Toy – „Toy“


Künstler Toy

Toy legen ein ebenso modernes wie reifes Debütalbum vor.

Toy legen ein ebenso modernes wie reifes Debütalbum vor.

Album Toy
Label Heavenly
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

2747 Aussteller aus 113 Ländern waren im Februar auf der Nürnberger Spielwarenmesse vertreten. Rund eine Million Produkte sind auf der weltweit größten Veranstaltung dieser Art zu sehen. Von einem Spielzeugroboter, der mit dem eigenen iPhone verbunden werden kann, bis zu einer Autorennbahn, auf der sich die Mini-Flitzer frei bewegen können, weil es keine vorgegebenen Spuren mehr gibt, reichen die Neuheiten.

Tom Dougall (Gesang und Gitarre), Dominic O’Dair (Gitarre), Maxim Barron (Bass), Alejandra Diez (Keyboard) und Charlie Salvidge (Schlagzeug) dürften sich dort ziemlich wohl gefühlt haben, schließlich haben sie ihre 2010 gegründete Band und ihr Debütalbum „Toy“ genannt. Das Lieblingsspielzeug des Quintetts aus London ist dabei ziemlich schnell auszumachen: die Gitarre mit all ihren Möglichkeiten. Kurz dahinter rangiert die Liebe für ganz besondere Effekte und Sounds. Immer wieder gönnen sich Toy in ihren Songs ausgiebige instrumentale Passagen, oft meint man, gleich sechs Gitarren gleichzeitig zu hören, und trotz des Rock-Instrumentariums merkt man der Platte an, dass Toy auch elektronische Musik zu schätzen wissen.

Das macht aus Toy ein sehr kurzweiliges und modernes Rockalbum. Colours Runnig Out erinnert als Auftakt mit seinem Schwanken zwischen Druck und Gelassenheit an die ersten Gehversuche von Ash. Motoring könnte mit etwas mehr Punch und Kompaktheit zu den Buzzcocks passen. Dead & Gone lässt Krautrock-Einflüsse erkennen (Toy sind übrigens dick mit den Horrors befreundet, die sich ja ebenfalls gerne von teutonischen Klängen inspirieren lassen) mit seinem stoischen Beat und dem noch monotoneren Bass, bevor der Song schließlich ein großes Feuerwerk wird. Am Ende klingt Kopter mit schepperndem Schlagzeug, forschem Beat und flinkem Bass, als würde sich der Black Rebel Motorcycle Club in eine Ekstase hineinsteigern.

Neben dem Auge fürs Detail ist es auch die Reife dieser Lieder, die Toy so beachtlich macht, und die Produzent Dan Carey (The Kills, Hot Chip) sehr gut zur Geltung bringt. Die Komposition und die Rhythmen von Reasons Why sind ähnlich komplex wie bei Electric Soft Parade. Es gibt viele dezent psychedelische Elemente wie Walk Up To Me, in dem das Tempo verschleppt wird und die Gitarre die Gesangsmelodie mitsingt wie ein Geist aus der Unterwelt. Das instrumentale Drifting Deeper nimmt eine interessante Entwicklung und hätte mit seiner geheimnisvollen Orgel auch gut auf den Soundtrack von The Virgin Suicides gepasst. Strange klingt wie eine abstraktere Version von Joy Division.

Auch der Gesang von Tom Dougall (er ist der Bruder von Rose Elinor Dougall, die früher bei den Pipettes war) trägt einen beträchtlichen Teil zum Reiz dieser Band bei. Immer wieder will er Größe verkörpern, dabei ist seine Stimme eigentlich recht dünn – das ergibt besondere Momente wie Lose My Way, das mit ganz viel Hall völlig entrückt klingt, oder die toll romantische Single My Heart Skips A Beat, die voller Weltschmerz steckt. Auch Make It Mine gehört dazu, das wie ein Moment flüchtigen Glücks klingt, oder wie ein fast schon überstandenes Unglück. Genau auf diesem Grat wandeln viele der Lieder von Toy.

Drei der fünf Mitglieder von Toy haben übrigens früher bei Joe Lean & The Jing Jang Jong gespielt. Diese Band sorgte 2007 mit der famose Single Lucio Starts Fires für reichlich Furore, schaffte es aber dann in einem Wirbel aus Hype und übervorsichtiger Musikindustrie nicht einmal mehr bis zu einer LP. Der NME führte damals eine Rubrik als Running Gag ein, in der die Tage gezählt wurden bis zum Erscheinen des immer wieder aufs Neue (und durchaus großspurig) angekündigten Debütalbums, das dann letztlich nie kam. Joe Lean & The Jing Jang Jong wurden so zur Lachnummer. Toy sind da schon einen großen Schritt weiter. Sie haben auf allzu lautstarke Kampfansagen verzichtet und stattdessen eine Platte vorgelegt, die nichts weniger als beeindruckend ist. Oder, wie sogar der NME anerkennt: “It’s weird and wonderful and you’ll want to listen again as soon as it’s over.”

15 Sekunden dauert es, bis im Video von My Heart Skips A Beat das Lieblingsspielzeug von Toy zu sehen ist:

Homepage von Toy.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.