Hingehört: The Courteeners – „Anna“


Fast immer solide, aber zu verkrampft sind die Courteeners auf ihrem dritten Album.

Fast immer solide, aber zu verkrampft sind die Courteeners auf ihrem dritten Album.

Künstler The Courteeners
Album Anna
Label Cooperative Music
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Wenn eines Tages Das große Handbuch der Musikszene in Manchester geschrieben wird, dann beanspruchen The Courteeners ganz eindeutig ein eigenes Kapitel. Mindestens. An Selbstvertrauen mangelt es dem 2006 gegründeten Quartett um Sänger Liam Fray jedenfalls nicht. „Wir sind zur Zeit die beste Band des Planeten“, stellte Fray beispielsweise unlängst in einem Interview mit dem NME ganz unbescheiden fest.

Das Problem ist nur: Nach dem erfolgreichen Debüt St. Jude (2008) und dem nicht mehr ganz so erfolgreichen Nachfolger Falcon (2010) waren The Courteeners auf dem besten Weg, allenfalls als Fußnote in diesem Handbuch zu enden. Der letzte Top20-Hit ist fünf Jahre her, Take Over The World, die letzte Auskopplung aus Falcon, schaffte es gerade noch auf Platz 114 der englischen Charts. Der Trend geht nach unten.

Man hört Anna, dem dritten Album der Courteeners, deutlich an, wie unbedingt sich Liam Fray, Daniel Conan Moores (Gitarre), Michael Campbell (Schlagzeug) und Mark Turner Cuppello (Bass) gegen diese Gefahr stemmen wollen. Als Produzenten haben sie mit Joe Cross (Hurts) einen der angesagtesten Knöpfchendreher der Stunde engagiert. Und große Töne spucken sie zur Veröffentlichung von Anna natürlich auch wieder. “Anna is a new chapter sonically for Courteeners”, kündigt Liam Fray an. “Our music, like our minds, has evolved and expanded. We have re-arrived – welcome to the rave.”

Glücklicherweise lässt er dieser großspurigen Einladung auch Taten folgen. Welcome To The Rave, auf das er im Zitat oben anspielt, kommt mit viel Energie und einer schönen Synthie-Melodie daher. Der Opener Are You in Love With a Notion? ist sofort ansteckend und mitreißend, und wartet dann auch noch mit einem Hammer-Refrain auf. When You Want Something You Can’t Have ist ein richtig gutes Lied, sanft, putzig und weitgehend akustisch.

Auch Sharks Are Circling, dringlich, stimmig und mit dominantem Klavier, und der Rausschmeißer Here Come the Young Men überzeugen. Mit Marquee gibt es sogar noch einen ungewöhnlichen Höhepunkt: „The next time you think you might not love someone / don’t you think it’s best to tell them earlier on?“ lautet die Bitte, um die sich das Lied dreht, und genauso einfach, tragisch und rührend klingt die Musik dazu.

In etlichen Momenten wirkt Anna aber ein wenig schwach auf der Brust. Dann sollen viele überflüssige „Ohoho“-Chöre über fehlende melodiöse Klasse hinwegtäuschen. Vor allem aber klingt das Album insgesamt völlig verkrampft. Oft wollen The Courteeners eindeutig zu schnell, zu viel und zu sehr auf Nummer sicher.

Save Rosemary in Time ist so ein Fall, das (über-)ambitioniert klingt wie die Killers, viel Wucht hat, aber keine Raffinesse. Auch die Single Lose Control wirkt etwas lahm und arg kalkuliert mit ihrer Depeche-Mode-Strophe und dem White-Lies-Refrain. Besonders innovativ ist das ohnehin nicht, zumal andere Bands die Rock-Elektro-Kombination längst viel aufregender ausleben. Zudem tut man sich arg schwer, den Courteeners ihre plötzliche Vorliebe für die Synthie-Sounds der Achtziger abzukaufen, trug die Band doch bisher stolz ihr Bekenntnis zu Jungsrock à la Oasis vor sich her, und damit auch die selbst gewählte Beschränkung auf Hymnen zum Trinken, Fußballschauen und Sich-in-den-Armen-liegen.

Dass sie viel mehr können als das, wollen The Courteeners hier immer wieder beweisen, ohne die alten Fans zu verprellen und möglichst auch noch mit einer ausgestreckten Hand in Richtung neuer Zielgruppen. Money macht das kurz vor Schluss des Albums am deutlichsten: Rund um ein heavy Riff baut sich eine beachtliche Komplexität auf. Ersteres soll die alten Kumpels bei der Stange halten und Letzteres den Kritikersnobs zeigen, was die Band alles zu leisten vermag. Aber in diese Falle sind beispielsweise schon The Enemy bei ihrem zweiten Album getappt: Dem Lied fehlt letztlich eine Mitte, ein Herz.

Prototypisch für diese Platte sind vielleicht am meisten die beiden Songs am Ende des ersten Drittels. Van Der Graaff setzt auf ein bisschen Baggy-Prägung und frühen Britpop à la Hurricane #1, bleibt aber medioker. Push Yourself erinnert mit seinem Discobeat und der großspurigen Klaviermelodie an Hard-Fi und wird damit solide, nicht mehr und nicht weniger. „You need to push yourself“, singt Liam Fray im Refrain. Wenn er es wirklich noch zu einer großen Nummer in Manchester bringen will, dann sollte er fürs nächste Album lieber einen anderen Ansatz wählen.

The Courteeners spielen Lose Control, knapp 200 Meilen von Manchester entfernt:

Homepage der Courteeners.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.