Hingehört: The Beatles – „Help!“ 1


Schon zu Zeiten von "Help!" hatten die Beatles viel mehr zu bieten als Schreihalstum.

Künstler The Beatles
Album Help!
Label EMI
Erscheinungsjahr 1965
Bewertung ****1/2

Mit der Übersetzung der Titel von Kinofilmen tut man sich hierzulande ja bis heute schwer. Eine lange Liste vollkommen schwachsinniger Translationen ließe sich erstellen. Aber Hi-Hi-Hilfe zählt zweifellos zu den schlimmsten Verbrechen. Dieser Titel spricht Bände, wenn man das Verständnis von Popmusik in Deutschland im Jahre 1965 beleuchtet.

Okay, Help! mag nicht mehr gewesen sein als ein albernes Filmchen über eine Musikkapelle. Aber: Hi-Hi-Hilfe!? Die Beatles auf das Schreihalstum ihrer weiblichen Fans reduziert. Von da ist es nicht mehr weit bis zum Getrommel aus dem Busch.

Dabei hatten die Fab Four doch (inzwischen) so viel mehr zu bieten. John Lennon, Paul McCartney und George Harrison schrieben die besten Songs weit und breit, Hits en masse, Klassiker am laufenden Band. Deshalb wird auf Help! auch nur noch zweimal auf Coverversionen zurückgegriffen. Passend zum Film darf Ringo das urkomische Act Naturally singen. They´re gonna put me in the movies / They´re gonna make a big star out of me. Als ob das noch nötig gewesen wäre. Den Rausschmeißer macht Dizzy Miss Lizzy. Jede Menge Rock, noch mehr Roll. Love me before I grow too old.

Älter sind die Fab Four tatsächlich geworden. Nicht umsonst beginnt die Strophe von Help! mit „When I was younger…“ Mit den Jahren haben sie zwar keineswegs etwas von ihrem Schwung, Ehrgeiz oder Einfallsreichtum gelassen, dafür aber Unmengen an Klasse, Reife und Kompetenz dazugewonnen. Etwas ist aber doch verloren gegangen: die Unschuld. „Ich fraß und trank wie ein Schwein und war auch genau so fett, unzufrieden mit mir selbst und schrie unbewusst nach Hilfe“, sagte John Lennon einmal zur Entstehungsgeschichte des enorm kompakten Titelsongs. So entstand einer der ersten wirklich persönlichen Beatles-Texte, der auch die beiden anderen Klassiker auf diesem Album auszeichnet.

Ticket To Ride – in gerade einmal drei Stunden aufgenommen und vom geschätzten Wolfgang Doebeling nicht ohne Grund zur besten Beatles-Single aller Zeiten erchoren – und Yesterday, zu dem man nicht mehr viel sagen muss. Eine Epiphone Texas, ein paar Streicher, das meistgecoverte Stück der Musikgeschichte.

Drei Ausnahmestücke, natürlich, selbst für Beatles-Verhältnisse. Aber auch die anderen Eigenkompositionen überzeugen. Das von einem nicht zur Ruhe kommenden Ride getriebene The Night Before, Maccas Simon-and-Garfunkel-Persiflage I´ve Just Seen A Face, das selbstmitleidig-sarkastische You´ve Got To Hide Your Love Away oder das thematisch ähnliche, aber aus entgegengesetzter Perspektive geschriebene You´re Going To Lose That Girl. Ungemein catchy gelingt It´s Only Love, noch ein Stück mitreißender ist die bis dahin beste Harrison-Komposition You Like Me Too Much.

In Tell Me What You See beeindruckt der Gesang (John&Paul) am meisten. Die feinen Breaks und Fill-ins beweisen zudem, dass Ringo Starr am Sound der Käferchen einen weit größeren Anteil hat, als ihm die meisten heute zugestehen wollen: Drei geniale Songwriter und ein Drummer mit großem Einfühlungsvermögen in eben diese Songs. Eine solche Konstellation hat es seitdem nicht mehr gegeben.

Help! für Taube. Und Irre:

Die Beatles bei MySpace.


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