Hingehört: Tinariwen – „Tassili“


Auf ihrem fünften Album lassen Tinariwen die E-Gitarren weg.

Auf ihrem fünften Album lassen Tinariwen die E-Gitarren weg.

Künstler Tinariwen
Album Tassili
Label V2
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Afrika ist in Aufruhr – und einen besseren Soundtrack für den Umsturz in Tunesien, Ägypten und Libyen als Tassili könnte es kaum geben. Wie aus Versehen haben Tinariwen, die einst als Rebellen (mit Maschinengewehr und allem drum und dran) für die Rechte der Touareg als Nomadenvolk gekämpft haben, und mittlerweile für ihre Musik von Elvis Costello, Robert Plant, Brian Eno und, natürlich, Thom Yorke und Carlos Santana verehrt werden, das perfekte Statement zur Zeit abgegeben.

„What have you got to say, my friends, about this painful time we’re living through?“, heißt die erste Zeile dieses Albums, wenn man sie ins Englische übersetzt. Auch sonst stellen Tinariwen auf Tassili überall die Frage, wie der Mensch unabhängig leben kann, im Einklang mit seiner Tradition und der Natur, ohne eine Herrschaft, die ihn dazu zwingt, ein Knecht zu sein.

Tassili ist dabei auch musikalisch eine kleine Revolution für das Quintett aus dem Süden Algeriens. Tinariwen lassen diesmal die E-Gitarren ebenso weg wie die Frauenstimmen. Ibrahim, Hassan, Abdallah, Japonais und Kheddou haben Tassili stattdessen in einem Zelt in der Wüste aufgenommen, es gibt folglich bloß akustische Gitarren, Percussions und die Mithilfe einiger internationaler Freunde.

Imidiwan Ma Tenam (das Lied mit der bereits erwähnte Aufforderung, Stellung zu beziehen in diesen turbulenten Zeiten), ist am Beginn von Tassili durchaus typisch für das fünfte Album von Tinariwen: Die Stimme von Ibrahim Ag Alhabib klingt traurig, aber stolz. Der Sound ist zurückgenommen, aber verspielt – und auf eine seltsame Weise sozial. Mag dieses Wort zunächst komisch klingen beim Versuch, ein Lied zu umschreiben, so wird im weiteren Verlauf von Tassili immer klarer: Diese Musik will unbedingt einladen, zum Näherkommen, zum Zuhören, zum Klatschen, zum Tanzen, zum Mitsingen. Immer wieder ergänzt ein kleiner Chor den Gesang von Alhabib – und es klingt organisch, spannend, intuitiv, wie eine gelebte Gemeinschaft.

Asuf D Alwa, das nach einer uralten, großen, geheimnisvollen Geschichte klingt, wartet mit einer virtuosen Gitarre auf und hat zudem den Backgroundgesang von Kyp Malone (TV On The Radio) zu bieten, der hier bei einigen Stücken auch Gitarre spielt – die beiden Bands lernten sich beim Coachella Festival 2009 kennen und pflegen seitdem regen Kontakt. Sein Bandkollege Tunde Adebimpe singt in der folgenden Liebeserklärung an die Wüste namens Tenere Taqqim Tossam mit, dem einzigen Lied dieser Platte, in dem englische Wörter erklingen.

Ya Messinagh wird um die traurigen, einsamen Bläser der Dirty Dozen Brass Band (im Nachhinein hinzugefügt in New Orleans) angereichert. Tameyawt, ein Appell an die eigene Aufrichtigkeit, kommt nur mit Gitarre und Gesang aus und klingt selbstvergessen wie die intimsten Momente von Nick Drake. Imidiwan Wan Sahara ist vergleichsweise heiter, auch Tilliaden Osamnat bringt ordentlichen Schwung mit.

Der Rhythmus ist hier immer sehr dezent, und dennoch sehr präsent. Die Lieder klingen gleichermaßen spontan wie zeitlos. Das reduzierte Instrumentarium führt dazu, dass Tassili für europäische Ohren manchmal ein wenig eintönig, dafür aber auch sehr in sich geschlossen wirkt. Auch deshalb passt diese Platte so gut in die Zeit: Tinariwen haben mit Tassili ein Dokument des Selbstvertrauens, der Solidarität und Autonomie vorgelegt.

Musik aus der Wüste: Das gilt auch für das Video zu Tenere Taqqim Tossam:

Tinariwen bei MySpace.

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