Durchgelesen: Kai Weyand – „Am Dienstag stürzen die Neubauten ein“


 

Die Figuren von Kai Weyand sind Filmhelden - oder wollen es sein.

Autor Kai Weyand
Titel Am Dienstag stürzen die Neubauten ein
Verlag Wallstein
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

„Everybody’s a dreamer / and everybody’s a star / And everybody’s in movies, it doesn’t matter who you are“, haben die Kinks einst in „Celluloid Heroes“ gesungen. Das sieht Kai Weyand genauso.

Der 40-Jährige legt mit „Am Dienstag stürzen die Neubauten ein“ nun seinen ersten Band mit Erzählungen vor. Und seine Figuren sind fast alle Filmhelden – oder sie wollen zumindest welche sein. Sie spielen ihr Leben lang eine Rolle, sie üben die Dialoge und nutzen manchmal einen ganzen Tag bloß zur Kostümprobe. Ihr Charakter ist oft nur der Part in einem Drehbuch, ihre ganze Persönlichkeit bloß ein Puzzle aus Zitaten.

Meistens geht es ihnen gar nicht schlecht – aber der Anspruch, den sie haben, sei es für ihre Beziehung oder ihre Karriere, ist Hollywood. Sie alle haben das genaue Bild eines Ideals in Technicolor vor Augen. Sie wissen, dass dieses Ideal bloß in einer Scheinwelt existiert. Und trotzdem erscheint es erreichbar und real, trotzdem sehnen sie sich danach – und scheitern.

Wie sehr sie sich dessen bewusst sind, und wie sehr sie auch daran leiden, machen die Geschichten wunderbar klar. Selten ist es Weyands Sprache, die dabei aufmerken lässt, meist ist es die Perspektive, die er wählt, um die Schizophrenie seiner Figuren besonders eindrucksvoll zur Geltung zu bringen.

Die können dabei an sich selbst scheitern wie in „Knockout“, gelangweilte Spinner sein wie in der Titelgeschichte oder sogar zum Lebensretter werden, wie in „Rhythm’n’Blues“. Hätte den Kinks sicher auch gefallen.

Beste Stelle: „Ich suchte in meinem Kopf, ob der Schmerz sich vielleicht in der Seele oder sonstwo eingenistet hatte. Aber nichts. Gar nichts. Es war, als ob ich durch den Regen gelaufen und nicht nass geworden wäre. Mein Herz war durchbohrt wurden, und doch war da kein Loch. Ich müsste verletzt sein, dachte ich. Es ist nicht normal, nicht verletzt zu sein, wenn ein Pfeil das Herz durchbohrt hat. Ich spürte, wie ein Gefühl in mir aufkam, das weitaus schlimmer war als jede Verletzung, die ich mir hätte vorstellen können: Ich fühlte mich schuldig.“

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