Hingehört: The Electric Soft Parade – „The American Adventure“ 1


Mit „The American Adventure“ setzen sich The Electric Soft Parade zwischen alle Stühle.

Künstler Electric Soft Parade
Album The American Adventure
Label BMG
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Geld haben sie genug. Mädels wohl auch. Ruhm finden sie spätestens seit der hinter ihnen liegenden Welttournee ein bisschen zu anstrengend und lächerlich. Alex und Tom White sind Überzeugungstäter. Die Brüder aus Brighton machen ihre Musik, weil sie nichts besseres zu tun haben und nichts anderes tun wollen. Diese Herangehensweise machte ihr Debütalbum Holes In The Wall vor gut zwei Jahren zu einem aufregenden Kaleidoskop aus famosen Rocksongs, runderneuertem Britpop und wehmütigen Grunge-Nachwehen. Mit ihrem neuen Werk setzen sich The Electric Soft Parade nun erst recht zwischen alle Stühle.

Die Songs auf The American Adventure sind zu gut fürs Radio, aber zu komplex für den Club. Selbst mitten in der Nacht wird man diese Stücke nicht über den Äther schicken. Selbst ein der Electric Soft Parade freundlich gesinnter DJ wird sich schwer tun, auf der Platte einen tanzbaren und massenkompatiblen Kracher zu finden, wie sie Holes In The Wall durchaus noch zu bieten hatte. Auf das hiesige Musikfernsehen wird man bei wenig extrovertierten Kerlen wie den White-Brüdern ebenfalls kaum hoffen dürfen.

Wo wird man sie also überhaupt zu hören kriegen, die Songs auf The American Adventure? Das kraftvolle Things I’ve Done Before wahrscheinlich im Auto von sympathischen Menschen, auf dem Weg zu einem Konzert, meinetwegen vom Teenage Fanclub oder den wieder vereinten Pulp. Merklich gezeichnete Ghettoblaster werden spätnachts auf Festivalzeltplätzen Bruxellisation erklingen lassen – und selbst die Batterien werden noch einmal alles aus sich herausholen, um dieses Zusammenspiel von Cello und Gitarre erleben zu dürfen.

An lauen Sommerabenden wird jemand beim Picknick im Park eine Gitarre hervornehmen und The Wrongest Thing In Town spielen, jemand anders wird mitsingen bei der Zeile „twenty-five and wide awake“. Beim Frühstück nach einer wilden Party wird Existing den Soundtrack bilden, und mit dem Refrain das erste Lächeln des Tages ins erschöpfte Gesicht zaubern. In schrecklichen Spelunken wird eine erstaunlich gut aussehende Band das fantastische Lose Yr Frown zum Soundcheck spielen.

Den Titelsong wird man eines Tages sogar auf dem Plattenteller des Schwiegervaters finden, der gerne herausfinden möchte, wie es wohl geklungen hätte, wenn The Who bei den Smile-Sessions von Brian Wilson mitgemacht hätten. Mit dessen Musik haben die Stücke auf The American Adventure nicht nur die Hingabe an die Melodie und den Willen zum Experiment, sondern auch die unerschöpfliche Wärme und Harmonie gemeinsam. Und so wird man das Album vielleicht selten zu hören kriegen, aber schnell ins Herz schließen. Und schwören, dass man sich stets die Zeit nehmen wird, „Electric Soft Parade“ zu sagen. „E.S.P.“ hieß schließlich das schlimmste Album der Bee Gees.

Klingt wie ein Soundcheck, und im Dunkeln gehen sie auch als gutaussehend durch: Lose Yr Frown live in Exeter:

The Electric Soft Parade bei MySpace.


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