Hingehört: The Cranberries – „Roses“


Es geht wieder: Auf "Roses" sind die Cranberries manchmal gut und immer mindestens passabel.

Es geht wieder: Auf "Roses" sind die Cranberries manchmal gut und immer mindestens passabel.

Künstler The Cranberries
Album Roses
Label Cooking Vinyl
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Die Cranberries sind zurück. Nach mehr als zehn Jahren gibt es mit Roses wieder ein Studioalbum des irischen Quartetts. Man muss sagen: Richtig vermisst hat die Band um Sängerin Dolores O’Riordan wohl niemand. Und man muss fragen: Warum jetzt ein Comeback?

These 1: Das Geld ist alle. Diese Vermutung wird gerne geäußert, wenn einstige Größen plötzlich wieder ins Rampenlicht drängen. Wie schwer es ist, aus der Versenkung aufzutauchen (vor allem, wenn man mittlerweile ein paar zusätzliche Pfunde hat) und an alte Großtaten anzuknüpfen (vor allem, wenn man mittlerweile etliche Gehirnzellen vernichtet hat), dafür gibt es genug Beispiele, hinter denen man die (auch in finanzieller Hinsicht) blanke Verzweiflung vermuten muss.

Im Falle der Cranberries ist das aber ziemlich unwahrscheinlich. Man muss zwar nicht unbedingt RTL-Experte Frank Ehrlacher glauben, der kürzlich in der Ultimativen Chartshow behauptet hatte, ein einzelner Welthit (nach RTL-Definition bedeutet das: Platz 1 der Charts in England, den USA und Deutschland) reiche aus, um einen Rockstar samt der kommenden zwei Generationen sorgenfrei leben lassen zu können. Aber 20 Millionen Exemplare, die alleine von den ersten beiden Cranberries-Alben verkauft wurden, dürften noch für eine Weile reichen. Zumal der Überhit Zombie nach wie vor für konstante Einnahmen sorgt – egal, ob auf Samplern mit Ballermann-Hits oder Rock-Klassikern.

These 2: Sie wollen es noch einmal wissen. Das ist schon etwas wahrscheinlicher. Denn aufzuhören, wenn es am schönsten ist – das haben die Cranberries definitiv verpasst. Wake Up And Smell The Coffee (2001), ihr bisher letztes Studioalbum, kam in Deutschland zwar noch auf Platz 7 der Charts. In den USA (Platz 46) und in England (Platz 61), wo die Iren ebenfalls große Erfolge gefeiert hatten, blieben sie hingegen weit hinter den Erwartungen zurück. Die letzten beiden Singles aus diesem Album erreichten gar nicht mehr die Hitparaden, und auch das ein Jahr später veröffentliche Best-Of-Album wollte kaum jemand haben.

Als die Cranberries 2003 eine Pause auf unbestimmte Zeit ankündigten, da dürfte das bei den meisten Musikfans allenfalls noch ein müdes Schulterzucken ausgelöst haben. Nun haben sie für Roses wieder Stephen Street (Blur, Kaiser Chiefs) als Produzent engagiert, der schon bei den ersten beiden Alben zu Glanzzeiten der Band hinter den Reglern saß.

Dass sie mit ihrem sechsten Longplayer noch einmal die Musikszene aufmischen wollen, streiten die Cranberries allerdings ab. Dolores O’Riordan ist mittlerweile 40 und lebt als Mutter von vier Kindern in Kanada. „Ruhm ist nicht mehr relevant. Und Erfolg bedeutet für mich jetzt vor allem, zu Hause glücklich zu sein“, sagt sie im Interview mit dem Mediendienst Teleschau.

These 3: Sie funktionieren einfach wieder. Das scheint der wahre Grund für das Comeback zu sein. Zum einen, was die Musik angeht. Als sie 2003 ihre Pause ankündigten, hatten die Cranberries ein gutes Jahrzehnt quasi rund um die Uhr als Band verbracht. Roses profitiert deutlich davon, dass sie jetzt endlich wieder etwas haben, worüber sie schreiben können: ein Leben. In den Liedern geht es um ihre Kinder, den Tod von Angehörigen oder die eigene Verwunderung über die Ungeduld der Jugendtage.

