Weezer – „Hurley“ 4


Künstler Weezer

"Hurley" ist eine Figur aus "Lost" und zeigt: Hier fehlt es an Persönlichkeit.

„Hurley“ ist eine Figur aus „Lost“ und zeigt: Hier fehlt es an Persönlichkeit.

Album Hurley
Label Epitaph
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

Weezer sind zweifelsohne Experten darin, ihre Fans in die Irre zu führen. Nach dem unsterblichen Debüt (Codename: Blaues Album), mit dem sie 1994 nicht nur Emo erfunden, sondern auch einer ganzen Generation von Teenagern eine große Dosis Spaß in eine durchschnittlich betrübliche Pubertät gebracht haben, hatte alle Welt von den Kaliforniern mehr Hits, Hits, Hits erwartet. Und was gab es? Zunächst einmal die irre Idee von Frontmann Rivers Cuomo, das Rockstardasein zu verdammen, seine Wohnung komplett schwarz zu streichen und in Harvard ein Studium zu beginnen.

Als es dann doch noch ein neues Weezer-Album gab, fand sich darauf nichts, was MTV begeistert hätte. Pinkerton war sperrig, schräg – und noch genialer und unsterblicher als das Debüt zwei Jahre zuvor.

Hatte man dann gedacht, sie würden nun weiter in Richtung des Landes Pavement oder des Planeten Scheißdrauf entschwinden, sah man sich wieder getäuscht. Die dritte LP (bekannt als Grünes Album) war wieder höchst eingängig und massenkompatibel.

Auch später war Rivers Cuomo immer für eine Überraschung zu haben. Eine kleine Phase, in der er die Band-Website zur Plattform für die eigene Partnersuche macht? Ein Lady-Gaga-Cover? Ein Lied, das er für Katy Perry geschrieben hat? Ein Videodreh im Playboy-Mansion? Ein Gastauftritt von Lil Wayne? Ein Video voller YouTube-Stars? Ein Album mit Weezer-Raritäten namens Death To False Metal? Alles dabei.

Das Problem ist nur: In den vergangenen Jahren sorgte das seltsame Wesen von Weezer nicht nur für Verwirrung, sondern oft genug auch für Enttäuschung. Eigentlich schon seit dem Grünen Album haben ihre Platten einen nicht zu leugnenden Hang, Persönlichkeit durch eine bewährte und nur minimal variierte Hit-Formel zu ersetzen. Wenn man in der jüngeren Karriere von Weezer einen Trend ausmachen kann, dann führt er abwärts.

Auch das hat erstaunliche Resultate zur Folge: Im Oktober 2010 starteten einige Weezer-Fans eine Online-Petition: Sie wollen 10 Millionen Dollar sammeln, und sie dann der Band schenken – unter der Bedingung, dass sich Weezer auflösen statt weiter mit durchwachsenen Alben ihr eigenes Renommee aufs Spiel zu setzen. Das kurz zuvor erschienene Hurley, Weezers achtes Studioalbum, lässt solch drastische Schritte zumindest teilweise verständlich erscheinen.

Natürlich ist Weezer noch immer das Baby von Rivers Cuomo, und nach wie vor gibt niemand so gut wie er den Nerd mit gebrochenem Herzen. Der mittlerweile 40-Jährige beweist bei quasi allen Stücken auf Hurley weiterhin ein beneidenswertes Händchen für packende Riffs und betörende Melodien. Bestes Beispiel ist der Opener Memories, der dank eines Killer-Refrains zur Hymne wird. Cuomo singt davon, wie sehr er es vermisst, mit der Band auf Tour zu sein – und auch der Sound (übrigens mit den Jungs von Jackass als Background-Chor und Chris Pontius an der Gitarre) fängt diesen Hunger ein.

Doch insgesamt haben Weezer leider auch auf Hurley ihre Geschmackssicherheit verloren. Ruling Me hat den Druck und die Energie der Pinkerton-Phase, wirkt dann wegen der Chöre am Schluss aber ein wenig cheesy. Trainwrecks baut auf ein gutes Riff, bleibt aber etwas lahm. Unspoken hat eine rührende Intimität wie einst Butterfly, wird aber durch völlig überflüssige Streicher beinahe ruiniert und mündet zudem in einem Prollrock-Finale. Smart Girls hätte charmant werden können, wählt aber leider die Methode Vorschlaghammer.

Beinahe schon eine Selbstparodie ist Where’s My Sex, das nach einer Blink-182-Coverband klingt oder gar nach der Bloodhound Gang – mit dem Unterschied, dass die freiwillig lustig sein will. Run Away (mit Ryan Adams an der Gitarre) hat tatsächlich ein bisschen etwas von Bon Jovi, Hang On lässt mit seinen sehr prominenten Keyboards an Rooney denken und hat einen Text, der beinahe ertrinkt in Klischees.

Die Texte sind hier ohnehin das größte Problem. Da reimt sich „more“ auf „for sure“, „every day“ auf „get away“, „friend“ auf „end“ und „every night“ auf „make it right“. Das alles klingt so unglaubwürdig, banal und beliebig, dass man fast heulen könnte, wenn man sich daran erinnert, dass Weezer mal schlau waren, rührend und besonders. Dass Hurley nach einer Figur aus der Fernsehserie Lost benannt ist, passt da ins Bild: Aussagen über sein eigenes Leben, die echte Welt, authentische Gefühle, gibt es von Rivers Cuomo wohl nicht mehr.

Fast das Schlimmste an Hurley ist, dass Weezer wohl genau wissen, wie sehr sie bei all der Kurzweil und Eingängigkeit, die sie auch hier bieten, unter ihren Möglichkeiten bleiben. „A return to the very raw, emotional, high energy rock that Weezer is known for”, hatte Rivers Cuomo kurz vor Erscheinen der Platte im Interview mit dem NME versprochen. Das Wort „return“ ist dabei besonders spannend, denn es zeigt, dass auch die Band selbst die ersten drei Alben ihrer Karriere als Maßstab für ihr Können sieht.

Im gleichen Interview kündigte Cuomo übrigens auch eine Tour an, bei der Weezer die ersten beiden Alben komplett und in kleinen Clubs spielen würden. Das war aber leider nur ein weiterer Fall von falscher Fährte – bisher wartet man vergeblich auf diese Konzerte. Doch Weezer sollten die Idee unbedingt am Leben erhalten. Im besten Falle könnte eine solche Tour sie zumindest wieder ein Stückchen an die eigene Großartigkeit heranführen.

A Match Made In Heaven: Weezer und die Jungs von Jackass teilen im Video ihre Memories:

Weezer bei MySpace.


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