Hingehört: „The New Class Of Rock“


„The New Class Of Rock“ will laut gehört werden.

Künstler Diverse
Album The New Class Of Rock
Label Universal
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ***1/2

So richtig grundlegend, wissenschaftlich und systematisch hat sich noch niemand mit dem Phänomen „neuer Rock“ befasst. Wenn es doch mal jemand versucht, wie der Rolling Stone angesichts dieser Platte, endet das in Ratlosigkeit. „Das besondere am beobachtbaren Garagenrock-Trend ist, dass Bands wie Television. MC5 und The Clash nach langer Zeit wieder als offizielle Orientierungsgrößen gelten – dass keiner dieser Traditionsstränge je ganz weg war und der Sixties-Trash in Skandinavien schon seit Mitte der Neunziger in hoch in Mode ist, ändert daran nichts.“ Immerhin kommt der Autor zu dem feinen Fazit: „Man muss doch immer ein wenig bescheißen, um eine Bewegung zusammenzukriegen.“

Woher der neue Rock nun kommt, warum er kam und was er will, beantwortet auch die Compilation The New Class Of Rock nicht. Nicht einmal, was ihn überhaupt ausmacht. Im sagenhaft geschmacklosen Booklet fehlen jegliche Liner-Notes. Nur ein Slogan ist dort zu lesen: „Made loud to be played loud.“

Ein Tipp, den man befolgen sollte. Der Opener Much Against Everyone’s Advice braucht zwar eine Weile (vielleicht ist es dem vier Jahre alten Soulwax-Stück auch ein bisschen peinlich, zur neuen Bewegung gezählt zu werden), kommt dann aber doch ganz gut in Schwung. So Alone von den Whyte Seeds klingt anschließend verdammt nach den Strokes. Sie sind erstaunlicherweise die einzigen New-Rock-Größen, die hier nicht vertreten sind.

Ansonsten ist die Créme de la Créme versammelt und steuert sämtlich Hymnen bei: Main Offender von den Hives, Up For Sale der International Noise Conspiracy, What A Waster, die leider nicht auf Up The Bracket vertretene Single der Libertines, und Love Burns vom Black Rebel Motorcycle Club.

Daneben gibt es wenige Ausfälle (And you will know us by the trail of dead, French Kicks, Kinesis) reichlich entzückenden Lärm (D4, Eighties Matchbox B-Line Desaster, Hellacopters, Burning Brides, Ikara Colt), feinsten Retro-Stoff (The Coral, The Monochords, The Pattern, The Royal Beat Conspiracy) und noch ein paar echte Highlights: Let’s Kill Music von The Cooper Temple Clause vereint Republica mit Motörhead. Das kraftstrotzende In Love von den Datsuns ist bei Led Zeppelin und Free in die Schule gegangen – und hat eine Menge gelernt. Die Yeah Yeah Yeahs haben Bang nicht nur reichlich Drive mitgegeben, sondern auch viele kleine Widerhaken. Auch das mächtige Getaway von The Music hat überhaupt kein Problem mit Effekthascherei und ist vollkommen extrovertiert.

Vielleicht ist es ja das: Der Wunsch nach Ursprünglichkeit und Oberflächlichkeit. Mehr Attitüde als Akkorde, mehr Enthusiasmus als Eloquenz, mehr Selbstvertrauen als Systemtheorie. Die Vorbilder dafür sind leicht zu finden. Chuck Berry, die Stones, die Who, sogar auch AC/DC und – jawohl: Oasis. Dass man den Gallaghers vor gar nicht allzu langer Zeit noch ihre Rückwärtsgewandheit vorwarf, erscheint vollkommen lächerlich, wenn man sieht, dass nun eine ganze Generation von Gitarrenbands gerade dafür gefeiert wird, dass sie die alten Helden wieder entdeckt hat.

Diese Compilation macht klar: Auch die neue Rockbewegung ist vor allem eines: A new class in the old school.

Sogar das Video sieht irgendwie retro aus: Getaway von The Music:

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