker von Spiegel Online wohl zur „erschreckenden Erkenntnis: Der Mann hat einfach keinen guten Musikgeschmack!“

All That I Want: Auch dieses Lied überzeugt nicht. All That I Want ist Elektropop, der den düsteren Bass von New Order mit der Theatralik von David Bowie vereint und wohl sexy klingen will. „Das ist Fifty Shades Of Grey, Reader’s Digest, Lady Chatterley – das alles kombiniert“, umschreibt Robbie Williams die Thematik. Aber das Ergebnis klingt eher nach Viagra als nach Erotik.

Hunting For You: Mit diesem Song ist der Durchhänger beendet. Das Lied hat eine spannende Gitarre, viel Leidenschaft, und einen faszinierenden Text: Robbie Williams blickt zurück, fast ein bisschen amüsiert von seinen eigenen Irrwegen. Jetzt ist er erwachsen und schlauer: Er hat ein Ziel – zwar noch nicht erreicht, aber immerhin schon einmal anvisiert. „Eine erste CD-Hälfte, die nach Kindskopf klingt und allzu junggeblieben daherkommt – und eine zweite, die in der Tat reifer scheint und auch überraschen kann“, hat Stern.de auf Take The Crown erkannt – Hunting For You ist dabei der Wendepunkt.

Into The Silence: Auch hier dominieren die Gitarre und die Romantik. Dazu hat Into The Silence einen guten Refrain und einen Hang zur ganz großen Geste, wie man das von den Killers oder U2 kennt. Kein Wunder: Take The Crown-Produzent Jacknife Lee hat schon wiederholt mit U2 zusammengearbeitet. „Ich würde sagen, wenn Rob einen Song so richtig gut trifft, wenn plötzlich alles stimmt, dann schwingt bei ihm immer auch diese gewisse Verletzlichkeit mit“, meint er. „Ich meine damit also ein Sowohl-als-auch: da ist die Verletzlichkeit, die unter der Prahlerei und den großen Gesten durchschimmert. Diese Mischung macht seinen Sound erst so unwiderstehlich.“

Hey Wow Yeah Yeah: Dieser Track ist eine der großen Überraschungen des Albums: Die Stimme ist verzerrt und versucht sich machmal an Sprechgesang, die Gitarre ist krachig, der Sound ist aggressiv und kaputt. Hey Wow Yeah Yeah (mitgeschrieben von Boots Ottestad, der Robbie 2003 schon den Hit Come Undone auf den Leib geschneidert hatte) legt den Verdacht nahe, dass die Mitte zwischen den Ting Tings und The Prodigy ein ziemlich spannender Ort sein könnte – oder dass Robbie sich irgendwann einmal in ein Konzert von Bonaparte geschlichen hat.

Not Like The Others: Als einen „Coldplay-Klon“ tut Spiegel Online dieses Lied kurzerhand ab, das spontan und kraftvoll wie einst Win Some Lose Some klingt. Der Song hat einen festen Willen zum Optimismus, viel Tempo und Frische. In der Textzeile „You and me are not like the others“ steckt ein bisschen die Wut des Außenseiters, vor allem aber die trotzige Kraft des Wissens darum, dass man immerhin schon mal zu zweit ist gegen den Rest der Welt. All das würde in der Tat auch zu Coldplay passen – bloß nicht die Tatsache, dass es hier angeblich um die einmalige Anziehungskraft einer Frau geht, die niemals Orgasmen vortäuscht.

Losers: „Ich hab mich sofort in dieses Stück verliebt und wusste da schon, dass ich unbedingt meine eigene Version davon aufnehmen musste“, sagt Robbie Williams über Losers, das im Original von der aus Los Angeles stammenden Geschwister-Band Belle Brigade stammt (deren Sängerin Barbara Gruska ist auf Take The Crown übrigens wiederholt im Background zu hören). Die Botschaft lautet, dass man sich nicht immer in den Kampf stürzen muss, sondern manchmal ruhig auch aufgeben darf und sich danach entspannen. Im toll gesungenen Duett mit der Folksängerin Lissie wird daraus nicht gleich Country, aber in jedem Fall der amerikanischste Moment dieser Platte.

Reverse: Das Lied enthält einen von mehreren Momenten, in denen Robbie Williams absichtlich mit heiserer Stimme singt und seinem Gesang damit nach mehr als 20 Jahren im Popgeschäft tatsächlich noch eine neue Spielart entlockt. Die Strophe ist sehr hübsch, aber der Refrain leider eher solide als herausragend. „Jeder Song versucht, ein energetischer, massiver Killer zu sein. Aber so richtig zünden will keiner, auch nach mehrmaligem Hören kann man sich beim besten Willen an kaum eine gute Hookline oder packende Melodie erinnern“, hat Welt Online über Take The Crown geschrieben – Lieder wie Reverse könnten da die Ursache gewesen sein.

Eight Letters: Schon auf Progress, dem letzten Album von Take That, war dieses Lied enthalten. In der Soloversion sind Beat und Keyboard weg, dafür treten die Stimme und das Klavier deutlich prominenter hervor. Eight Letters ist wunderhübsch, rührend und – wie schon auf Progress – ein wunderbarer Schlusspunkt.

Fazit: „Mein oberstes Anliegen ist es, das zu kreieren, was ich und hoffentlich auch der Rest der Welt als Hits bezeichnen würden“, umschreibt Robbie Williams seine Zielsetzung für Take The Crown. Das gelingt nicht. Mit viel Wohlwollen kann man vier Kracher auf diesem Album ausmachen. Auch der Stil ist durchwachsen: Manches, vor allem zu Beginn der Platte, ist sehr modern und will offensichtlich unbedingt voll und ganz 2012 sein, anderes klingt beinahe altmodisch. Musikalisch ist Take The Crown keine Enttäuschung, aber auch keine Offenbarung.

Wichtiger als die Musik ist die Botschaft: Robbie Williams will nicht mehr Avantgarde sein, Quertreiber oder Klassiker, sondern Pop. Die Phase, in der er irgendwo zwischen HipHop und Electro sein Selbst gesucht hat, ist endgültig vorbei. Stattdessen genießt der 38-Jährige wieder den Ruhm und will seinen Teil dazu beitragen, ihn am Leben zu erhalten. Ein paar der Lieder auf Take The Crown sind stark genug, um dieses Ziel zu erreichen. Und spätestens, wenn er mit dem Album auch auf Tour gehen sollte, wird der personifizierte Jojo-Effekt der Musikbranche wieder unanfechtbar sein. Denn zum Pop gehören schließlich nicht nur Hits und Stimme, sondern auch Charme, Inszenierung und das Spiel mit dem eigenen Image, das nach wie vor niemand so meisterhaft beherrscht wie Robbie Williams. Der König des Pop wird er vielleicht nie mehr. Aber er bleibt ein sehr unterhaltsamer Hofnarr.

Ein Hofnarr in schusssicherer Weste (oder so): Robbie singt Candy bei Wetten Dass:

Homepage von Robbie Williams.

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