Durchgelesen: David Gilbert – „Die Normalen“


Autor Dave Gilbert

„Die Normalen“? Von wegen. Es wimmelt von schrägen Typen.

Titel Die Normalen
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung

Keine Lust. Kein Antrieb. Keine Motivation. Billy A. Schine ist 28, hat Harvard hinter sich gebracht, und weiß nun nichts mit sich anzufangen. Schlimmer noch: Die Jahrtausendwende steht bevor. Und ein Geldeintreiber sitzt ihm im Nacken. Deshalb entschließt er sich, an einem Medikamententest teilzunehmen. Das soll ihm etwas Geld und zwei Wochen Ruhe bringen.

Der Weg in die Klinik ist aber nur eine halbe Flucht. Dahinter steckt auch der Wunsch, etwas zu erleben, vielleicht sogar beizutragen – irgendetwas.

Der widersprüchliche Wunsch, der Welt zu entgehen und ihr gleichzeitig ausgeliefert zu sein, den der „New Yorker“ als Kern dieses Debütromans erkannt hat, ist auch den anderen Probanden eigen. Gilbert hat ein reichlich bizarres Ensemble zusammengestellt. Der junge Do, der plötzlich die Bibel entdeckt. Der Schauspieler Lannigan, der makabre Späße mehr liebt als seine Körperbehaarung. Und Gretchen, die wie alle anderen hier unbedingt etwas hinterlassen will, und seien es bloß anrüchige Episoden und gebrochene Herzen.

Einige Figuren scheint der Autor auch bloß einzuführen, damit er ihnen ein paar nette Sprüche, schräge Theorien oder protzige Bildungsbürgerlichkeit in den Mund legen kann. Das ist zwar für die Geschichte überflüssig, aber immerhin ganz unterhaltsam und zudem auch schon die einzige Schwäche an diesem Buch. Und auch die ist verzeihlich, denn in keiner anderen Szenerie würden solch schräge Typen so realistisch wirken wie in diesem Mikrokosmos: schließlich weiß hier niemand, welche Nebenwirkungen das neue Medikament auslösen kann, oder ob gar alle bloß Placebos verabreicht bekommen.

Die wirklich gespenstischen Szenen spielen sich aber außerhalb des Hargrove Anderson Medical Center ab. In Billys Elternhaus, beispielsweise. Und vor allem im Fernsehen, wo sich Amerika auf allen Kanälen als „Triumph des Optimismus über die Wahrheit“ präsentiert, wie Gilbert es nennt.

Überhaupt: diese Schreibe! Die Sprache kommt hier so gewaltig und kraftvoll daher, dass man manchmal Angst hat, sie würde einen gleich in den Schwitzkasten nehmen. Dazu zündet Gilbert ein ganzes Feuerwerk von Metaphern, von denen sich (auch dank der gekonnten Übersetzung von Chris Hirte) keine einzige als Fehlzündung erweist. Man merkt dem Autor dann an, dass er sonst für Zeitschriften schreibt. Und man versteht, warum die US-Presse David Gilbert nach diesem starken Roman schon mit Don Delillo, Douglas Coupland oder Bret Easton Ellis vergleicht.

Beste Stelle: „06:57. Ein paar Minuten vor dem Wecken aufzuwachen ist immer eine nette Überraschung. Der innere Rhythmus im Einklang mit Sonne und Mond und dem ewig expandieren Universum anstelle von – piep!piep!piep! – heller Wut und scheißender Angst. Vor dem Wecker aufwachen, das ist wie einen Ganoven übers Ohr hauen, den Countdown einer Bombe im letzten Moment stoppen. Jawohl, Billy kommt sich involviert vor, ein bisschen wie ein Komplize. Armer Do, armer Lannigan. Die sind am Arsch, denkt er. In drei Minuten gehen die in die Luft.“

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