Hingehört: Vampire Weekend – „Contra“ 8


Mit „Contra“ hängen Vampire Weekend schon wieder die Konkurrenz ab.

Künstler Vampire Weekend
Album Contra
Label XL Recordings
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

In diesen Zeiten, in denen alles immer schneller geht, ist man nicht nur verdammt fix wieder weg vom Fenster. Hat man einmal eine gute Idee, dauert es auch niemals lange, bis jemand anderes mit einer Kopie daherkommt.

Die zweifelsohne sehr modernen Jungs von Vampire Weekend wissen ganz offensichtlich um dieses Problem. Zwar gibt es auch 2010 noch niemanden, der ihren Sound auf dem grandiosen Debüt wirklich hinbekommen würde, irgendwo zwischen 1980er-Jahre-Pop, Paul Simons Graceland und dem stets dominierenden Drang, alles ein bisschen anders zu machen als alle anderen. Doch The Drums (die 1980er), Beach House (die Lust auf Afrika) und Foals (die Lust aufs Schräge) haben zumindest versucht, sich ihnen an die Fersen zu heften.

Bevor die Konkurrenz allzu nah kommt, machen Vampire Weekend also nun auf ihrem zweiten Album Contra: schon wieder alles anders. Das Album bietet beim flüchtigen Hören keine Hits und wird vor allem all jene enttäuschen, die vor allem über die Indiedisco-Hymne A-Punk ihren Weg zu Vampire Weekend gefunden haben.

Denn Gitarren gibt es auf Contra kaum noch (auch wenn gewiefte Tontechniker sicher den einen oder anderen Sechssaiter ausmachen werden, falls sie sich jemals aus dem Balkan-Wirbelwind Cousins mitsamt seiner Weihnachtsglocken befreien können), ebenso wenig wie Instant Hits (auch wenn sich Giving Up The Gun ziemlich schnell als göttlich entpuppt) oder zupackende Rhythmen (auch wenn das herrlich verspielte und bezaubernd sommerliche Holiday zwischendurch eine beachtliche Wucht entwickelt).

Das ist aber bei näherer Betrachtung kein allzu großer Verlust. Vampire Weekend haben schlicht einen riesigen Spaß am Geheimnis. Bevor es einen einzigen Ton von Contra zu hören gab, tauchten überall Fotos der mysteriösen Blonden auf dem Cover auf, die direkt dem Set von American Graffiti entsprungen scheint. Das Booklet hingegen (einfach nur die Texte auf kariertem Papier) sieht aus, als sei es als Strafarbeit beim Nachsitzen der Breakfast Club-Gang entstanden. Im Netz kursierten Gerüchte, der Albumtitel sei eine Anspielung auf die Rebellenbewegung in Nicaragua (obwohl es in I Think Ur A Contra dann ganz am Schluss des Albums doch nur um Vorurteile und Zwischenmenschliches gehen wird).

Diese Hinweise zeigen schon: Vampire Weekend sind auf Contra vor allem noch mutiger und noch virtuoser geworden. Keyboarder Rotsah Batmanglij hat produziert und es dabei geschafft, die Band noch ein ganzes Stück weiter in die Zukunft zu schießen. Der Opener Horchata ist fast nur Gesang und Rhythmus – dieser Rhythmus besteht allerdings aus mehreren Marimbas, fiesem Bass, mächtigen Trommeln, einer Kalimba (eine afrikanische Mischung aus Klavier und Percussion), einem Schreibmaschinen-Sound an einer Passage, die klingt, das schlage jemand zwei Hammerhaie gegeneinander.

White Sky basiert hingegen auf einem recht simplen Bass-Riff, hat einen komplett schrägen Refrain, der nur mit „ahh“ und „oohhhoooo“ auskommt und im Hintergrund schreit jemand halbherzig „ey“ herein, als wolle er sich heimlich über die Simplizität von A-Punk lustig machen.

Run vereint Computerbeats, die von einem ziemlich unheilbaren Virus befallen zu sein scheinen, mit reichlich betrunkenen Blasorchestern, einem echten Schlagzeug, das scheinbar aus der Todeszelle ausbrechen will und dem wundervoll unschuldigen Gesang von Ezra Koenig. Der überstrahlt auch California English, eine einzige Feier des Lebensgefühls im Sunshine State.

Auch Diplomat’s Son zeigt ganz vorzüglich, wie Vampire Weekend arbeiten. Der Song bricht mithilfe von M.I.A.-Sample, Nintendo-Beat und fast klassischen Streichern in Gegenden auf, in denen definitiv noch niemand zuvor war und macht unterwegs noch einen Ausflug in einen Western-Saloon. Das ist die absolute Freiheit, die unbedingte Kunst. „I know you’ll say / I’m not doing this right / But this is how I want it“, singt Ezra Koenig darin, und fügt dann an: „I can’t go back / to how I felt bevor“. Fürs nächste Album darf man das durchaus als Versprechen nehmen.

Schon wieder ein Filmzitat: Das Stirnband im Clip zum wunderhübschen Giving Up The Gun sieht mir schwer nach Karate Kid aus:

Vampire Weekend bei MySpace.