Hingehört: Suede – „The Best Of Suede“


"The Best Of Suede" zelebriert die Kunst der Selbstüberschätzung.

„The Best Of Suede“ zelebriert die Kunst der Selbstüberschätzung.

Künstler Suede
Album The Best Of Suede
Label Ministry Of Sound
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Mehr Vorschusslorbeeren kann man eigentlich nicht bekommen, als es sie einst für Suede gab. Heute ist es ja durchaus üblich, dass irgendjemand in Portland die Idee hat, eine Band zu gründen – und Sekunden später stehen drei Plattenfirmenmanager vor seiner Tür und wedeln mit Schecks. Oder ein halbwegs musikalischer Embyro nähert sich der Wesleyan University – und schon bricht die Blogosphäre in Extase aus.

Aber als Suede auf dem Cover des Melody Maker erschienen, bevor sie überhaupt ihre erste Single veröffentlicht hatten, war das eine veritable Sensation. Schließlich war das 1992 – lange vor MySpace, Spotify und Internet. Auch Q brachte noch im selben Jahr eine Titelgeschichte über die Band.

Die Aufregung verwundert nicht: Die 1989 gegründete Formation um Sänger Brett Anderson, einen David Bowie für das neue Jahrzehnt, und Bernard Butler, den besten Johnny Marr seit Johnny Marr, hatte nicht nur jede Menge Pathos und Glamour zu bieten (inklusive Justine Frischman, Andersons damaliger Freundin, die später Elastica gründete und mit Blurs Damon Albarn zusammen war). Sie platzte auch genau in eine Phase, als man in England mit Shoegaze und Grunge nicht mehr viel zu tun haben wollte, und Britpop noch nicht einmal eine Idee im Notizbuch von Noel Gallagher war. „They sounded, and looked, like nobody else“, fasst Suede-Biograph David Barnett die Faszination dieser “intelligent outsiders band” zusammen. Und Suede-Bassist Mat Osman meint, seine Gruppe habe dem Land das gegeben, wonach es sich damals gesehnt hatte: „neue Werte und musikalischen Referenzen, und einen anderen Blick auf die Welt“.

Dem Hype folgte somit der Erfolg: Das Debütalbum erreichte sofort die Spitze der Charts, zudem gab es für Suede auch den Mercury Music Prize. Das Problem ist nur: Danach lief irgendetwas schief. Schon auf ihrer zweiten US-Tour wurden sie von der eigenen Vorgruppe in den Schatten gestellt (den Cranberries), dann stieg im Juni 1994 Bernard Butler aus, und als Britpop schließlich richtig durchstartete, waren Suede trotz all ihres Talents und der herrlichen Ausgangsposition letztlich nur noch Nebendarsteller. Stay Together (1994) und Trash (1996) waren mit jeweils Platz drei ihre erfolgreichsten Singles im UK – in einer Zeit, als heute fast vergessene Bands wie Dodgy, die Bluetones oder Cast spielend leicht in ähnliche Regionen vorstießen.

Die neue Bewegung kam für Suede zur Unzeit. Plötzlich war da eine Band, die noch besser die Vergangenheit beschwören konnte (Oasis), dazu eine Band, die ebenso spinnert und exzentrisch sein konnte (Blur) und sogar ein Frontmann, der ebenso dünn und gelenkig-verrenkig war wie Anderson (Jarvis Cocker). Arne Wilander erkannte das sehr treffend, als er 2006 im Rolling Stone über das dritte Suede-Album schrieb: „Coming Up wäre vor Oasis, vor Pulp, vor dem ganzen Britpop-Gelärme als letzte Hoffnung begrüßt worden. Anderson ist der Darling von vorgestern, dabei hat er sich gar nicht verändert.“

Drei Jahre später ging Wilander mit den Herrn noch etwas härter ins Gericht: „Suede waren Pose, Pose, Pose, ein weinerlicher und spinnerter Haufen“ stellt er da fest und meint: „Die Erfindung von Brett Anderson gehört zu den schrecklichsten Irrtümern der britischen Pop-Presse.“ Seine Würdigung von Head Music mündet im Fazit: „Gott, was für eine grausame Grütze.“

Das zeigt: Schon immer boten Suede viel Angriffsfläche. Da waren die Texte von Brett Anderson, die in der Regel so dumm waren, dass Noel Gallagher daneben wie ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis erscheinen konnte. Da war das bei Suede immer überpräsente Thema Sex. Brett Anderson nannte sich einmal “a bisexual man who never had a homosexual experience” und sagte unlängst über die Anfangstage: „Ich wollte über Sex und Scheitern schreiben und die Trägheit feiern, die Kultur des schönen Verlierers.“

Bei so viel hormoneller Offenherzigkeit, der die Band selbst so viel Prominenz verlieh, musste man befürchten, dass dahinter nicht mehr allzu viel Entdeckenswertes schlummern konnte. Und schließlich war da die Tatsache, dass sich Suede klar auf Größen aus den Seventies bezogen, aber sich doch nie ganz als Teil der britischen Rock-Genealogie sahen. Auch das machte sie zu Außenseitern im Britpop.

