Hingehört: Yeah Yeah Yeahs – „Mosquito“


Für "Mosquito" haben die Yeah Yeah Yeahs ihren Horizont noch einmal erweitert.

Für „Mosquito“ haben die Yeah Yeah Yeahs ihren Horizont noch einmal erweitert.

Künstler Yeah Yeah Yeahs
Album Mosquito
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Ein Experiment: Man nehme zunächst einen durchschnittlichen Rockmusikfan, zeige ihm ein Foto von Karen O und fordere ihn auf, den Namen der abgebildeten Person zu nennen. Prognostizierte Trefferquote: 38 Prozent. Man nehme dann einen durchschnittlichen Rockmusikfan und fordere ihn auf, ein Lied der Yeah Yeah Yeahs zu singen. Prognostizierte Trefferquote: <3 Prozent.

Vielleicht ist das der Fluch des Trios aus New York: Karen O, Nick Zinner und Brian Chase gelten als sagenhaft hip, schick und wegweisend, jeder für sich, aber erst recht als Band. Bloß in einen echten Songklassiker hat sich diese Coolness noch nicht übersetzen lassen. Manch einer hat das letzte Album It’s Blitz als einen Versuch interpretiert, endlich diesen Schritt zu schaffen, mit ein bisschen mehr Kompaktheit und freundlichem Lächeln in Richtung der Radiosender, bei denen überhaupt noch Hoffnung darauf besteht, dass sie relevante Musik spielen. Sollte das die Strategie der Yeah Yeah Yeahs gewesen sein, dann hat sie nicht funktioniert.

Für Mosquito, ihr gerade erschienenes viertes Album, wählen sie deshalb einen neuen Weg. Wie der Vorgänger wurde die Platte von Dave Sitek produziert, doch der Charakter ist ein ganz anderer. Das Trio geht deutlich experimenteller zu Werke, ist cool wie immer und neuerdings sogar ein wenig lebensfroh: «Es geht um positive Gefühle. Wir hoffen, dass die Fans die Platte hören und etwas spüren. Wir haben soviel in die neuen Songs gelegt, es war, als ob eine Strickleiter zu uns in die Tiefe gelassen wird, damit wir hinaufklettern und uns den Staub von den Klamotten klopfen. Ich hoffe, andere werden auch hochklettern», sagt die neuerdings blonde Karen O tatsächlich über Mosquito.

Es gibt ein paar Lieder, die diese Ankündigung glaubhaft wirken lassen. Die Single Sacrilege wartet mit einem 20-köpfigen Chor und schönem Groove auf, klingt dicht und mächtig. Karen O singt abwechselnd wie eine Furie und eine gute Fee und das Ergebnis könnte man beinahe einen Popsong nennen, ein Like A Prayer des Jahres 2013.

Vor allem aber bestimmt die Lust auf Freiheit dieses Album. Das Geräusch eines Zuges ersetzt den Beat in Subway, das wunderbar den Zauber eines kurzen Moments einfängt, der ein ganzes Leben verändern kann. Im Titelsong liefern sich Gitarre und Percussions einen Wettstreit, wer zuerst für unzurechnungsfähig erklärt wird. Das Ergebnis ist abgefahren und bedrohlich wie das von Beomsik Shimbe Shim gestaltete Plattencover, auf dem ein Neon-Baby von einer Riesenmücke erdolcht wird.

Under The Earth bietet Science-Fiction-Horror und evoziert Bilder im Kopf, die genau in der Mitte zwischen den Coen-Brüdern und David Lynch ihr Zuhause finden. Im sexuell aufgeladenen Slave klingt die Gitarre so scharf, als habe sie sich gerade mit einem Schleifstein gepaart. Eine verfremdete Orgel dominiert das beinahe elektronische These Paths.

Man merkt Mosquito deutlich an, dass sich alle drei Bandmitglieder zuletzt ausgiebige Ausflüge in andere Gefilde gegönnt und ihren ohnehin beträchtlichen musikalischen Horizont dabei noch einmal erweitert haben. Karen O hat zuletzt an Soundtracks gearbeitet (für die Kinoverfilmung von Wo die wilden Kerle wohnen und für Verblendung, gemeinsam mit Trent Reznor) und eine Oper (!) namens Stop The Virgens geschrieben. Nick Zinner war am letzten Album von James Iha beteiligt, Brian Chase war auf Tour mit Jazzmusiker Seth Misterka.

All das trägt dazu bei, dass Mosquito eine ambitionierte, sehr moderne und kunstvolle Rockplatte geworden ist. Allerdings leisten sich die Yeah Yeah Yeahs auch ihre Fehlgriffe: Area 52 klingt wie Glamrock, nachdem der von unmusikalischen Aliens entführt und umprogrammiert worden ist. Auch der Rap von Dr. Octagon im monotonen Buried Alive ist eher peinlich. Always mit seinem angedeuteten Latin-Beat und dem Bass, der Dub-Tiefen nacheifert, wird eher eine Stimmung als ein Song und kann auch dadurch keine Intensität gewinnen, dass Karen O geschlagene 48 Mal das Wort „always“ singt.

Das sorgt in der Mitte für einen erstaunlich großen Durchhänger. Insgesamt bleibt Mosquito aber ein gelungenes und vor allem spannendes Album. Am besten sind die Yeah Yeah Yeahs diesmal, wenn sie sich ein bisschen Verletzlichkeit erlauben: Der tolle Wedding Song ganz am Ende ist ein Höhepunkt, und auch Despair unmittelbar davor müsste in einer Hülle aus Gänsehaut ausgeliefert werden, sollte es jemals als Single veröffentlich werden. Das Stück wirkt beinahe wie ein Liebeslied an die eigenen Ängste, Neurosen und dunklen Momente, und bäumt sich am Ende mächtig auf.

Ein Song, den der durchschnittliche Rockmusikfan in ein paar Jahren noch mitsingen kann, ist auf Mosquito nicht in Sicht. Aber vielleicht haben die Yeah Yeah Yeahs diesmal auch ein ganz anderes Ziel ins Auge gefasst: Noch drei Nominierungen ohne Trophäe für die ersten drei Alben wäre es bei Mosquito endlich mal an der Zeit für einen Grammy.

Die Yeah Yeah Yeahs spielen Sacrilege live bei Letterman:

Homepage der Yeah Yeah Yeahs.

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