Hingehört: Sam Sparro – „Return To Paradise“


Viel Potenzial. wenig Konzentration: das ist das Problem von "Return To Paradise".

Viel Potenzial. wenig Konzentration: das ist das Problem von „Return To Paradise“.

Künstler Sam Sparro
Album Return To Paradise
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Man kann Sam Sparro ohne Übertreibung einen Frühstarter nennen. Schon als 11-Jähriger hatte der Australier seine ersten Einsätze bei Plattenaufnahmen und Auftritte im Kinderfernsehen. Als er 1993 mit seinen Eltern nach Los Angeles gezogen war, sang er im Kirchenchor, der von den McCrary Sisters geleitet wurde – sie hatten schon mit Legenden wie Stevie Wonder oder Michael Jackson gearbeitet. Als er dann seine erste EP herausbrachte, begeisterte die sofort wichtige Radio-DJs wie Annie Mac und Pete Tong von der BBC. Und das Debütalbum Sam Sparro erreichte Goldstatus.

Von so etwas wie Anlaufschwierigkeiten scheint dieser Mann noch nie gehört zu haben. Doch genau die gibt es nun bei Return To Paradise, seinem zweiten Album. Zunächst einmal gilt das für die Entstehung: Es gibt nicht viele Newcomer, die sich nach einem Mega-Hit wie Black & Gold (Top20 in 14 Ländern, Platinauszeichnung, vom Guardian als „Electro-Soul-Meisterwerk“ und von der BBC als „unangefochtene Single des Jahres“ gefeiert) vier Jahre Zeit lassen bis zum nächsten Album. „Ich habe viel experimentiert und geschrieben. Ich habe mindestens zwei- oder dreimal die Richtung geändert. Anfangs tendierte ich in Richtung Rock, dann drehte ich mich in Richtung Pop. Dann sondierte ich genauer, was mich wirklich inspiriert und das Ergebnis ist ein Album, das von der Musik aus der Zeit 1978 bis 1984 beeinflusst ist“, erklärt Sam Sparro die Wartezeit auf Return To Paradise.

In der Tat klingt nun nichts sonderlich modern. Happiness mit seinem markanten Piano-Riff und seiner Disco-Unbeschwertheit könnte von Charles & Eddie oder gar Simply Red stammen, Let The Love In wirkt wie ein Hit aus dem dritten Karrierefrühling von Aretha Franklin. Closer ist deutlich von Blondie geprägt.

Allerdings hat die Platte auch in sich Anlaufschwierigkeiten. Die komplette erste Hälfte klingt unausgereift. Womöglich steckt das dahinter, wenn Sam Sparro nach seiner langen Suche nach dem richtigen Sound sagt: „Ich fühle mich jetzt wohler und habe das Material mehr so gelassen, wie es war, ohne lang daran herumzupolieren.“ Im Ergebnis ist alles nett, aber nichts ist herausragend.

Schon Paradise People, ein eher entspannter als zackiger Funk-Track im Stile von Nate James, hat eine für einen Opener erstaunliche Beiläufigkeit. Yellow Orange Rays klingt, als habe Lenny Kravitz genug vom Rock’N’Roll und sei in seine digitale Phase eingetreten. Hearts Like Us ist eines von vielen Liedern, die vor Floskeln wimmeln und auch musikalisch keinen Fokus finden. Ganz oft muss man bei Return To Paradise denken: So würde vielleicht Aloe Blacc klingen, wenn er nichts zu sagen hätte.

Allerdings steckt auch in diesen Songs immer schon ein unverkennbares Potenzial und nicht zu leugnendes Talent. Lange Zeit hat man bei Return To Paradise den Eindruck, dass diese Songs als Remix wunderbar funktionieren könnten. Und dann kommt I Wish I Never Met You, das erste wirklich gute Lied dieses Albums, und endlich passt alles zusammen: große Geste, Eighties-Ästhetik, massiges Klavier und tolle Melodie – so würde eine schwarze Version von Hurts klingen.

Auch Shades Of Grey ist stimmig, in dem Sam Sparro nicht nur der hohen Stimme von Prince nacheifert, sondern auch dessen Theatralik und Intensität. We Could Fly ist organisch, elegant, leichtfüßig und tanzbar, The Shallow End (mitgeschrieben von Lily-Allen-Songlieferant Greg Kurstin) setzt auf eine treibende Kuhglocke und gelingt ebenfalls, auch wenn es ein bisschen zu lang gerät.

Insgesamt ist Return To Paradise trotzdem eine Enttäuschung, erst recht, wenn man bedenkt, wie hoch die Erwartungen in ein Talent wie Sam Sparro nach dem Debütalbum waren. Mit dem Nachfolger will er offensichtlich zu sehr auf Nummer sicher gehen. Vieles klingt nach Lehrbuch und Baukasten, und insgesamt wirkt Return To Paradise wie jemand, der sich nach langem Zögern endlich wieder aus dem Haus und auf eine Ü30-Party wagt: extrem herausgeputzt, mit dem festen Willen, ja nichts falsch zu machen – und ein bisschen verzweifelt.

Sam Sparro spricht über die Entstehung von Return To Paradise:

Sam Sparro bei MySpace.

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