Zum anderen funktioniert das Quartett aber offensichtlich auch auf persönlicher Ebene wieder. „Wahrscheinlich ist es so, dass wir jetzt mehr Respekt füreinander haben und für das, was wir tun“, meint O’Riordan, die in der Musikszene eine ganze Weile als nicht gerade pflegeleicht galt, vielsagend in einem Interview mit Billboard.com. „In der späten Phase, so um das Jahr 2003, waren wir ein bisschen in Routine verfangen. Jetzt sind wir wirklich glücklich und wissen zu schätzen, was wir aneinander haben.“

„When we get along / we’re really strong“, heißt dann auch eine zentrale Zeile im ersten Lied des Albums, Conduct. Die Instrumente schälen sich, auch das ist ein schönes Sinnbild für dieses Comeback, aus seltsam unbestimmtem Musizieren heraus, dann entwickelt sich ein Lied, das so etwas wie eine Hassliebe beschreibt und die Tatsache, dass man manchmal zuerst an sich selbst arbeiten muss, um mit dem Gegenüber wieder auskommen zu können.

Diese Erkenntnis hatten die Cranberries spätestens 2009, als Dolores O’Riordan vom Trinity College in Dublin geehrt wurde und aus diesem Anlass die alten Bandkollegen fragte, ob sie nicht ein paar Lieder spielen wollten. Gitarrist Noel Hogan, sein Bruder Mike am Bass und Schlagzeuger Fergal Lawler waren zur Stelle, und plötzlich fingen alle wieder Feuer. “Sobald wir anfingen zu spielen war es, als hätten wir nie aufgehört. Mit den Cranberries zu spielen ist, wie wenn man das perfekte Paar Schuhe anzieht. Es passt einfach. Es ist eine besondere Chemie”, erinnert sich Dolores O’Riordan, die zuvor auch zwei Soloalben veröffentlicht hatte.

Ein paar kleinere Konzerte bewiesen, dass die wiedergewonnene Spielfreude sich konservieren ließ, im Jahr 2010 folgte deshalb eine erfolgreiche Welttournee der Cranberries. Die besten der elf Stücke auf Roses entstanden bei den Soundchecks für diese Konzerte. Das bereits erwähnte Conduct zählt dazu. Auch die heitere Single Tomorrow, die energische Drums mit einer Smiths-Gedächtnis-Gitarre paart und in der die Stimme von Dolores O’Riordan glänzen kann. Noch immer klingt dieser Gesang höchst faszinierend, als hätte jemand einen 2000 Jahre alten keltischen Kehlkopf eingefroren und mit einem Effektgerät kombiniert, das erst im Jahr 3479 erfunden wird.

Nach wie vor ist es diese Stimme, die den Klang der Cranberries dominiert (und die eine Generation nach Zombie auch die Frage aufwirft, ob jüngere Kolleginnen wie Florence Welsh oder Ellie Goulding heute so ungewöhnlich, exaltiert und erfolgreich singen könnten, wenn ihnen Dolores O’Riordan nicht den Weg geebnet hätte).

Um ihren Wiedererkennungswert muss sich die Band somit auch nach neun Jahren Pause keine Sorgen machen. Lieder wie das schlafwandelnde Waiting In Walthamstow hätten auch wunderbar auf das Debüt Everybody Else Is Doing It So Why Can’t We gepasst. Das kraftvolle Losing My Mind flirtet zwar schüchtern mit elektronischen Elementen, wird aber jedem gefallen, der No Need To Argue im Regal stehen hat.

Bezeichnenderweise sind es die Stücke, die noch aus der Zeit vor der Bandpause stammen, die zu den schwächeren auf Roses gehören. Astral Projection ist mysteriös, aber etwas überambitioniert. Raining In My Heart sorgt durch das Akkordeon von Kevin Hearn für eine neue Klangfarbe, bleibt aber ansonsten etwas uninspiriert. Auch die Treueschwüre in Fire & Soul klingen etwas halbherzig.

Keines der Lieder unterschreitet aber die Kategorie „passabel“. Das krachige Schizophrenic Playboys hat sogar eine Unbedingtheit, die auch bei Musikern, die 15 Jahre jünger sind, keine Selbstverständlichkeit ist. So Good ist herrlich organisch und der Titelsong setzt einen rührenden Schlusspunkt für Roses. “Für mich war die ganze Zeit klar, dass wir ein weiteres Album machen würden”, sagt Noel Hogan stolz. “Wir mussten uns nur für eine Weile zurückziehen – da waren wir uns einig. Aber jetzt ist es großartig, zurück zu sein.”

Im Video zu Tomorrow haben die Cranberries einigermaßen schlecht den Albumtitel versteckt:

The Cranberries bei MySpace.

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