Hingehört: The Scantharies – „The Scantharies“


Auf eine ganze Karriere blickt "The Scantharies" zurück. Zumindest fiktiv.

Auf eine ganze Karriere blickt „The Scantharies“ zurück. Zumindest fiktiv.

Künstler The Scantharies
Album The Scantharies
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Meine Lieblingsentstehungsgeschichte für ein Album im heute zu Ende gehenden Jahr 2012: The Scantharies. Das ist das Debütalbum der gleichnamigen Band. Aber so einfach ist es natürlich beileibe nicht. Stattdessen ist es sogar ganz schön kompliziert. Nämlich so:

Andy Dragazis ist ein Musiker mit griechischen Wurzeln, der mittlerweile einen guten Teil des Jahres in London lebt (manch einer wird ihn durch seine Blue States-Alben kennen). Als er wieder einmal in Griechenland war, hörte er eine Kassette im Auto seines Onkels mit griechischem Garagenrock der 1960er und 1970er Jahre (manch einer wird vielleicht Bands wie The Persons, The Forminx oder Aphrodites’ Child kennen).

Er kam auf die Idee, ein Album mit solcher Musik zu machen. Dann lungerte er eine Weile auf „Dream Island“ herum, einer Insel vor der griechischen Küstenstadt Eretrias (manch einer kennt vielleicht die Anekdoten über die Zeit, als die Beatles dort mit einem durchgeknallten Bastler namens Magic Alex gastierten). Und dort dachte er sich eine Band namens „The Scantharies“ aus (manch einer wird vielleicht bemerken, dass es sich dabei um ein griechisches Wortspiel mit dem Begriff „Käfer“ handelt). The Scantharies ist das ebenso fiktive Best Of dieser vierköpfigen Gruppe, die ungefähr von 1968 bis Ende der 1970er aktiv war. Nur im Kopf von Andy Dragazis, natürlich.

Genauso fantasiereich wie diese Story ist erfreulicherweise auch die Musik auf The Scantharies. Zu Beginn gibt es ein wenig Kakophonie, als würde die Band erst einmal ihre Instrumente entdecken müssen, dann folgt mit The Start eine wunderbar schmissige Instrumental-Nummer im Stile der frühen Cardigans. Irgendwo zwischen Dick Dale und Johnny & The Hurricanes geht es dann weiter, durchweg ohne Gesang, durchweg mit ansteckend guter Laune.

I’ve Got The Green Light And I’m Ready To Go klingt wie der Siegersong bei der Weltmeisterschaft im Hochgeschwindigkeitsschrammeln und Füßestampfen, The Bear kombiniert eine Science-Fiktion-Orgel mit einem Marschrhythmus, What The Gods Want, The Gods Get verbreitet Western-Flair – aber nicht beschaulich im Sinne von Lagerfeuer oder Sonnenuntergang, sondern wie bei einer Verfolgungsjagd im Galopp oder einem halsbrecherischen Lasso-Einsatz.

Damit sind wir in der Karriere der Scantharies schätzungsweise irgendwo in den frühen 1970er Jahren angekommen, und passend dazu wird es danach ein gutes Stück düsterer und experimenteller. Feat Of Flames klingt dabei erstaunlich aktuell und ein bisschen psychedelisch, bei Berlin wechseln sich Orgel und Gitarre in der Führungsrolle ab, Advance! Forward! drosselt erstmals spürbar das Tempo – genau im richtigen Moment für die Dramaturgie des Albums. Ein Klavier dominiert dann The Whispering Sound, das ein wenig Latin-Einfluss erkennen lässt. Hip Messiah klingt nach Horrorfilm-Soundtrack, The Cross schließlich komplett abstrakt und dank einer prominent eingesetzten Flöte wie auf dem Weg in eine andere Welt.

In der Legende nahmen die Scantharies irgendwann vor dem Jahr 1980 ein unrühmliches Ende. Einige Mitglieder drifteten in obskure Religionen ab, andere zerstritten sich, auch von einer Überdosis ist die Rede. Hätte es diese Band wirklich gegeben, dann müsste man sagen: Schade drum. Ganz real.

Zum Rausschmeißer The Cross gibt es sogar einen fiktiven Experimentalfilm:

Homepage der Scantharies.

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