Hundreds, Centraltheater, Leipzig


Der Sound von Hundreds passte perfekt zur Atmosphäre im Centraltheater.

Der Sound von Hundreds passte perfekt zur Atmosphäre im Centraltheater.

Elektronische Musik und eine Konzertbühne – das ist bei weitem nicht immer eine glückliche Konstellation. Kein Wunder: Oft ist es schon nicht sonderlich spannend, ein paar Kerle mit Gitarren in der Hand anderthalb Stunden lang zu betrachten. Wenn die Kerle dann nicht einmal mehr Gitarren haben, sondern bloß hinter Laptops und Turntables sitzen, ist das dann erst recht nicht zuträglich in puncto Augenunterhaltung.

Trotzdem haben es einige Acts geschafft, sich auch als Live-Größen zu etablieren. Aber sie tun das meist, indem sie entweder auf spektakuläre Video-Projektionen setzen, oder den Saal in einen riesigen Club verwandeln – und sich somit in beiden Fällen selbst unsichtbar machen.

Hundreds aus Hamburg gehen einen anderen Weg. Auch sie machen zweifelsohne elektronische Musik, wenn auch nicht in der Kategorie, die nach dem mächtigsten Beat sucht, sondern eher im Reich der verträumten Klangmaler. Doch bei ihnen entsteht die Spannung dadurch, dass man nie genau weiß, welcher Teil dieses sehnsüchtigen Sounds nun gerade aus der Konserve kommt, und welche Teil gerade live auf der Bühne entsteht. Da erklingt plötzlich eine zweite Gesangsstimme, ein Bass der gar nicht da ist oder eine Keyboardmelodie, obwohl niemand die Tasten drückt – und drumherum wird gekonnt musiziert. Die „echten“ Töne sorgen eher für die Akzente, die Konserve liefert oft das Grundgerüst.

Für das Konzert im Centraltheater haben Hundreds, eigentlich die Geschwister Phillip und Eva Milner, Verstärkung mitgebracht. Zwei Schlagzeuger links und rechts der Bühne sorgen für die nötige rhythmische Komplexität. Natürlich sind sie mit Kopfhörern ausgestattet, denn sie gliedern sich ein in das Klangbett, das Phillip Milner mit Klavier und Synthies schafft.

Das geht noch deutlich über den ohnehin beträchtlichen Reiz hinaus, den Hundreds schon auf Platte haben. Das instrumentale Intro beweist, wie knackig und kraftvoll Beats auch dann sein können, wenn sie tatsächlich einer Tommel entlockt werden – und nicht einem Rechner. Danach entsteht ein faszinierendes Wechselspiel aus Spontaneität und Samples, das sogar so weit geht, dass Evas Stimme bei einem Song komplett vom Band kommt.

Die Sängerin ist natürlich der Mittelpunkt der Show, die sie mit nichts als einem höchst effektvollen Ausatmen beginnt. Barfuß, zu Beginn mit Hoodie und dann in so etwas wie einem Ballett-Anzug wirkt sie wie eine Mischung aus Grace Jones und Catwoman. Viel mehr als die Optik wirkt aber auch hier der Klang: Eva Milners Stimme ist nicht nur eine interessante Mischung aus Beth Gibbons, Amanda Palmer und Vienna Teng (jeweils große Portionen) sowie Alanis Morissette und Dolores O’Riordan (jeweils eine kleine Prise). Ihr Gesang packt die Zuhörer im Centraltheater vor allem, weil sie selbst scheinbar mit ihm kämpft. Eva Milner singt, als erkunde sie bei jedem Lied gerade selbst erst ihre Stimme, als lotet sie ihre Grenzen aus und lerne ihre Möglichkeiten kennen. Genau in diesem Moment.

Ähnliches gilt an diesem Abend in Leipzig für den Sound von Hundreds. Vieles ist sphärisch, manches etwas zupackender wie der Quasi-Hit Let’s Write The Streets, der in der Zugabe erklingt. Röyksopp, Robyn oder auch Stars heißen die Koordinaten. Besonders clever: Immer wieder einmal fließt ein kleines Eighties-Element in den Sound ein. Wie ein kurzer Sonnenstrahl durch einen bewölkten Himmel leuchtet dann plötzlich eine angedeutete Melodie, ein Schlagzeug-Fill oder ein Keyboardsound hindurch, der an Klassiker der Achtziger erinnert. Auch das trägt dazu bei, dass in Leipzig keine Langeweile aufkommt.

Hundreds erweisen sich den gesamten Abend über als Meister der Dosierung: gerade genug Schwung, gerade genug Abwechslung, gerade genug Licht, um spannend zu bleiben. Das lässt an The XX denken – und findet seine Entsprechung auch in der Kürze der Show. Nach 45 Minuten ist erst einmal Schluss, und es ist der perfekte Moment dafür.

Mit einem neuen Song, der womöglich Please Rewind heißt, kommen Hundreds dann noch einmal zurück auf die Bühne, in der zweiten Zugabe gibt es zum Abschied von Leipzig Little Heart – zum Heulen schön.

Hundreds spielen im Centraltheater Leipzig einen wunderhübschen neuen Song als Zugabe, Arbeitstitel Please Rewind:

Hundreds bei MySpace.

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