Hingehört: The Rolling Stones – „A Bigger Bang“ 7


Auf „A Bigger Bang“ klingen die Rolling Stones tatsächlich wieder spontan.

Künstler The Rolling Stones
Album A Bigger Bang
Label Food
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

Kein Mensch würde dem Mond vorwerfen, dass er sich immer noch um die Erde dreht. Nicht einer käme auf die Idee, sich über die Flüsse aufzuregen, weil sie immer nur bergab und immer bloß ins Meer fließen. Und niemand würde es wagen, über die Rolling Stones zu meckern, weil sie eine Platte mit genau der Musik aufgenommen haben, die sie schon vor 40 Jahren gemacht haben.

Man muss sich diese Zeitspanne noch einmal klar machen: Als Mick Jagger und Keith Richards anfingen, gemeinsam Musik zu machen, war die Berliner Mauer noch nicht gebaut. Bayern München hatte gerade erst eine einzige Deutsche Meisterschaft gewonnen. Und Bono war noch nicht einmal geboren. So lange ist das her.

Allerdings: Dass die rollenden Urgesteine immer noch auf der Bühne stehen, ist zwar ein Wunder, aber kein Verdienst. Einen Bonus als historisches Relikt, popkulturelles Unikum und medizinisches Phänomen haben die Stones deshalb nicht. Im Gegenteil: Gerade weil sie so lange auf so hohem Level agierten, erwartet man auch von den alten Herren eine gute Platte.

Und die bekommt man. A Bigger Bang, das erste Werk mit komplett neuen Songs seit acht Jahren, ist in der Tat ein kleiner Urknall. Denn Jagger und Richards, die fast alles an diesen 16 Liedern gemacht haben, kümmern sich diesmal einen Dreck um Radiotauglichkeit, Singles, Trends oder Modernismen. Hatten zuletzt, auf Bridges To Babylon, noch die angesagten Dust Brothers für einen aktuellen Sound sorgen sollen, klingt die neue Platte nun eher staubig-historisch und sehr nach den Stones-Glanztaten.

Vor allem Exile On Main Street muss als Bezugspunkt genannt werden – auch, weil wieder in einem Keller aufgenommen wurde. Freilich fehlt (neben dem Heroin und der Steuerflucht) hier das Existenzielle und Kaputte. Trotzdem waren die Stones schon lange nicht mehr so nackt und nah.

Das ist die nächste Assoziation: Wer die Band in letzter Zeit live gesehen hat, wird bei vielen Songs auf A Bigger Bang sofort an den Teil der Show denken, wo sich Jagger, Richards, Wood und Watts auf die kleine Bühne begeben und dort meist akustische Stücke spielen. Beinahe glaubt man dann, dass die Stones eigentlich bloß eine Kneipenband sind, die allerdings die Chuzpe hat, sich auf Stadionbühnen mit Pyrotechnik und Videoleinwänden zu wagen. So klingt die neue Platte: intim und echt, spontan und erdig. A Bigger Band.

Es ist keineswegs (noch) ein Album, das Jagger und Richards auf Autopilot geschrieben haben, trotzdem ist alles da, was man von den Stones will. Der trockene Bumms des wieder genesenen Charlie, Keiths inspirierte Riffs und Micks Gesang. Ob auf Streets Of Love, Let Me Down Slow oder She Saw Me Coming: So gut wie Jagger macht nach wie vor keiner den geilen Bock, das dankbare Opfer oder den grandiosen Trottel, der nichts gelernt hat und noch immer in jede (Venus-)Falle tappt.

Natürlich gibt es auch Sweet Neo Con, den Song, um den es reichlich Wirbel gab, weil er die Heuchelei und Blindheit der Amerikaner und ihres Präsidenten aufs Korn nimmt, musikalisch aber eher etwas schwach auf der Brust ist. Zweimal darf Keith Richards singen (den Schmachtfetzen This Place Is Empty und den Rausschmeißer Infamy). Das famose Oh No, Not You Again (was natürlich der bessere Titel für das Album gewesen wäre) zwinkernd kurz mit den Augen, der Rest sind pure Stones.

Kurze Verwirrung kommt bloß bei Look What The Cat Dragged In auf. Das Riff erinnert sehr stark an Need You Tonight von INXS, und dann singt Jagger auch noch, als würde er Michael Hutchence imitieren. Aber natürlich ist es umgekehrt.

Nicht nackt und nah, aber trotzdem energisch: Oh No, Not You Again, live:

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