Einerseits betrübt das die Band offensichtlich noch immer. Als sie Anfang des Jahres ihr Comeback ankündigten, und kürzlich in der Royal Albert Hall erstmals wieder auf der Bühne standen, da hatte das durchaus etwas von: Wir sind gekommen, um uns unser Recht zu holen; um unseren Platz in der Geschichte einzunehmen. Dazu passt, dass sie ihr gerade erschienenes The Best Of Suede auf zwei Silberlinge verteilen – mein Gott, sogar Blur haben ihre Greatest Hits auf eine CD bekommen!

Andererseits zeigt die Werkschau auch: Mit der Lad-Kultur des Britpop hatten Suede nie wirklich viel zu tun. Stattdessen gibt es hier eine renovierte Version von Glamrock. Den Aufakt macht Animal Nitrate, der erste Top10-Hit von Suede. Die Gitarre brutal verzerrt, das „ohoho“ im Refrain fast zynisch, Andersons Gesang wie versteckt hinter einem Labyrinth aus Effekten.

Es folgt eine Trias vom 1996er Album Coming Up, sicher die poppigste Phase in der Karriere von Suede. Beautiful Ones lebt von der cleveren Phrasierung und einem genialen Riff. Auch Trash mit herrlichem Shuffle und Killer-Refrain hat diese Doppelbödigkeit. Filmstar ist so etwas wie Heavy Metal für Schwule.

Dass Suede danach die frühe Single Metal Mickey (die auch auf Blurs Leisure gepasst hätte) und anschließend das in der Strophe druckvolle und im Refrain hoch elegante New Generation von Dog Man Star folgen lassen können, und wenig später das schwelgerische Everything Will Flow aus dem Jahr 1999 erklingt, ohne dass ein Bruch entsteht, zeigt, wie ausgefeilt und konsistent das ästhetische Konzept dieser Band bei allen Aufs und Abs war.

Everything Will Flow ist einer der stärksten Momente auf The Best Of Suede. Die Band will hier nicht rocken, nichts beweisen, sondern scheint ganz bei sich selbst. Kurz vor Ende der ersten CD gibt es mit Obsessions sogar noch einen Song vom inzwischen selbst von der Band geschmähten Album A New Morning, ein gutes Jahr vor der Auflösung von Suede erschienen. „Bildlich gesprochen hatte ich mich in eine Ecke manövriert und wusste nicht mehr, wie ich dort wieder rauskommen sollte“, sagt Brett heute über diese Phase.

Dann gibt es ein paar Cocktails in der Lounge von She’s In Fashion, schließlich macht einer der größten Suede-Momente den Rausschmeißer: Saturday Night ist  genau das, was der Musikexpress mit „epische Melancholie“ meinte. Das bei Suede sonst stets erstaunlich wuchtige Schlagzeug schleppt sich hier mit letzter Kraft dahin, die Gitarre taumelt auch einem K.o. entgegen, und Brett Anderson schauspielert quasi wieder seinen Gesang, aber diesmal scheint so etwas wie Leben dahinter zu stecken, vielleicht sogar ein Erlebnis.

CD2 beginnt mit dem ebenso untröstlichen Pantomime Horse vom Debütalbum, dann folgt My Insatiable One – die legendäre B-Seite, die Morrissey so gut gefiel, dass er sie gelegentlich in seinen Konzerten spielte. Das komplexe To The Birds lässt erahnen, warum sich Kele Okereke und Russell Lissack von Bloc Party ausgerechnet im Suede-Fanclub kennen gelernt haben.

Ansonsten ist CD2 allerdings insgesamt schwächer. Weder This Hollywood Life noch Heroine lassen erkennen, warum David Sinclair anno 1994 in der Times über Dog Man Star meinte, das Album übertreffe jeden Superlativ.

Immerhin gefallen die Balladen: By The Sea hat den Weltschmerz von Saturday Night, ohne allerdings seinen Stolz zu verlieren. Das reduzierte The Big Time ist großes Kino, auch bei The Two Of Us wirft sich Anderson ohne Rücksicht auf Verluste in seine Rolle als Schmalzier. Im pompösen Still Life übertreibt er es allerdings – nämlich in Richtung Musical.

The Best Of Suede zeigt damit letztlich eine Band, die viele große Momente und ein beachtliches melodisches Gespür hatte, sich aber auch grandios selbst überschätzte. Suede steckten voller Ehrgeiz (und voller Drogen), haben nie an sich gezweifelt und selbst nach dem Ausstieg der Schlüsselfigur Bernard Butler noch trotzig reagiert: Wir sind nicht erledigt, jetzt werden wir es erst recht allen zeigen.

Vor allem aber haben sie sich immer exponiert, nie mit irgendetwas hinterm Berg gehalten und immer bereitwillig eine riesige Angriffsfläche geboten. Dass genau diese Eigenschaften später von Oasis, Blur oder Supergrass übernommen wurden, wurmt Suede rückblickend womöglich am meisten. Es könnte sie aber ruhig auch ein bisschen stolz machen.

Kein Songtitel hat jemals besser zu ihnen gepasst: Suede kommentieren ihr eigenes Video zu Trash:

Suede bei MySpace.

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