Hingehört: The Magnetic North – „Orkney Symphony“


Eine Hymne an die Heimat hat Erland Cooper mit der "Orkney Symphony" gemacht.

Eine Hymne an die Heimat hat Erland Cooper mit der „Orkney Symphony“ gemacht.

Künstler The Magnetic North
Album Orkney Symphony
Label Full Time Hobby
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

„What do you dream at night“, lautet eine Frage in Rackwick, irgendwo in der Mitte dieses wundersamen Albums. Für die meisten Rockstars lässt sich diese Frage nicht beantworten, auch wenn Vermutungen von Drogen, Reichtum, Nacktheit und diversen Foltermethoden, die an Simon Cowell erprobt werden, wohl einigermaßen plausibel sind. Bei Erland Cooper, dem Mann hinter Erland & The Carnival, weiß man es aber ganz genau. Er träumt von Betty Corrigall.

Diese junge Dame beging Selbstmord in den 1770er Jahren, nachdem sie von einem Seemann auf der Durchreise geschwängert und dann von den Leuten ihres Dorfes auf den Corkney Islands verstoßen worden war. Ihr Leichnam wurde dann noch zweimal ausgegraben und umgebettet. Und weil sie auf diese Weise offensichtlich keine letzte Ruhe finden konnte, suchte Betty im vergangenen Jahr Erland Cooper in seinen Träumen heim, erzählt der Musiker. Sie forderte ihn auf, eine Platte über die Orkney Islands zu machen, die auch Coopers Heimat sind. Sie diktierte ihm die Songtitel und sogar komplette Sequenzen der Musik.

Da musste er wohl gehorchen. Cooper holte seinen Bandkollegen Simon Tong („It seemed he had no choice but to follow orders and make the record.“) und außerdem Hannah Peel mit ins Boot, und dann machte sich das Trio mit einem mobilen Studio auf zu den Orkney Islands im äußersten Norden von Schottland.

Dort nahmen sie unter dem Namen The Magnetic North (die Formulierung ist einem Buchtitel aus den 1930er Jahren entnommen) mit der Orkney Symphony ein Konzeptalbum auf, das genau zu seiner Entstehungsgeschichte passt: Die Platte klingt manchmal wie eine vertonte Heimatgeschichte des Archipels, mal wie ein sanfter Traum, mal wie der letzte Atemzug eines unruhigen Geistes.

Die größte Stärke der Orkney Symphony, bei der auch zahlreiche Musiker aus der Gegend mitgewirkt haben, ist die Experimentierfreude, mit der The Magnetic North hier zu Werke gehen, gepaart mit einem Gespür dafür, das Ergebnis zwar freigeistig, aber niemals unrund klingen zu lassen. Nach dem Intro Stromness, in dem sich aus so etwas wie Klangnebel der Gesang von Hannah Peel wie aus einer anderen Welt herausschält, folgt Bay Of Skaill. Es beginnt mit einem isolierten Schlagzeug und verschlafenem Gesang, bietet dann am Schluss aber alles, was die Platte bis dahin noch nicht hatte: Streicher, Bläser und so etwas wie einen Arcade-Fire-Chor.

Die Klangvielfalt bleibt auch danach riesig: Old Man Of Hoy setzt auf eine Spieluhr, die bittersüße Melancholie von Nethertons Teeth wird, wie viele Tracks der Orkney Symphony, von filigranen Streichern gekrönt. Das spannungsgeladene Ward Hill zehrt in erster Linie von reichlich E-Gitarren-Feedback. Orphir hat dann gar einen Computerbeat zu bieten und einen Chor, der anscheinend alle verloren Seelen zur Disco in der Unterwelt herbeiruft.

Hi Life ist abstrakt wie die Musik der Gorillaz, aber atmosphärisch dicht wie die Werke von Radiohead. Betty Corrigall wird eine hübsche Folkballade, die ständig ins Verderben zu kippen droht, das schon erwähnte Rackwick ist vergleichsweise konventionell, mit einer hübschen Orgelmelodie und straighten Drums, sodass man das Lied fast für einen leicht spinnerten Moment der Stars halten könnte.

Ganz am Schluss bringen The Magnetic North mit Yesnaby die Atmosphäre der Orkney Symphony noch einmal gekonnt auf den Punkt: Die Musik ist aufgewühlt und der Gesang so heimatlos, wie es wohl auch Betty Corrigall war. „We have endeavoured to serve Betty and tried to produce the record that she had in mind to the best of our ability”, betont die Band. „We hope she is pleased.”

The Magnetic North spielen Bay Of Skaill live mit reichlich Verstärkung:

Homepage von The Magnetic North.

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