Hingehört: Tocotronic – „Wie wir leben wollen“ 4


Wie wir leben wollen

Künstler Tocotronic
Album Wie wir leben wollen
Label Universal
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung **

Da sage noch einer, bei Projekten, die unmittelbar mit der Wortkombination „Berlin“ und „Flughafen“ verbunden sind, könne nie und nimmer etwas Gutes herauskommen. Tocotronic haben Wie wir leben wollen, ihr zehntes Studioalbum, im Berliner Tempelhof aufgenommen. In den Candy Bomber Studios, die im Gebäude des einstigen Flughafens untergebracht sind, waren sie zehn Tage lang am Werk und haben 17 Lieder fertig gestellt. Und: Wie wir leben wollen ist eine sehr schöne Platte geworden. Die Musik schmeichelt den Ohren, die Texte sind äußerst elegant und auch auf den Fotos, die es als Begleitmaterial gibt, sehen Tocotronic todschick aus.

Körper und Befreiung sind nach Auskunft der Band die beiden wichtigsten (und ineinander verwobenen) Themenkomplexe. Man kann in der Tat immer wieder Spuren dieser Leitmotive in den Texten erkennen. Aber man könnte sie unmöglich als die zentralen Themenfelder dieser Platte ausmachen, wenn Tocotronic nicht selbst darauf hingewiesen hätten. Denn Wie wir leben wollen verweigert sich, wie schon die letzten Alben des Quartetts, jeder voreiligen Interpretation.

Der Name des Albums lässt zwar ein Manifest vermuten, mit Antworten auf die drängenden Fragen des Landes und klaren Anweisungen. Auch die Ankündigung aus dem Titelsong nährt diese Erwartung: „Das ist keine Erzählung, das ist ein Protokoll / doch wir können davon lernen / wie wir leben wollen.“ Aber so einfach macht es die Band ihrem Publikum natürlich nicht. Tocotronic wollen schon längst keine Slogans mehr produzieren, die auf T-Shirts und Häuserwände passen. Sie wollen Rätsel aufgeben, herausfordern.

„Ich bin ein Neutrum / ohne Bedeutung“, singt Dirk von Lowtzow passend dazu in Neutrum – und es sind Momente wie diese, die Tocotronic im 20. Jahr ihrer Karriere ausmachen. Nach wie vor schafft es niemand, wahlweise so undurchdringlich oder blasiert zu klingen. Wenn man diese Band anhimmelt, dann kann man sie vergöttern für solche Verse. Wenn man sie hasst, braucht es nicht mehr viel, um körperliche Gewalt in Betracht zu ziehen (das Wortspiel mit dem „Exil vom Mainstream“ im ironisch plakativen Exil ist noch so ein Fall). Dass die Band stets dem Hörer abverlangt, die Botschaft hinter solchen Zeilen zu entschlüsseln – das ist eindeutig die wichtigste Aussage dieser Platte. „Meine Ziele sind auch mir Mysterium“, croont Dirk von Lowtzow in Auf dem Pfad der Dämmerung – diese Aussage trifft den Kern des Albums.

Natürlich haben Tocotronic wieder ein paar ein paar unschlagbar stilsichere Bezugspunkte parat, an denen sich Rezensenten und Fans abarbeiten können. Aufgenommen wurde Wie wir leben wollen (wieder mit Produzent Moses Schneider) auf einer analogen Telefunken-T9-Vier-Spur-Tonbandmaschine aus dem Jahr 1958. Angeblich hat sich die Band während der Sessions einigermaßen intensiv mit One Plus One beschäftigt, dem Film von Jean-Luc Godard über die Rolling Stones. Und Lieder wie Vulgäre Verse singt Lowtzow mindestens so sagenhaft cool, dramatisch und glaubhaft wie Bryan Ferry.

Auch musikalisch ist alles da, was man sich von Ü40-Indie nur wünschen kann. Die Verbesserung der Erde (und reichlich viel Hall in vielen anderen Stücken) zeigt, dass Tocotronic mittlerweile Shoegaze für sich entdeckt haben. Abschaffen hat einen angelesen amerikanischen Sound wie die späten Cardigans, der Opener Im Keller ist zugleich zugänglich und wunderbar entrückt. Warm und grau wird psychedelisch, Höllenfahrt am Nachmittag hat noch einmal die alte Punk-Power, auch Ich will für dich nüchtern bleiben ist erfreulich forsch.

All diese Neuerungen, Variation und Weiterentwicklungen sind im Vergleich zur den Platten der vorangegangenen Berlin-Trilogie aber minimal. Und damit sind wir beim Problem von Wie wir leben wollen angekommen: Tocotronic sind wieder erwartbar geworden, vorhersehbar.

Seit ihrem weißen Album vor elf Jahren haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail im Prinzip immer dasselbe Album gemacht. Sie wollen in erster Linie schlau sein, in zweiter Linie schick. Bei so viel Kunstfertigkeit bleibt nicht mehr viel übrig, zu dem man als Hörer eine emotionale Bindung aufbauen könnte. Es wäre nicht allzu schwer, eine Parodie davon zu kreieren. Und auch für die Rezensionen könnten die Kollegen bei Spex oder Spon mittlerweile eigentlich einen Generator basteln, der von selbst die passenden Kritiken zusammenstellt, wenn man ihn nur mit den richtigen, immergleich Begriffen füttert: Berliner Republik. Postpostmoderne. Dialektik. Metapher. Krise. Poesie. Relevanz. Kaleidoskop. Gesellschaft. Klangmalerei. Trainingsjacke. Diskurs. Generation. Emanzipation. Identifikation. Assoziation.

Ähnlich wie nach Es ist egal aber (1997) ist kaum mehr eine Perspektive zu erkennen, in die sich die Band ohne radikalen Bruch weiterentwickeln könnte. Damals verabschiedeten sich Tocotronic aus der Gegenwart in ihre eigene Kunstwelt, die nach und nach immer manierierter wurde. Erinnert man sich an die rabaukigen Anfangsjahre, damals noch zu dritt und in Hamburg, ist es erstaunlich, welche Meisterschaft sie mittlerweile darin erreicht haben. Aber das Ende dieses Weges scheint erreicht – und diesmal dürfte eine Neuerfindung deutlich schwieriger sein. Vielleicht könnte es helfen, wenn Tocotronic öfter mal wieder ein Bier trinken und tanzen gehen würden statt immer nur Bücher zu lesen.

Das fällt auch auf, weil Wie wir leben wollen mit 69 Minuten Spielzeit viel zu lang ist. Am Ende des hoch eleganten Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools, Track 8 auf der CD, ist eine ziemlich lange Pause – wenn das Album an dieser Stelle zu Ende wäre, würde nichts fehlen.

Schick und rätselhaft: Das gilt auch für das Video zu Auf dem Pfad der Dämmerung:

Homepage von Tocotronic.


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