Hingehört: The Weeknd – „Trilogy“


Neo-Soul, Digital-Gospel und Unplugged-Electro: All das ist "Trilogy".

Neo-Soul, Digital-Gospel und Unplugged-Electro: All das ist „Trilogy“.

Künstler The Weeknd
Album Trilogy
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Da behaupte noch einer, im Netz könne man kein Geld verdienen. The Weeknd hat seine ganze Karriere dem Internet zu verdanken, und ist damit nicht schlecht gefahren. Als noch niemand wusste, dass er mit bürgerlichem Namen Abel Tesfaye heißt, lud der 21-Jährige bei YouTube als „The Weeknd“ die ersten Lieder hoch. Als Drake, der genau wie er aus Toronto kommt, bei Twitter auf ihn hinwies, war das so etwas wie der Durchbruch für ihn. Und als er im März das Mixtape House Of Balloons umsonst zum Download auf seiner Homepage anbot, sorgte das für noch mehr Online-Aufmerksamkeit.

Mittlerweile nähert sich die Zahl der Abrufe in seinem YouTube-Channel der 100-Millionen-Marke, The Weeknd hat einen Remix für Lady Gaga gemacht und war auf Tour mit Florence. Mit Trilogy veröffentlicht er nun so etwas wie sein offizielles Debütalbum und hat es damit bis auf Platz 4 der US-Charts gebracht. Seine anstehende Tour ist ausverkauft.

Trilogy umfasst seine drei 2011 erschienenen Mixtapes House Of Balloons, Thursday und Echoes Of Silence, neu gemastert, hübsch verpackt und um drei Bonustracks angereichert. Die insgesamt 30 Songs lassen all die Lobeshymnen, die (nicht nur) im Netz auf The Weeknd gesungen wurden, durchaus nachvollziehbar erscheinen. Hätte man das Label „Neo-Soul“ nicht vor ein paar Jahren schon für Künstler wie Erykah Badu, Alicia Keys, Maxwell, oder India.Arie verschwendet, dann hätte man jetzt eine nette Schublade, in die man diesen Sound stecken könnte.

Die Trilogy enthält Liebeslieder, toll gesungen, aber durchweg mit einem Sound, der anscheinend noch nie das Tageslicht gesehen hat. Es gibt fast nichts auf diesem Album, das nichts ins Schlafzimmer passte oder beim flüchtigen Hören nicht einschmeichelnd klänge. Aber The Weeknd setzt dabei auch auf teils ungewöhnliche Samples und Elemente aus Dubstep oder Industrial.

Die vielleicht einleuchtendsten Bezugspunkte für diese Platte sind tatsächlich Michael Jackson (die Stimme) und Prince (die Experimentierfreude). Passend dazu gibt es mit Dirty Diana ein sehr gelungenes Michael-Jackson-Cover oder mit The Birds Part1 und Part 2 zwei Tracks, die vor Ambitionen nur so strotzen. Kurz vor Schluss der Trilogy sind diese beiden Referenzen noch einmal sehr präsent: Next könnte man als eine Michael-Jackson-Ballade mit Kitschfilter auffassen, das reduzierte Echoes Of Silence hat die Intensität der besten Schmachtfetzen von Prince.

Die vielleicht größte Stärke der Trilogy ist ihre Atmosphäre: Jeder Track für sich ist extrem stimmig, zudem fügen sich die 30 Lieder auf diesen drei CDs wunderbar ineinander. The Weeknd klingt mal gespenstisch und spacig wie in High For This, mal sexy wie in The Morning, gelegentlich beschwören diese Klänge auch seltsame neue Genres wie Digitalgospel (The Knowing, The Fall) oder Unplugged-Electro (Rolling Stone) herauf. In The Zone, einer Zusammenarbeit mit seinem Mentor Drake, klingt The Weeknd wie Ginuwine im Flirtturbomodus, Twenty Eight hingegen hat fast gar keine R&B-Spuren mehr, sondern könnte fast als klassische Klavierballade durchgehen.

What You Need klingt wie Justin Timberlake, wenn der einmal wirklich traurig sein sollte und nicht bloß solchen Disneyland-Liebeskummer wie in Dry Me A River besingt. XO/The Host ist ebenso komplex wie soulful, Initiation wird beinahe bedrohlich.

Die Stärke der Trilogy ist aber auch ihre Schwäche. Denn all diese Schwankungen sind letztlich nur Nuancen. Für ein Dreifachalbum fehlt es hier an deutlich mehr Bandbreite und Varianten, zumal auch die Stimme von Abel Tesfaye auf Dauer etwas nervig wird. Die Single Wicked Games beispielsweise ist im Kontext des Albums arg wehleidig, Lieder wie Coming Down oder Thursday bleiben Gesäusel, Loft Music (einer von zwei Tracks der Trilogy, in denen Beach House gesamplet werden) und Same Old Song sind sehr passend betitelt: langweilige Hintergrundmusik.

Etwas konkreter und zupackender wird es bezeichnenderweise meist nur, wenn Samples im Spiel sind. House Of Balloons/Glass Table Girls ist so ein Fall, das ein Element von Happy House (Siouxsie & The Banshees) integriert. Trotz seines verschleppten Tempos wird auch Life Of The Party (mit einem Sample von Thieves Like Us) richtig aggressiv. Auch Montréal, bei dem ein Stück von France Gall recycelt wird, ist vergleichsweise kraftvoll.

Man darf gespannt sein, ob The Weeknd so etwas demnächst auch aus komplett eigener Kraft auf die Beine stellen kann. Bis dahin liefert die Trilogy den Beweis seines Potenzials, aber auch den Verdacht, dass er ein One-Trick-Pony ist – mit einem schon auf dem Debüt 30 Mal gezeigten und auf Dauer wenig beeindruckenden Trick.

Mondän, verführerisch und ohne Tageslicht – so ist auch das Video zu The Zone:

Homepage von The Weeknd.

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