The Charlatans – „You Cross My Path“


Künstler The Charlatans

„You Cross My Path“ kommt ein bisschen zu spät für einen Coup.

Album You Cross My Path
Label Cooking Vinyl
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

Manchmal ist es eben ganz entscheidend, dass man der Erste ist. Elisha Gray kann ein Lied davon singen: Er hatte 1876 die geniale Idee, Töne über elektrische Signale zu übermitteln. Leider hatte zwei Stunden vorher auch Alexander Graham Bell ein Patent für diese Methode angemeldet – und seitdem gilt Bell als Erfinder des Telefons, und Elisha Gray kennt keine Sau mehr.

Eberhard Köllner ist auch nicht gerade eine Berühmtheit geworden. Dabei hat nicht viel gefehlt, und er wäre der erste Deutsche im All gewesen. Doch aus Gründen, die sie nicht näher erläuterten, wählten die russischen Raumfahrt-Chefs dann Sigmund Jähn aus.

Und seit You Cross My Path kennen auch die Charlatans das Gefühl, dass es eben nicht dasselbe ist, wenn man nicht der erste ist. Dabei war die Idee sehr gut: Sie boten You Cross My Path komplett kostenlos im Netz an. Die Band hatte keinen Plattenvertrag mehr, tat sich mit dem Radiosender XFM zusammen und auf dessen Seite konnte man im März 2008 alle neuen Charlatans-Songs kostenlos bekommen.

In Zeiten, in denen quasi jeder über die Zukunft der Musikindustrie diskutierte, hätte das ein veritabler Marketing-Coup für die Veteranen werden können. Womöglich sahen die Charlatans schon die Schlagzeilen vor sich: „Revolution!“ „Ich habe die Zukunft gesehen – und sie ist kostenlos!“ Oder aber auch „Tim Burgess beerdigt die Musikindustrie“.

Es gab da nur ein Problem: Die Charlatans waren zu spät dran. Radiohead hatten fünf Monate vorher genau dieselbe Idee – und generierten so den Hype um ihr Gratis-Album In Rainbows. Als das dann auch als physischer Tonträger erschien, wurde es Nummer 1 in England und den USA. Für You Cross My Path reichte es nur zu Platz 39 im UK.

Ein ordentliches Album ist es trotzdem. Wenige Bands können auf ihrem zehnten Longplayer noch eine Energie entfachen wie die Charlatans im Opener Oh! Vanity. Das Bass-Riff von Bad Days klingt verdammt danach, als ob es Krist Novoselic feuchte Träume beschert. The Misbegotten macht dann einen Ausflug in elektronische Gefilde, genauer gesagt: ins New-Order-Land. My Name Is Despair spielt mit Krautrock-Einflüssen und weist in etwa in die Richtung, die The Horrors (deren Faris Badwan hier das Cover gestaltet hat) mit ihrem zweiten Album eingeschlagen haben. Irgendwo zwischen Air und Primal Scream bewegt sich das irre A Margin Of Sanity. Der Rausschmeißer This Is The End ist lupenreiner Stadionrock mit einem Intro, das nicht allzu weit von Summer Of ’69 entfernt ist.

Die Lust, alle möglichen Stile auszuprobieren und der Drang, ständig allen zu beweisen, was sie alles können, waren es vielleicht (neben Krebs, Tod und Gefängnisstrafen), die der Band um Frontmann Tim Burgess im Wege standen, als es galt, eine wirklich ganz große Nummer zu werden. Auch auf You Cross My Path schlägt das Pendel zwischen Muso und Glamour zu oft in die falsche Richtung aus. Aber gegen kompetenten Rock mit viel Verzweiflung und einem Hang ins Düstere ist trotzdem nichts einzuwenden. Wenn sie so weitermachen, werden es die Charlatans wohl einst von Madchester-Mitläufern zu respektierte UK-Größen gebracht haben. Und damit wären sie dann wirklich die ersten.

Hier sind sie definitiv mehr Glamour als Muso – der Clip zur Single Oh! Vanity:

Die Charlatans bei MySpace.

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