Hingehört: Rover – „Rover“


Rover entpuppt sich auf seinem Debüt als Pop-Fantast.

Rover entpuppt sich auf seinem Debüt als Pop-Fantast.

Künstler Rover
Album Rover
Label Cinq7
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Auch in Zeiten von Google, Wikipedia und Facebook, in denen jede fein gesponnene Legende allenfalls eine Woche überlebt, bevor sie als Lügengeschichte enttarnt wird, beschäftigt die Musikindustrie noch ganze Heerscharen von jungen Menschen, die möglichst originelle Gründungsmythen, Referenzen und Biografien für gerade ins Rampenlicht drängende Bands erfinden sollen. Manche Geschichten sind allerdings so gut, dass sie niemals ausgedacht sein könnten. So wie die von Timothée Régnier.

Der junge Mann aus Frankreich kann nicht nur auf die Tatsache verweisen, dass er ein Weltenbummler ist und während seiner Zeit in New York zum Schulkameraden der Strokes wurde. Er hat (oder besser: wir haben) sein Debütalbum auch dem eher wenig ausgeprägten liberalen Sinn des Regimes im Libanon zu verdanken. Als er dort mit der Punkband The New Government aktiv war, wurde er vor zwei Jahren kurzerhand ausgewiesen, unter dem Vorwand von Visaproblemen.

So landete Régnier in der Bretagne, in einem Haus voller Musikinstrumente, und er hatte nichts Besseres zu tun, als Lieder zu schreiben. Genau die Lieder, die nun sein Debütalbum Rover ausmachen. Den Namen hat er gewählt, weil Rover so männlich klingt und seine Liebe zu britischen Autos unterstreicht („My parents drove nothing else when I was a kid“), aber auch, weil er das Leben als eine Serie von Reisen sieht.

Alle Songs schrieb, komponierte, spielte, sang und arrangierte er selbst. Das Album wurde ganz altmodisch mit analoger Technik produziert. Und es zeigt Timothée Régnier von der ersten Sekunde an als einen großen Pop-Fantasten.

Im Opener Aqualast wandelt er schon auf den Spuren von John Lennon, David Bowie und Wayne Coyne. Das verspielte Lou beweist, dass er auch Brian Wilson zu seinen wichtigsten Einflüssen zählt. Seine Vorliebe für Interpol klingt in Remember mehr als deutlich an, das zugleich rockig und klaustrophobisch wird, wie ein Joy-Division-Track beginnt, dann vom Gesang ein wenig in Richtung Placebo verschoben wird und schließlich in einem Oohoohoo-Finale mündet, das intensiv und nackt klingt wie die Lieder von Antony Hegarty.

Tonight hat eine Air-Atmosphäre und scheint kurzzeitig im Sinn zu haben, Cockney Rebels Sebastian wieder ins Leben zu rufen. Wedding Bells ist schwül wie Pulp und düster wie Lou Reed. Full Of Grace entwickelt viel Druck und Dröhnen, sodass man an REM in ihrem (selten gewordenen) Glamrock-Modus denken muss oder an eine spacige Ausgabe von Pearl Jam.

Rover kann auf eine verwaschene Orgel setzen wie in Late Night Love oder auf altmodische Synthesizer wie in Carry On, er kann beinahe straight sein wie in Queen Of The Fools, theatralisch wie Silver mit mächtig viel Hall auf dem Gesang oder fast frühlingshaft wie Champagne, das es auf der Deluxe Version dieses Albums auch noch einmal als Demoversion gibt, umrahmt von fünf weiteren Bonustracks.

Father I Can’t Explain ist einer davon und zugleich einer von vielen Momenten auf dieser Platte, die an Mott The Hoople erinnern. Lonely Man ist mit seinem schönen Refrain der vielleicht klassischste Popsong des Albums, Berenice kreiert mit Klavier und federnden Drums ein reizvolles Radiohead-Feeling.

Das Zweitbeste an Rover ist der Bass, der sehr prominent im Mix vertreten ist und praktisch immer genau das Richtige macht. Das Beste ist die Kombination aus Einfallsreichtum, Stilsicherheit, Melodrama und Gefühl, die aus Rover ein wunderbares Debüt macht. Der libanesischen Engstirnigkeit sei Dank.

Rover spielt Aqualast live und akustisch in Paris:

Rover bei Facebook.

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