Hingehört: Ryan Adams – „Love Is Hell, Part 1“ 4


„Love Is Hell, Part 1“ bietet Songs voller Kummer, Leben und Trost.

Künstler Ryan Adams
EP Love is hell, part one
Label Lost Highway
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung *****

Es ist kaum zu fassen. Derselbe Luke Lewis, der als Chef von Universal für Landplagen wie Shania Twain verantwortlich ist, war einst Initiator von Lost Highway. Und dieses Label erlaubt (nach zähem Ringen, wie man hört) seinem hyperproduktiven Aushängeschild Ryan Adams nun eine Veröffentlichungspolitik, die gemessen an den herkömmlichen Maßstäben des Geschäfts kommerziellem Selbstmord nahekommt. Kurz nach dem regulärem neuen Album Rock’N’Roll legt der Meister nämlich noch zwei EP’s mit dem schönen Titel Love Is Hell nach und lebt darauf seine andere Seite aus: die ruhigere, akustischere, rührendere. Mehr Blood On The Tracks als Highway 61.

Den Auftakt macht Political Scientists, von Beginn an verloren und verletzt, im Break eine kurze Eruption. Und dann, schon mit dem zweiten Song, hebt diese Platte völlig ab. „Look at this ocean / with everyone drowning / idiots screaming / and everyone sinking in slowly / we’re surrounded“, beginnt ein wie von Schmerz betäubter Adams in Afraid Not Scared. Das Schlagzeug ist bloß getupft, doch am Schluss sorgt eine Picking-Gitarre für reichlich Dramatik und Adams‘ Stimme bohrt sich dazu ins Herz.

Zum Heulen schön ist auch This House Is Not For Sale, ein eindringliches Dokument der Hilflosigkeit, das unter der Oberfläche um sich schlägt, beißt und kratzt, nach außen aber seinen Trost in der Erinnnerung sucht. Dann der Titelsong, fast beschwingt, mit einer famosen Bridge und einem göttlichen Refrain: Love Is Hell. Was soll man machen, als Ryan Adams Recht geben, aus dem ganzen vernarbten Herzen mitgrölen, sich den Slogan auf ein T-Shirt drucken?

Als wäre das alles noch nicht genug, liefert Adams danach: eine Coverversion von Wonderwall, vollkommen unglamourös und dezent neu interpretiert. Keine Vorfreude mehr, kein Lobpreis des Moments wie bei Oasis. Stattdessen ist ihm das Fabelwesen längst entglitten, bloß noch eine im Nebel verschwindende letzte Hoffnung. Dann The Shadowlands, nur drei Akkorde und eigentlich bloß ein einziger, lyrischer Seufzer. World War 24, das auch ohne den cleveren Beat (samt Enjambements) schon eine Hölle von einem Song wäre. Avalanche, das um den Verlust weiß, um das schwarze Loch und die schmerzenden Souvenirs.

In Caterwaul, dem ersten von zwei Bonus-Tracks, verliert Adams anschließend völlig die Fassung, pfeift in der unerhörten Bridge und dem lärmenden Outro auch auf das Songgefüge. Heiser quält er sich den Gesang heraus, im Refrain stimmt Leona Naess mit ein, es tut weh, so schön klingt es. Schließlich Halloween, fast so etwas wie ein Hoffnungsschimmer. Gitarre und Piano umspielen sich heiter, Strokes-Drummer Fab Moretti schlägt einen ausgelassenen Rhythmus. Dazu Bilder, die sich einbrennen – nicht bloß ins Gedächtnis, sondern direkt ins Herz. She is dancing but not singing / is it, maybe, that she doesn’t know the words?

Mein Gott, wieviel Schmerz und Seele, wieviel Leben und Trost steckt in diesen Songs! Unendlich mehr als noch auf Rock’N’Roll. Und ein Universum mehr als bei Shania.

Als Video gibt es natürlich die Coverversion von Wonderwall:

Ryan Adams bei MySpace.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

4 Gedanken zu “Hingehört: Ryan Adams – „Love Is Hell, Part 1“