Hingehört: Tim Buckley – „Goodbye And Hello“ 4


Künstler Tim Buckley

„Goodbye And Hello“: Der Sound von 1967.

Album Goodbye And Hello
Label Elektra
Erscheinungsjahr 1967
Bewertung

„Keiner als dieser ungemein smarte Typ aus Washington D.C. hat es je besser verstanden, Jazz, Blues, Folk und Rock zu fusionieren“, lautet das eindeutige Urteil des Rolling Stone über Tim Buckleys Schaffen. 1967 war er aber erst noch auf dem Weg dorthin – und es war ein steiniger Weg.

„Ein Mensch zu sein, bedeutet, leiden zu müssen. Das Kommunizieren kann so schwerfallen wie das Sterben“, hat der Sänger selbst einmal gesagt. Er suchte eine Symbiose der uramerikanischen Musikrichtungen, die ihm größtmögliche stilistische Freiheit bieten sollte. Doch seine Ideen dem Publikum der Sechziger zu vermitteln, erwies sich als unmöglich – und auch die musikalische Selbstfindung war schon schwierig genug.

Mit Goodbye And Hello, seinem zweiten Album, machte er einen weiteren Schritt in diese Richtung. Anders als beim in nur zwei Tagen fertiggestellten Debüt hatte er diesmal mehr Kontrolle über den Aufnahmeprozess, der immerhin einen ganzen Monat in Anspruch nahm. Wie schnell sich Tim Buckley innerhalb des dazwischen liegenden Jahres entwickelt, wie viel reifer er in so kurzer Zeit geworden ist, erstaunt. Goodbye And Hello klingt sehr nach 1967, wie etwa der Opener No Man Can Find The War deutlich macht. Doch vor allem klingt es sehr nach Tim Buckley.

Im Carnival Song setzt Buckley seine Stimme so effektiv ein wie auf keiner Aufnahme zuvor, klingt inmitten des Jahrmarkttrubels tatsächlich verloren und verwirrt. Vom Jazz ist längst noch nicht so viel zu bemerken wie auf seinen späteren Platten, doch der gerade einmal 20-Jährige nutzt auch im Korsett von komplexem Folk-Rock bereits alle sich bietenden Möglichkeiten. Keine Idee wird abgeschrieben, bevor sie nicht ausprobiert wurde. Filmgeräusche und Soundeffekte zählen dazu, oder zunächst verwirrende Bongos wie in Pleasant Street, in dessen Refrain Tim Buckley erstmals ganz nah an den Hörer herankommt – eben, weil er ihn erstmals vergessen kann.

Auf dem Debüt-Album war der Gesang oftmals noch ausgeklügelt, hier ist er assoziativer, freier und echter. Davon profitiert auch Hallucinations, das genau wie Phantasmagoria In Two an Nick Drake erinnert. Die Stimme steht ganz im Vordergrund, die Musik ist fast nur Hall, beinahe wirklich eine Fata Morgana. Jede Mange ähnlich gewagter Metaphern bietet auch I Never Asked To Be Your Mountain, das aber voll und ganz von der Realität angeregt ist: Buckley behandelt seine Heirat mit Mary, die Geburt seines Sohns Jeff und ergeht sich in Selbstvorwürfen.

Nur ein bisschen versöhnlicher, aber viel, viel schöner wird es dann in Once I Was, dem Highlight der Platte. Mit zwölfsaitiger Gitarre und Mundharmonika gelingt Buckley das rundeste, stimmigste Stück des Albums.

Auf Knight Errant und dem hinsichtlich Länge (8:38 Minuten)und Instrumentierung (14-köpfiges Orchester) üppigen Titelsong klingt Tim Buckley dann wieder mehr wie auf der ersten LP, wendet sich also in Richtung Manierismen und Minnesang. Im Rausschmeißer Morning Glory macht Tim Buckley solche Exzesse aber wieder gut. Das Piano dominiert, der Gesang bezaubert. Angesichts solcher Stücke will man der Great Rock Discography gerne glauben: „His poetic awareness and uncompromising efforts to push musical boundaries, had taken him down a solitary path that bypassed commercial success and eventually led to disillusionment and death, although he left behind a musical legacy of shimmering beauty.“

Für die BBC (noch in schwarz-weiß) singt Tim Buckley Morning Glory:

Tim Buckley bei MySpace.


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